Chill-Out-Zone

Nightmares On Wax. Die CD gefunden und online bestellt. Das Veröffentlichungsjahr kommt hin: 1999. Zu Beginn des neuen Millenniums konnte ich eine Kur machen. Oder Reha. Wie immer man es nennt. Ich hatte hart gearbeitet, die Abschlussprüfungen der Ausbildung bestanden und brauchte einfach Ruhe. Aufbau für Leib und Seele.
Es gab in der Kurklinik den ganzen Tag Anwendungen, Gruppen und das beste Essen, welches ich je in einer solchen Einrichtung gekostet hatte.
Pro Flur mit unseren Zimmern gab es eine Küche, in der wir Patienten manchmal abends noch beisammen saßen.
Wenn ich meinen persönlichen Kram erledigt hatte, und noch nicht müde war, ging ich in die Küche, um zu sehen, ob noch was los war.
Einmal traf ich dort eine kleine, junge Frau, die eine ihrer CDs laut abspielte und dazu tanzte. Es sah ein wenig so aus, als wolle sie bei den oft längeren Aufenthalten hier nicht verlernen, was sie sonst in den Discos tanzte. Sie wirkte dabei angestrengt.
Als ich eintrat, hörte sie bald mit den Armbewegungen und Schritten auf. Sie solle sich nicht von mir stören lassen, und ich fragte sie, welche Musik das sei.
„Nightmares On Wax.“
Ich hatte davon noch nie gehört. Der Sound wirkte entspannt, atmosphärisch, als hätte man einen Wasserhahn so fest zugedreht, dass es nur noch tröpfchenweise heraus kommt. Und es war wunderschön!
Ich erinnere mich gut an sie. Sie hatte eine Diagnose, die sich zungenbrecherisch anhörte. Sie hatte sie aber schon so oft ausgesprochen, dass manche nachfragen mussten, weil es zu schnell ging.
Morgens kam sie nicht aus dem Bett, so dass die Pflegerin ihre Erlaubnis hatte, sie zu wecken. An einem Tag stellte sie sich für ihre Zukunft etwas vor, am nächsten Tag wieder etwas anderes.
Ich mochte sie und verteidigte ihre sprunghaften Träume oft gegenüber den Älteren, die vom Sicherheitsdenken geprägt waren.
Nur an einem Abend fühlte ich mich betrogen. Ein neuer Patient wurde aufgenommen. Auch jung. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Sie verdrückten sich in einen dunklen Winkel auf dem Klinikgelände. Sie kam zurück und wollte mein Feuerzeug. Sie erklärte etwas, wovon ich nicht mal die Hälfte verstand. Nur so viel, dass der Neue Stoff hatte und sie rauchen wollten.
Ich habe ihr mein Feuerzeug nicht gegeben. Jemand anderes gab ihr eins.
Heute sprachen zwei über das neue Album von Justin Timberlake. Ein Name, bei dem ich mich weigern würde, auch nur fünf Minuten Zeit mit Hören seiner Musik zu verschwenden. Einer der beiden, die sich über den Tisch mit Kaffee und Kuchen unterhielten, nannte einen Songtitel, bei dem in einem Club hier die Frauen ganz begeistert auf die Tanzfläche stürmen.
Mit am Tisch auch eine junge Frau, die Pläne hat für ihr Leben. Nahezu jeden Tag einen anderen. Die sich ausgebremst fühlt. Die den Wunsch hat nach Lohn gegen Arbeit. Wenig Geduld mit sich selbst. Wie ich es ebenso habe.
Die angesagten Musikkünstler wechseln und Menschen, denen man begegnet, sind immer wieder andere. Dennoch gibt es Muster. Mit vergleichbaren Farben und Formen. Mich beruhigt dies.

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Eingeordnet unter 2018, Gesundheit

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