Letztens

Es ist bekannt, aber nicht allen, dass mir mein Haar wächst. Aktiv etwas hinzu tun muss ich nichts, lediglich Friseure meiden. Im Spiegel habe ich wieder eine einzelne silberne Linie entdeckt. Das ist ein Euphemismus für graues Haar. Eines alten Mannes.
Meine Autorengruppe traf sich diesen Monat, im neuen Jahr das erste Mal. R. lächelte und sie sagte mir: „Du siehst aus … wie ein Beatle!“
„Das ist das Netteste, was man mir sagen kann!“
„Deshalb habe ich es auch gesagt.“
Ich überlegte mir, warum sie die kleine Pause in ihrem Vergleich gemacht hat. Hat sie eine Beleidigung herunter geschluckt? Oder einfach nach der passenden Musikband gesucht? Bei R. trifft wohl das letztere zu. So war ich an diesem Abend 30 cm größer.
Jemand Neues wollte uns auf sich wirken lassen. Eine Frau, mit der die Runde ziemlich groß wurde. Sie trug aus ihrem unveröffentlichten Roman vor. Reichlich unausgegorenes Zeug. Überhaupt! Nur Unprofessionelle und Fans glauben, ein Autor schreibt nur Romane.
Jedes Mal, wenn unsere Autorin R. da ist, komme ich nicht daran vorbei, ihr Talent zu loben, zu rühmen und preisen. Sie ist die einzige ohne eine Veröffentlichung. Es laufen Wetten, ob ihr Erstling, wenn sie es mal schafft, direkt in die Bestsellerlisten kommt.
R. freut dies, wie Beatle Christoph, und bezieht die Neue mit ein, indem sie ihr erklärt, dass es manchmal unruhig macht, noch kein Buch veröffentlicht zu haben, manchmal einfach auch egal ist.
Mein Beitrag für die Runde war inhaltlich ein alltägliches Erlebnis mit einem Showdown der Geschlechter. Quasi.
Die Neue, mutig geworden, möchte da einen Satz streichen. Er sei kommentierend. Warum nicht? Deshalb treffen wir uns ja, nicht wahr?
„Nein! Den nicht! Ich bin Autor geworden, um Leuten, die ich nicht mag, so richtig schön … in die Fresse hauen zu können!“
Gelächter am anderen Ende des Tisches. Hoffentlich wegen mir.
Warum ich beim letzten Satz eine Pause gemacht habe, darüber dürft ihr selbst nachdenken.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter 2018, Bei Sem;kolon zu Hause

3 Antworten zu “Letztens

  1. … und ich glaubte dazu würde man in D Politikerin

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  2. Super Text. Und metaliterarisch die Pausen reflektiert. Sehr fein! Liebe frost-fröstelnde Grüße!

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