Landmann

Bei der Zimmersuche zu Beginn meines Studiums hatte ich hier in der Stadt kein Glück. Vielleicht wäre etwas gegangen, wenn mein Vater Zahnarzt, Professor oder Unternehmer gewesen wäre …
Es gab einen Wohnverein, der den Service bot, Adressen und Telefonnummern von Vermietern an eine Pinnwand zu stecken. Gegen einen Mitgliedsbeitrag versteht sich.
Es wurde zeitlich eng und ich fing zum Wintersemester an. Ich brauchte eine Bleibe! Da war etwas, sehr günstig, außerhalb der Stadt zwar, aber mit der Deutschen Bahn zwei Stopps weiter zu erreichen. Ich rief an.
Achtung! Das war alles vor dem Boom der Handys. Und auch die Deutsche Mark war noch die Währung, von der jeder überzeugt war, dass sie nie in etwas anderes umgewandelt werden würde.
Die Frau am Telefon sprach freundlich, nur in einem merkwürdigen Tonfall. Wie ich später herausfand, hörte sich das bei ihr oft so an, wenn sie keinen Dialekt sprach. (Wie erst mein rheinisch auf sie gewirkt hat …) Sie hätten ein möbliertes Zimmer, ich könne sofort einziehen. Die Berichte über die Wohnungsnot der Studenten hätten dazu geführt, dass sie was machen wollten. Platz genug auf dem Bauernhof wäre ja genug.
Bauernhof! Letztlich egal, mit der Zeit würde ich sicher was in der Stadt finden. Aber auf der anderen Seite reizte es mich ungemein, das Leben auf einem Hof hautnah kennen zu lernen. Und glaubt mir, das habe ich …
Der Bauer würde mich morgen Vormittag am Bahnhof abholen. Die Bäuerin, mit der ich sprach, hatte die Zeiten der Züge im Kopf, so würde er mich nicht verpassen.
Als ich dann ankam, ein winziger Bahnhof, stieg der Alte aus seinem Mercedes, nickte freundlich, nahm meinen Koffer und die Tasche, legte sie in den Kofferraum, und fuhr mit mir los.
Nebelig war es an diesem Tag. Wir saßen nebeneinander und ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Das war ihm wohl recht.
Später, als ich den Alten besser kannte, wusste ich, er sagte nie viel, er arbeitete lieber.
Die Straße machte zwei Kurven. Niemand unterwegs. Und dann lenkte er das Fahrzeug nach links.
Wir waren auf dem Kotten. Hier war der Nebel nicht so stark. Links gab es hohe Wirtschaftsgebäude, in denen auch der Fuhrpark für die Landwirtschaft stand. Vor uns vier hohe Linden, Viehställe. Nach rechts ging ein Kuh- und Melkstall ab, der in das Wohnhaus über ging. Und dann noch ein altes Fachwerkhaus, welches außen ein Wassergraben umgab. Ich habe mich sofort in den Hof verliebt.
Die Bauersfrau begrüßte mich im Haus. Sie war deutlich schlanker und kleiner als ihr Mann. Wir waren in der Tenne, wo es auch einen offenen Kamin gab. Nebenan in der Küche könne ich alles benutzen, um mir Essen zu kochen.
Ein Stockwerk höher war mein Zimmer. Bett, Kommode, Tisch, Regal, Schrank, Teppich. Sie erklärte mir, dass der Raum keine Heizung hätte, aber die Heizungsrohre hier durchlaufen, das würde dann gehen, außer wenn Ostwind wäre. So war es auch. Der Blick durch das Fenster. Auf den Misthaufen und weite Felder. Ein modernes Bad gab es am Ende des Flurs.
Wieder unten in der Küche verhandelten wir über die Miete. Ich glaube, es waren monatlich nur 125 Mark mit Frühstück. Genau weiß ich es nicht mehr, es schien mir zu wenig.
Bald lernte ich auch die Bauerstochter kennen. Die jüngste von drei Mädchen würde den Hof übernehmen. So was geht aber nur mit aktiver Hilfe eines Bauernsohnes, den man hier in der streng katholischen Gegend heiraten müsse.
Auch wenn der Bauer ein schweigsamer Mensch war, er war über alles informiert. Durch seine Frau. Sie hat ihn stets mit Informationen versorgt, notwendige oder unnotwendige.
Als Student, oder als jemand, der aus einer Stadt kam, was hier wohl das selbe ist, hatte der Alte eine Freude daran, mich in die Geheimnisse des Landmanns einzuführen. Vielleicht sah er in mir einen Sohn, den er nicht gezeugt hatte. Doch es blieb, wenn überhaupt, nur ein kurzer Traum, dass ich ein Auge auf seine Tochter warf.
Nun, was machen die Bauern den ganzen Tag? Sie arbeiten. Sie arbeiten hart und redlich. Der Alte hatte nur vor zwei Sachen Angst: vor Feuer und dem Finanzamt. Aber der Bauer wollte mich nicht gleich mit wichtigen, anstrengenden Sachen verschrecken. Er kam einmal auf mich zu, und fragte mich, ob ich was für ihn tun wolle. Mein Gott, er spricht! Ich sagte zu, was es auch war.
Im Kuhstall bekam ich einen leeren Eimer in die Hand gedrückt. Dann sollte ich zu ihm auf den Trecker klettern. Ich muss zugeben, stolz war ich, oben auf dem Bock beim Bauern zu sitzen!
An einem Feld hielt er an. Wir gingen am Rand bis zum anderen Ende. Da erklärte er mir, dass hier in dem Bereich noch Steine lägen. (Wenn man pflügt, wäre das nicht gut für den Pflug.) Die Steine könne ich in den Eimer legen. Dann ging er.
Und ich tat, wie mir geheißen. Und wenn ich etwas mache, dann mache ich es gründlich! Bald war der Eimer voll und schwer, und da der Alte nichts davon gesagt hatte, dass ich aufgesammelte Steine zum Hof schleppen sollte, suchte ich nach einer Entsorgungsmöglichkeit.
Ich besah meine Arbeit und fand, sie war gut. Trabte dann zum Hof mit leerem Eimer. Stellte brav den Behälter dort hin, wo wir ihn aufgenommen hatten und suchte den Bauern, um Bericht zu erstatten.
Es war Melkzeit. Ein Radio war an mit klassischer Musik, das sollte die Kühe besänftigen. Die ganze Familie war mit der Melkmaschine beschäftigt, ich erzählte dem Alten, was ich getan hatte. Er lächelte nicht, aber das heißt nichts, das tat er fast nie. Er rief: „Frau! Er hat die Steine beim Nachbarn aufs Feld geworfen!“
Das stimmte doch gar nicht! Ich warf sie in den Graben. In den Graben eben. Hier lernte ich zweierlei. Humor ist es auch dann noch, wenn er ganz zaghaft ans trockene Holz klopft. Und in dem Alten steckte ein großes Herz. Er gab mir für meinen Dienst zwei Mark. Das fand ich sogar angemessen. Das war damals nahezu ein Mittagessen in der Mensa.
Es war eine schöne Zeit dort! Ich bin aber weggezogen, weil ich ein Zimmer in der Stadt fand und weil … aber das ist eine andere Geschichte.

