In meinem Schatten

Es war das Jahr, bevor ich der Heimatstadt den Rücken kehrte. Ich traf mich oft mit Tom*. Den Sommer über wurden Völler, Klinsmann & Co in Italien die Daumen gedrückt. Und im Oktober bei der offiziellen Feier der deutschen Wiedervereinigung in Berlin standen wir vor dem Fernseher zur Nationalhymne auf und hielten uns kitschig wie die Amerikaner die rechte Hand ans Herz. Ich kannte Tom natürlich quasi vom Sandkastenalter an. Es ist bei uns fast unmöglich, jemanden nicht zu kennen. Aber es ist doch nicht so klein, als dass man mit jedem schon zu tun gehabt hätte. Was Tom über mich wusste, oder zu wissen glaubte, kann ich natürlich nicht sagen. Ich hatte vielleicht mal ein paar Worte mit seiner Schwester gewechselt, die durchaus extrovertierter war. Zu dem Zeitpunkt, glaube ich, schon verheiratet.
Tom war hager, lang und durchaus kräftig. Eher derjenige, der zuhört. Wenn ich es schaffte, ihm ein Lächeln zu entlocken, blitzen seine Augen schelmisch auf. Vermutlich war er eine männliche Jungfrau. Aber die stillen Gewässer sind tief und voll unentdeckter Geheimnisse, die nicht an die Oberfläche kommen.
Tom hatte eine seltsame Art der Hilfsbereitschaft. Er tat einfach alles. Er reparierte mein Fahrrad, kaufte Ersatzteile, fuhr mich mit dem Auto überall hin, nahm mich mit in die Werkstatt seines Opas, gab mir alles Material, Hilfsmittel und Werkzeug, damit ich Boxen für mein Auto bauen konnte. Zwar unsauber gearbeitet, aber sie halten heute noch. Und für all das verlangte er keine Gegenleistung – gar nichts.
Er hat auch all meine Geschwätzigkeit ertragen. Wenn ich zur Höchstform auflief und die Rätsel der Menschheit und des Kosmos im Allgemeinen und das Wunder des Knackarsches von Sybille im Speziellen lösen wollte, war er ein geduldiger Zuhörer. Tom, der Mann für alle Fälle. Tom, das Faktotum.
Irgendwann musste ich in die weite Welt, oder was ich dafür hielt. Und er ist in der Firma seines Vaters untergekommen. Eine Sargschreinerei. Zweimal noch hatten wir Kontakt. Es war spät abends. Er rief mich in der neuen Stadt an. Er müsse mir etwas erzählen, er hätte sich verliebt! Ganz in meinem Gesprächsstil, dem ich ihm so lange vorgelebt hatte, schilderte er mir die Vorzüge seiner Freundin, wobei der massivste Eindruck ihr Busen war. Ich gratulierte ihm und ging schlafen.
Das letzte Mal, als ich ihn sah, war ich zu Besuch in der Heimat. Da hatte er die Frau dabei, und es stand fest, dass sie heiraten würden. Ich hoffte für Tom, dass er glücklich werden würde. Ein paar meiner Witze auf ihre Kosten jedoch haben dazu geführt, dass ich nie wieder etwas von ihm hörte.

* Name geändert

4 Kommentare

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

4 Antworten zu “In meinem Schatten

  1. Schon komisch, wie Distanz und Partnerschaften manchmal eine Freundschaft beenden. Bei anderen funktioniert es anders, da kann man sich jahrelang nicht sehen und sprechen, aber wenn’s so weit ist, scheint kaum ein Monat vergangen. Du kannst ja bei ihm den nächsten Sarg bestellen :-) (Das war jetzt auch so ein kalauernder Witz, der nach hinten losgehen könnte. Bitte bloß nicht …)

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  2. Monika-Maria Ehliah

    Witze auf Kosten eines anderen Menschen machen ist eben schäbig.
    Warum hattest du es noetig andere klein u machen ….
    Liebe Grü0e dir und Segen!
    M.M.

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    • Nun, die Witze wurden nicht ausgesprochen, um sich auf ihre Kosten zu amüsieren, sie wurden nur von ihr so interpretiert. Also ein Schuss, der nach hinten los ging. Ihr großer Einfluss auf ihn führte dazu, zu mir den Kontakt komplett abzubrechen. Da kann man jetzt mit Schuldzuweisungen groß dealen. Ich lasse es. Aus meiner Erinnerung hat sich ein Satz geformt, daraus habe ich eine Geschichte gemacht. Literatur.

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