Reizthema

Unsere Sinne sind permanent neuen Informationen ausgesetzt. Morgens ist das Sonnenlicht zu grell. Die Kehrmaschine auf der Straße ist viel zu laut. Die Suppe versalzen. Die Mülltonne stinkt ekelhaft, wenn man sie öffnet. Es ist morgens saukalt und nachmittags brüllend heiß. Dann stößt man sich noch den Kopf an der schrägen Wand in der Dachwohnung.
Merkt Ihr was? Es ist alles negativ. Genauso könnte ich auch angenehme Sinneserfahrungen vorstellen.
All diese Informationen, Reize von außen, werden vom Gehirn ausgewertet. Ein normaler Mensch sortiert direkt die unwichtigen Inputs aus. Ein am Auto vorbeifliegender Schmetterling ist nicht wichtig, eine rote Ampel vor einem schon.
Wie viel Gigabyte Daten bekommen wir wohl Tag für Tag von unserer Umwelt serviert? Zu viel wohl, um alle dauerhaft zu behalten, zu speichern.
Es gibt aber auch diejenigen, die eine stark eingeschränkte Filterfunktion haben. Die nicht nur Schwierigkeiten haben, Wichtig von Unwichtig zu trennen, sondern auch sehr viel Datenmüll mit sich herum schleppen.
Und zu diesen zähle ich auch.
Wenn meine Festplatte überläuft, bekomme ich Stress. Wegen Dingen, die mich belasten, aber für andere eher bedeutungslos sind. Und der Datenstrom läuft ja im Job und Alltag immer weiter. Es gibt Leute, die deswegen Depressionen haben. Wie ich oft darauf reagiere zeigt folgendes Beispiel:
Komme in den Bus, erhitzt, müde. Der Bus ist voll, aber ein Platz ist noch frei. Ich quetsche mich da hinein und meine Tasche wedelt einer älteren Dame vor der Nase herum. Tippe auf pensionierte Lehrerin.
Sie: „Sie meinen wohl, der Bus gehört Ihnen?!“
„Ja! Und wenn ich dürfte, würde ich ihn auch fahren!“
Ich habe den Kanal voll, bin gereizt und erledigt. Außerdem finde ich, dass ich in kurzer Hose, die ich trage, immer wie ein Grundschüler aussehe, der die 4. Klasse seit 40 Jahren wiederholen muss.
Was ist zu tun? Bleibt nur, sedierende Medikamente zu nehmen?
Es helfen feste Tagesstrukturen und Rückzugsmöglichkeiten jederzeit.
Man kann dieses Problem auch als Begabung begreifen. Den vorhin erwähnten Schmetterling, seine Farben bei der nicht wiederholbaren Sonneneinstrahlung und Intensität. Der flatterhaft fliegende Tanz. Die verspürte Sehnsucht an den geheimen Ort, wo man sich als Kind versteckte, an dem nur die Schmetterlinge waren – all das ist Nährboden für die Künste. Hier wird man sie los, hier bedeuten sie etwas, hier befreit man sich und erfreut sich und andere. Malen, Musizieren und Schreiben leben von Details. Von den aussortierten Informationen einer hektischen, lauten, leeren Welt.

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Eingeordnet unter 2017, Gesundheit

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