Des Vortrags müde

Jemand sagte mir mal, wie er sich das Rauchen abgewöhnt hat. Er brauchte ein bestimmtes Datum. Es war der Geburtstag seiner Mutter.
Oh Mann! Wie viele Lesungen habe ich eigentlich schon durchgezogen? Mehr als 20 Jahre kontinuierlich gelesen. Ich bin dabei, es mir abzugewöhnen …
Bei meiner ersten Lesung waren es gleich 100 Zuhörer. Weil wir als Autorengruppe auftraten, war für jeden Geschmack etwas dabei. Bei meiner ersten Solo-Lesung habe ich selbst die Bestuhlung in den Raum heran schaffen müssen …
Vor knapp zwei Jahren wurde mir klar, dass es sich für mich nicht mehr lohnt. Die Anspannung vorher und der Kick, im Scheinwerferlicht zu sitzen und zu fühlen, man hängt an meinen Lippen. Und dann ein erlösender Applaus.
Wir feierten 25-jähriges Jubiläum unserer Autorengruppe. Das Lokal wurde von jemanden von uns gebucht. Ich brauchte an dem Abend nur zusätzlich eine kleine Begrüßungsrede halten, aus welchem Anlass wir lesen, und dann hatten wir ein gutes Programm geplant. Von dieser Lesung wurde eine Tonaufnahme gemacht.
Eine Hälfte der Besucher war wegen uns gekommen. Die anderen waren Stammgäste des Lokals. Die Stammgäste haben ungerührt Gesellschaftsspiele an ihren Tischen gespielt. Leise waren sie zwar dabei, aber man kann im Mitschnitt hören, wie Würfel fallen! Dies ist eine Art von höflicher Ignoranz, bei der ich mehr kotzen könnte, als ich zu essen vermag!
Ich hatte immer die Maxime, dem Publikum etwas bieten zu wollen. Anspruchsvoll aber auch provokant. Letzteres ging eigentlich regelmäßig in die Hose, denn in diesem provinziellen Mistloch hier reagiert man einfach nicht! Man lässt den da vorne schön in Ruhe und glotzt ein wenig mit Kuhblick umher. Es macht keinen Spaß mehr …
Lesen war eine geile Sache für mich. Im Gemüseladen, im Wald, im Zoo, an der Uni, Kneipen, Musikhallen. Lampenfieber kannte ich nicht. Es gab den Moment der vollen Aufmerksamkeit der Gäste. Und mit wachsender Erfahrung wusste ich, ihn so lange zu halten, bis ich fertig war und der Beifall kam. Wie guter Sex eben.
Ich muss jedoch etwas grundlegendes falsch gemacht haben. Nach Jahrzehnten Lesungsveranstaltungen aller Art glaube ich nicht, dass ein Schwanz zu einer Lesung käme, wenn er meinen Namen auf einem Plakat sehen würde. All die Arbeit war umsonst. Der Orga-Kram. Die Werbungsbemühungen. Hier bin ich nicht auf dem Literatursektor bekannt. Warum? Weiß der Geier.
Ich muss auch zugeben, dass ich es satt habe, in einer neu eröffneten Location mit ein, zwei Kollegen zu lesen, wo dann wieder jene Interessenten zuhören, die ich als Autor geradezu verschmähe: Er mit einer großen Digitalkamera vor dem großen Bauch und in khakifarbener Weste mit gefühlt hundert Taschen. Sie in dem Alter, wo die Kinder aus dem Haus und selbst im Klimakterium. Sandalenträger. Gutmenschen. Und ich bin schon so alt wie sie …

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2018, Bei Sem;kolon zu Hause, Lesung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.