Aussicht

 

Du kennst diesen Blick, seitdem du verheiratet bist. Ich seitdem ich da bin.
Wie oft haben wir alle interessiert daran vorbei geschaut, wenn es etwas im Fernseher gab.
Einen Sommerabend lang huschten Blitze über den Himmel. Gewitter ohne Donner.
Meine Schwester stellte ihren Schreibtisch davor, lernte für das Abitur. Alle Kinder ausgezogen, ist es heute dein Zimmer.
Gestern sprach ich mit dem Klinikarzt.
„Der Eingriff eilte“, sagte er, „aber alle klinischen Werte sind bei Ihrer Mutter nun normal.“
Ich bin bereits fort. Auf deine Entlassung konnte ich leider nicht warten.
Wir werden uns wieder vor diese Aussicht setzen. Bald …

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 2018, Gesundheit

2 Antworten zu “Aussicht

  1. Schöner, intimer, ja fast fragiler Text – meinen herzlichen Dank!

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke Dir! Ich glaube, in dem Text spricht jemand, der sich hinter seinen Pflichten versteckt („Ich bin bereits fort. Auf deine Entlassung konnte ich nicht warten.“), und sich vielleicht auch noch einen in die Tasche lügt („Wir werden uns wieder vor diese Aussicht setzen. Bald …“), weil es mit der Mutter doch noch schief gehen kann. Somit ist in seinem Weltbild etwas erschüttert – und wie Du schreibst: fragil.

      Gefällt 1 Person

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