Aus einem Milieu

Mit 18 rannte ich in Krefeld rum.
War Sänger in ’ner Luftgitarrenband.
Mein Vater nahm mir das immer krumm,
ich sollt ’s doch besser ham als er.

Wir malochten in der Fabrik bis vier.
Und der Meister schimpfte von früh bis spät.
Für meinen Wagen habe ich Breitreifen bestellt.
In uns’rer Kneipe ging drauf die letzte Mark für Altbier.

Es gab so viele Mädchen zu küssen.
So schöne hast du noch nicht gesehen.
Man legte den Gang rein
und schon fing an die Motorhaube zu vibrier’n.

Jetzt sitz‘ ich hier, bin etabliert,
und schreib mit Pentium 4,
ein Lamento über meine Vergangenheit,
damit ich den Frust verlier‘.

Ich hab ’nen Vetrag mit ’nem Verlag
und man nennt mich intellektuell.
Mein Vater wär‘ tierisch stolz auf mich,
hätt‘ er ’s noch mit erlebt.

Doch ich will zurück in den Dschungel,
wo die Aufrechten und Tapferen überleben.
Als Asphaltjunkie fahr’n bis die Sonne aufgeht.
Und wiederfinden, was ich einst verlor.

Ich will zurück in den Dschungel,
ich will zurück in den Dschungel,
ich will zurück in den Dschungel,
denn Liebe geht nicht ohne Verlust.

(©hristoph Aschenbrenner frei nach M. M.-W.)

Das ist mir so ‚raus geruscht‘ als mir simonsegur „Auf eine fett-fröhlich-baggerlose-kreativstarke 17!“ wünschte … ich habe erst gar nicht geschnallt, was er meinte.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

3 Antworten zu “Aus einem Milieu

  1. Interessante Sichtweise. Hieße aber auch, dass Du nur von Dir zeitnahen Figuren lesen willst? Also auch nicht aus weiblicher Sicht? Gothes Wilhelm Meister ist auch über weite Teilen ein Kinder- und Jugendschicksal …
    Aber wurscht, ich fang jetzt nit an zu psychologisieren :-) Liebe Grüße!

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  2. :-)
    Wobei mich Dein herrlicher Song (für mich klingt das irgendwie musikalisch, deshalb weniger Gedicht als Song) natürlich nachfragen lässt, warum Du mit jungen Charakteren beim Lesen Probleme hast – obwohl oder weil Du ja öfters über Deine Jugend schreibst. Mochtest Du Balthasar Bux in der „Unendlichen Geschichte“ nicht? Oder Harry Potter?
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Tja, Balthasar war schon ein wenig ein Depp, und bei Zeiten von Harry Potter habe ich ernsthafte Literatur geschrieben … ;-) Die Frage ist aber durchaus berechtigt! Es hängt vielleicht damit zusammen, dass man manche Dinge nicht erfinden kann (konstruieren), weil man bestimmte Erfahrungen und Erinnerungen hat. Das hilft bei der Authentizität. (Wichtig finde ich aber auch, inwieweit ich mich als Autor vom Werk distanzieren kann!!) Bei mir ist der ganze Zauber und auch Ärger abgeschlossen. Wozu soll ich mich noch um andere (literarische) Kinder- und Jugendschicksale kümmern?

      Gefällt 1 Person

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