Ihr seid alle doof!

„Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, dass er hauptsächlich von Idioten umgeben ist, merkt es aus einem gewissen Grunde nicht.“
Curt Goetz
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Meine unfreiwilligen gesellschaftlichen Feldstudien muss ich immer im Supermarkt um die Ecke machen.
Leider kennen die meisten Kunden nicht das Sortiment, die Preise, oft nicht, wo was zu finden ist, und versperren mir den Weg. Das sind 90 %. Die Uhrzeit spielt eine wesentliche Rolle. Bei mir ist es so wie eine Geiselbefreiung im Feindesland: rein- und wieder rausschießen. Kollateralschäden nicht ausgeschlossen.
Ein langes, mentales Training brauchte es, um die Musikberieslung mit Werbung nicht mehr zu hören. Dafür bekomme ich mit, wie sich eine Kundin und ein Kunde unterhalten. Die Frau sagt: „… als Frau und angehende Mutter …“ Oh ja, das sind ja zwei spezielle Argumente! Wenn ihr Frauen seid, habt ihr auch alles zum Kinder kriegen. Das war schon immer so. Soll das nun schwieriger sein im 21. Jahrhundert? Schwieriger als vor Jahrtausenden? Dann schminkt euch eben die Karriere ab! Ich habe auch keine.
Vorausschauend fahren wurde mir in der Fahrschule beigebracht. Im Supermarkt ist das ebenso geboten. Der große, lässige Mann, der drei volle Bierkisten in seinem Einkaufswagen untergebracht hat, hätte fast einen Auffahrunfall verursacht. Wenn er die, und vielleicht mit seinen Freunden, alle an einem Wochenende leer trinkt, ist das von medizinischer Sicht aus Alkoholismus. Jeden Abend ein Glas Wein ebenso.
Ja, Männer. Groß, modisch gepflegte Hipsterbärte und, wenn es sein muss, Nerdbrille. Nur so lange es Frauen tolerieren …
Und wer ist sie da vorne? Hat einen Seitenblick gemacht, deshalb habe ich sie erkannt. Peinlicherweise habe ich ihren Namen vergessen. Ich tu so, als prüfe ich das Angebot beim Aufschnitt. Tatsächlich brauche ich etwas und nehme es. Als ich mich umdrehe, ist sie fort.
Für einige Monate saßen wir morgens im selben Bus. Und irgendwann haben wir uns schon an der Haltestelle begrüßt, und dann, je nach Verspätung, 20 Minuten im Bus unterhalten. Sie wohnt in der Nähe, sagte sie mal. Mehr war es nicht. Irgendwann sah ich sie nicht mehr an der Haltestelle. Nahm auch mal einen Bus früher, weil sie es vielleicht auch musste. Nichts.
Geistesabwesend lege ich meine Waren auf das Band. Ihr Name … vielleicht mit B?
Die übliche Bioprodukte-Käuferin, die notorisch keinen Einkaufswagen benutzt und meint, jeder hätte Zeit und Verständnis, damit sie ihre gesammelten Käufe einzeln, gewichtsverteilt, druckgeschützt und raumsparend zierlich in ihren Rucksack legen kann und deshalb die Kasse blockiert. Schließen sich Bio und Zweckmäßigkeit eigentlich grundsätzlich aus?
Draußen steht die Sonne schon tief. Kalt wird es in der Nacht. Ein leiser Schmerz in der Brust. Obwohl es sich nicht lohnt, zünde ich mir eine Zigarette an.
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„Es gibt für jedes Herz eine eigene Rose“, singt Herbert Grönemeyer und auf der gleichen CD noch: „Der Mensch heißt Mensch. Weil er erinnert, weil er kämpft. Weil er hofft und liebt. Weil er mitfühlt und vergibt.“
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