Brüder, das war heute mein Tag

Ich beginne meinen Bericht mit dem angenehmsten. Als ich von der Arbeit kam, eine Zeitung und drei einfache Brötchen mitbrachte, vertrieb ich meinen Hunger, der sich gut versteckt hatte. Meine Brüder, vermutlich hätte ich nicht mal gemerkt, wie sich mein Magen nach belegten Brötchen mit Wurst sehnte, bis es Abend geworden wäre. All meine Kollegen haben ja genug süßes Zeug auf den Tischen liegen. Es unterhält sich einfach gemütlicher, wenn man dabei nascht. Scheiß Arbeit, kurz vor Weihnachten kommt nichts neues mehr rein, man sitzt nur die lausig bezahlten Stunden ab. Ihr kennt es, Brüder.
Ein ordentliches Mahl war aber nur das Vorspiel. Ich ging ins abgedunkelte Schlafzimmer, streckte mich aus und startete mit der Fernbedienung Musik. Und dann, schwer zu beschreiben, sank ich wie in ein tiefes, tiefes Meer. Soweit es noch Licht gab, kamen mir Gestalten in merkwürdigen Situationen entgegen, ich selbst wurde vielfach gespiegelt und ich erkannte eigene Erinnerungen. Dann wurde es dunkel und wohltuend still.
Kurz bevor ich wieder die Wasseroberfläche erreichte, schoss mir der Gedanke durch den Kopf:
„Ich geh nicht arbeiten! Ich geh nicht arbeiten!“
Ich wachte auf und schnappte nach Luft. Etwas hatte mich erschreckt. Dennoch war ich ruhig. Ich weiß nicht, wie lange ich weg war, aber es hatte mir gut getan. Ihr wisst, wie das ist.
Ich lag noch eine Weile so im Bett. Wie es draußen aussah, war mir egal, denn entweder war es dicht bewölkt oder schon dunkel, was heute irgendwie dieselbe Scheiße war.
Liebe Brüder, mein Tag fing damit an, viel zu früh in eisiger Kälte auf Busse zu warten, die sich verspäteten, überall die Frauen mit den Augen zu scannen, ob sich eine meiner würdig erweist, vor meinem Computer am Arbeitsplatz hochbeschäftigt auszusehen und dabei möglichst gar nichts zu tun. Dann retour mit den Bussen. Das kennt ihr, Brüder.
Jetzt ist Abend. Draußen rollt noch viel Verkehr durch die Straße. Bis etwas großes böses den ganzen Tag gefressen hat, und ich zu Bett gehen muss, um morgen wieder im gleichen Rädchen zu laufen wie jeden Tag. Sagt mir Brüder, wie konntet ihr es so lange ertragen?

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Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

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