Silberhochzeit mit einem Satzzeichen

Seit 25 Jahren gehöre ich hier vor Ort der Autorengruppe Sem;kolon an. Die Gründung habe ich nicht miterlebt, die war zwei Jahre früher. Aber ich kenne alle Gründungsmütter- und väter.
Nirgendwo habe ich gefunden, was mich so zentral interessiert. In keinem Studium, in keiner Schreibwerkstatt oder einem dieser „Wie werde ich ein verdammt guter Autor“-Bücher.
Die Autorentreffen finden turnusmäßig in einer ruhigen Ecke eines Lokals statt. Sind wir vollzählig, trägt jeder sein aktuelles Werk, meist Kurzprosa oder Lyrik, vor und stellt sich dem Lob oder der Kritik der anderen. Das war schon immer so! Und das ist der Clou der Sache, lernen und agieren von und mit Gleichgesinnten und Gleichgestellten – anderen Autorinnen und Autoren.
Bis 2001 haben wir selbst finanzierte Anthologien herausgebracht. Heute gibt es Buchveröffentlichungen in der Verantwortung des Einzelnen.
Jede Generation von Sem;kolon-Teilnehmern hatte ihre Leseveranstaltungen.
Wir nutzten einige Angebote der Stadt, wie damals das „Literaturtelefon“. In einem Tonstudio aufgenommene Vorträge, die man über eine Telefonnummer abrufen konnte. Im digitalen Zeitalter gibt es das nicht mehr.
Ich mag die jetzige personelle Konstellation der Gruppe sehr. Alles ist freiwillig. Aber wenn alle gerne wieder kommen und etwas zum Abend beitragen, ist das sehr schön. Wir sind nicht mal ein Verein … Die Autorin, die nach mir am längsten dabei ist, kann sieben Jahre Teilnahme verzeichnen. Da bin ich unangefochten der Opa.
Ich werde kein Fest daraus machen, oder gar eine Lesung organisieren. Wenn meine neue Buchidee noch dieses Jahr realisiert werden kann, dann ist es ok. Wenn nicht, dann nicht.
Gerade ist jemand Neues zu uns gestoßen. Man gibt ihr Zeit, sich zu orientieren, und sie zog auch noch aus Hamburg hier her. Geben wir ihr die doppelte Zeit! Als ich beim letzten Termin sagte, ich hätte ausgerechnet, ich würde schon seit 25 Jahren hier herum spuken, fragte die neue Autorin, wie es denn mit der Fluktuation wäre? Fluktuation wurde für Sem;kolon erfunden! Ich zählte ihr die Jahre auf, wo Gründungsmitglieder und andere prägende Autorinnen und Autoren sich in alle Winde zerstreut hätten, weil z. B. das Studium beendet war und solche Dinge. Jemand heiratete, meinte ich lachend. Das hätte nicht zu uns gepasst.
„Wieso nicht?“
Die hörte nicht auf zu bohren. Wir wissen, dass sie verheiratet ist und ein kleines Kind hat.
„Wir waren damals Studenten, wir hatten damit nichts am Hut.“
Währenddessen alberten die anderen darüber, was zu meinem Jubiläum zu tun sei. Es gab zwei Autorinnen, die mir eine Krone basteln wollten und je eine Autorin und ein Autor eine Rede schreiben.
Fußvolk! ;-)
Eines ist mir jedenfalls klar geworden. Der Grund, warum es in meinem Haar an prominenter Stelle graue Strähnen gibt. Oder silberne. Je nach dem.

4 Kommentare

Eingeordnet unter 2018, Bei Sem;kolon zu Hause, Buch 5, Das neue Buch

4 Antworten zu “Silberhochzeit mit einem Satzzeichen

  1. Auch von mir herzlichen Glückwunsch! Und eine Krone und so ein wenig Glamour… warum nicht?! ;-)

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  2. Schöner Text – meinen herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Das ist schon was Feines, so eine Gruppe …

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