Parade unausgesprochener Worte

Es fing unlängst bei der Arbeit an. Ich hatte eine Tabelle zu machen, wusste nur nicht, worunter ich sie abspeichern sollte.
Es ist nicht gut, beim Aufbau einer neuen Abteilung so oft zu fehlen. So oft, wie ich es tue. Aber Schlaflosigkeit ist heimtückisch. Energie die ganze Nacht. Am Schreibtisch in der Firma droht dann der Zusammenbruch. Warum ich nicht schlafen kann? Keine Ahnung, sagen Sie es mir!
Ich fragte wegen der Excel-Tabelle einen Kollegen.
„Du kannst sie unter unserem Laufwerk unter „Permanent“ und da in „Dezember“ speichern, wenn du fertig bist.“
Fertig? Mein Kollege so alt, dass er als mein Sohn durchgehen könnte, kannte wohl nicht mehr die Zeit, wo uns alle drei Minuten die Rechner abgestürzt sind. Dass die sofortige Sicherung und die in kürzesten Intervallen wiederholten Speicherungen eine ganze Generation geprägt hat. Da begann es. Ich befand, dass es lehrerhaft wirken würde, ihn aufzuklären, und er eh nicht mein Sohn sei. So habe ich mich lediglich für die Info bedankt.
Neulich an der Kasse. Vor mir Mann, Typ Förster. Langer Lodenmantel. Filzhut. Bürstenartiger Oberlippenschäuzer. Er hatte Zeit. Viel Zeit. So viel Zeit, dass er mit der netten, blonden, gertenschlanken Kassiererin flirten wollte. Da passierte es ebenfalls. Ist doch klar, dass dich deine Alte zu Hause nicht mehr ran lässt. Wer will etwas von einem Mann, der Harzer Käse mag? Ich dachte es nur.
Fasziniert sah ich zu, wie er seine Payback-Karte zückte und sagte: „Es müsste eine neue Regel geben: Beim zweiten Mal scannen sollen alle Mitarbeiter hier 1.000 € Weihnachtsgeld bekommen!“
Völlig lautlos blieb ich auch hierbei: Genug jetzt! Geh in den Wald und brech‘ dir ’ne Tanne ab, die Witze mache ich!
Ich bat die Frau an der Kasse: „Fünf mal Tabakpäckchen von der blauen Sorte, bitte.“ Rumpelstilzchen war sichtlich pikiert, unterbrochen worden zu sein. Pakte den Harzer Roller ein und verschwand im Dschungel.
Wer mich anruft, kann alles von mir verlangen, kann mir alles erzählen, kann mich alles fragen, nur eine Telefonflat sollte er haben … Ich neige zu epischen Längen. Ein Wunder, dass ich mich in der Literatur stets an Kurzgeschichten gehalten habe.
Haben Sie in ihrem Bekannten- und Freundeskreis auch jemanden, dem Sie eine Sache wieder und wieder erklären können, der dies aber nicht versteht? Auch nach zehn Mal nicht? Nicht versteht und auch nicht behält? Auch nicht, wenn sie es ihm ganz, ganz einfach machen?
Da wird nichts mehr sagen, die einzige Option. Ärgern kann ich mich genug, wenn ich tot bin. Schweigen hilft bei naiven, jungen Kollegen. Bei Kunden in Supermarkt, die mir zur falschen Zeit, am falschen Ort und mit dem falschen Bart begegnen.
Es gibt nur ein Zeichen, welches meine Anspannung verrät. Meine hochgezogene Augenbraue. Wenn ich das auf der Straße mache, fällt es manchmal einer netten Frau auf. Sie lächelt geheimnisvoll vor sich hin. Komm doch! Du kannst dich gerne mit mir zusammen tun! Na!? Wie ist’s? Weihnachten. Du. Und. Ich. Ich koch‘ uns auch was schönes!
Ich hab’s doch jetzt nicht gesagt …?

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Eingeordnet unter 2017

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