Ein Drabble

100 Wörter exakt und folgende Wörter müssen vorkommen: Zwetschgenkern, Messingsägespäne und Hostie. So wurde es mir von simonsegur aufgetragen. Hier ist das Ergebnis.
Man kann auch ein Event daraus machen! Indem ich das Konzept meiner real existierenden Autorengruppe Sem;kolon vorstellte und wir es alle nun bis zum nächsten Mal als Hausaufgabe zu lösen haben. ;-)
Vielleicht meine heimliche Rache dafür, dass sie mir verboten haben, einen meiner Texte auf Lesungen zu verwenden. Der, indem ein Autor sein Publikum arg verachtet … :-)

Im Oberland ist heuer der Herbst mild. Der Bub pflückt heimlich im Garten. In der Werkstatt noch Licht. Da kommt der Onkel hinaus und ruft ihn. Sein Onkel ist Metallbauer. „Hier, halt das!“ Der Alte hat ein großes Rohr in den Schraubstock gespannt und fängt an zu sägen. Der Junge hält eine Dose darunter, um die Messingsägespäne aufzufangen. Zwar kein Gold, aber man kann es einschmelzen und wieder verwenden. Vielleicht macht der Onkel aus dem Rohrstück einen Kelch oder eine Schale für die Hostie in der Kirche. „Geh! Gute Nacht!“ Der Junge antwortet nicht. Draußen spuckt er den Zwetschgenkern aus.

Foto: R. Plöger

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Bei Sem;kolon zu Hause, Liebster Award

2 Antworten zu “Ein Drabble

  1. Sehr schön! Stimmungsvoll, nachdenklich und ästhetisch. Meinen großen Respekt, dass Du diese doch arg kniffligen Wörter in solch kurze Miniatur geformt hast – ohne dass sie künstlich wirken!! Und zu Deinem Vorspann: Du kennst sicher Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ (oder vielleicht doch nicht, weil, is ja ein Theaterstück)? Nie hat ein Autor sein Publikum mehr verachtet – Du stehst also in großer Tradition :-)

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank, Herr Kollege! Ich hatte tatsächlich die Stimmung des Textes sofort im Kopf, als ich zum ersten Mal von diesen drei Stichworten las. Klar, Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Wir sprachen auch bei unserem Autorentreffen in genau diesem Zusammenhang darüber. Alle hatten davon gehört, auch nicht Germanisten – nur gelesen hatte es niemand, auch ich nicht. ;-) Ich nehme an, dass es andere Zeiten waren und ein anderer Kontext, als Handke es schrieb. Wenn ich also das nächste Mal eine Lesung beginnen muss und sage: „Ich freue mich, dass Sie heute Abend hier her gekommen sind!“ – ist das schon Zynismus … :-)

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.