Die Not der anderen

Ich beuge mich wiederholt über die Scheibe der Tiefkühltruhe. Nachdem ich Beutel mit Fertiggerichten umgedreht habe, versuche ich zu lesen, was für Zutaten sie enthalten. Es gibt Nasi Goreng, Westernpfanne und anderes.
Es ist schon Abend. Habe Hunger. Und es soll schnell gehen.
Neben mir taucht ein Schatten auf. Nur ein anderer Kunde. Wird gleich weiter gehen.
Eine Frauenstimme sagt: „Ich gebe Ihnen mal einen Tipp!“
Sie ist klein. Bob Frisur. Graue Haare. Große Brille. Ihr Blick ist wie abwesend. Als wäre ihre Welt untergegangen und sie wundert sich, dass es diesen Supermarkt noch gibt und Männer, die sich beim Einkaufen furchtbar ungeschickt anstellen.
Pragmatisch und freundlich sagt sie: „Probieren Sie mal die von Frosta. Die sind absolut frei von Zusatzstoffen. Ich weiß das. Ich habe es im Fernsehen gesehen. Ich habe es mal probiert, die sind lecker. Ich musste nicht nachwürzen. Aber sie müssen nichts kaufen. Es ist nur ein Tipp.“
Mit einem Blick sehe ich, dass die Frosta-Sachen viel teurer sind und fast alle zu dieser Zeit ausverkauft.
Ich lächle gequält.
Sie geht weiter.
Mit einem Fertiggericht nicht von Frosta und einer Dose Cola stelle ich mich an eine gerade geöffnete Kasse. In der Schlange an der anderen Kasse wartet diese Frau. Als gehöre sie nicht dazu. Nicht in dieses Leben. Traurig.
Ich wünschte mir, man könne fremde Menschen umarmen, wenn das Herz spürt, dass sie leiden. Wenn es trösten würde.

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Eingeordnet unter 2017

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