6 Kommentare

Eingeordnet unter 2017

6 Antworten zu “Landmann

  1. Es passiert nicht oft, dass ich eine „Geschichte“ quasi aufsauge. HIER geschehen!

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  2. Sehr gern gelesen, lieber Christoph,
    geschmunzelt und zustimmend genickt!
    nun würde ich noch gern die andere Geschichte lesen, ist sie schon geschrieben?
    LG
    Regina (Landei)

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke Dir, Regina! Es ist doch schön, wenn man Menschen, die etwas von der Materie verstehen, unterhalten kann!
      Ja, es gäbe noch viele Geschichten um und von dem „Landmann“: Wie ich einmal Traktor fahren durfte und beinahe den Zaun um eine Weide zerlegte oder wie ausgerechnet dann eine Kuh kalbte, als ich allein auf dem Hof war, weil die Bauersfamilie außer Haus auf einem Fest war … :-D
      Keine Geschichten sind bisher geschrieben. Und klingt es nicht eher nach einer Floskel: „… aber das ist eine andere Geschichte.“ ;-)

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      • Mir würde es gefallen, wenn du noch die ein- oder andere Anekdote vom Landmann aufschreiben würdest. Aber das ist natürlich deine Entscheidung und vielleicht hast du ja irgendwann Lust dazu. Ich schreibe gerade an einer längeren Geschichte, ebenfalls mit einem Thema vom Lande. Macht irre viel Spaß!
        Einen schönen Sonntag und liebe Grüße
        Regina

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