Blue Note

Letztens in der Apotheke. Zum Mitnehmen lag auf der Theke ein kleines Faltblättchen. Ich fand es ansprechend gestaltet. Einige weiße Schneekristalle auf rotem Grund. Dann der Titel: „Goodbye Winter-Blues“. Hm. Vermutlich war damit das gemeint, was man früher „Winterdepression“ nannte. So wie Joggen heute „Laufen“ heißt. Im Untertitel wurde versprochen: „Gut gelaunt auch in der dunklen Jahreszeit“. Ich fragte die Apothekerin meines Vertrauens und durfte mir eins nehmen.
Zu Hause schlug ich die erste Seite auf. Werbung für Salbei-Ingwer-Tee. Dann sollte es in fünf Tipps darum gehen, etwas aktiv gegen Antriebslosigkeit, Schwäche, gedrückte Stimmung und Kraftlosigkeit tun zu können.
Hm. All diese Dinge werden also gleich negativ besetzt. Und es wird impliziert, wenn wir nur wollen, können wir das alles gleich wieder aus der Welt schaffen. Es ist ja volkswirtschaftlich auch in keiner Weise förderlich oder in unseren Jobs ineffizient. Wo kämen wir hin, würden wir uns wegen einer leichten Depression, Pardon, dem Winterblues krank schreiben lassen?
Punkt 1: Ernährung. Zur Steigerung des Serotoninspiegels, des sogenannten „Glückshormons“, kann man Schokolade essen.
Punkt 2: Düfte. Den Winterblues vertreiben würzige Aromen wie Muskat, Nelken, Ingwer usw.
Punkt 3: Kuscheleinheiten. Steht da wirklich so. Und als ich mir den Text durchlas, fand ich es eine wunderschöne Vorstellung. Man brauche keinen professionellen Masseur und 10 Minuten helfen schon. Tja, eine Frau müsste man haben.
Übrigens. Wenn ich zur Gitarre greife und Blues spiele, dann improvisiere ich die Solo-Parts mit der Blues-Skala, d. h. einer Bluestonleiter. Das Auffällige an ihr ist ein bestimmter Ton, Blue Note genannt, der – ich sag mal – eigentlich nicht dazu gehört. Der aber haargenau die melancholische Stimmung eines Blues trifft. Der Blues entstand auf den Baumwollfeldern in Amerika, gesungen von den schwarzen Sklaven. Diese Menschen hatten wirkliche Probleme!
Zurück zum Ratgeber gegen „Winter-Blues“.
Punkt 4: Licht. Viel Licht, besonders Sonnenlicht, und draußen sein, dazu Sport treiben (bestimmt „Laufen“), baut überschüssiges Melatonin, das Schlafhormon, ab, und man ist nicht mehr so müde.
Punkt 5: Wellness. Hier wurde ich das erste Mal stutzig. Es wurde empfohlen, in die Sauna zu gehen oder in die Badewanne. OK, aber nun: Laden Sie sich ihre Freundinnen ein und machen Sie einen Wellness-Tag zu Hause mit selbstgemachten Masken und Peelings. Quark und Gurken! „Das macht Spaß und schön!“
Voll rein gefallen! All das galt – Frauen! Schön für sie! Männer kriegen keinen Winter-Blues, oder was? Gut, das eine oder andere könnte ich ja probieren, für Punkt 3 fehlt mir aber die „Hardware“. Am Ende kann ich dann eigentlich nur zur Gitarre greifen … Ein guter Blues hilft m. E. auch, sich darüber klar zu werden, wo meine Grenzen sind, zu hinterfragen, was ich von den Erwartungen, die pausenlos an mich gestellt werden, noch mittragen will, und vielleicht auch mal kürzer zu treten.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2017

2 Antworten zu “Blue Note

  1. Als grad ebenfalls betroffener Winter-Blueser habe ich herrlich schmunzeln können – meinen Dank!

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  2. Monika-Maria Ehliah

    Lieber Christoph ich grüße dich und erlaube mir,
    deinen Beitrag mit Goldbuchstaben zu unterschreiben.
    So ist es.
    Anstelle zulassen & annehmen, muss gleich alles vertrieben und im Keim erstickt werden.
    ich wäre für Reflexion und behutsamen in sich gehen ….
    Ich bin grundsätzlich nicht gegen Ingwertee & Co. aber
    ich bin dafür, dass mensch Situationen und Stimmungen annimmt, denn:
    annehmen ist der erste Schritt zur Heilung!

    Ich wünsche dir und deinen Lieben eine gute, gesegnete Zeit
    im Lichte der nahenden geweihten Nacht.
    HERZ-lichst
    M.M.

    Gefällt 1 Person

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