Oral History – Geschichte von unten II

Zweiter und letzter Teil

Diese wahre Geschichte handelt von meinem ersten Anlauf , mein Abitur nach zu holen, wobei ich gescheitert war. Ich musste gesundheitlich eine Zwangspause machen. Zuvor lernte ich unterschiedliche Menschen in meiner Klasse kennen. Und dann war noch die Sache mit Katja …1989 hatten die anderen die Prüfungen abgelegt.

Ich bekam eine Einladung zur Abschlussfeier meiner Stufe. Formal hatte ich das Abitur ja gar nicht bestanden, aber ich freute mich außerordentlich darüber!
Die Feier fand bei jemanden auf dem Land statt. Vielleicht eine Autostunde von allem entfernt. Anne nahm eine Freundin und mich in einem Wohnmobil mit. Darin wollten sie wohl auch übernachten. Wir mussten irgendwo rechts ran fahren. Weil die Ölstandanzeige aufleuchte. Der Öldeckel befand sich unter einer Abdeckung im Fahrerhaus. Anne kramte hinten nach einem Ölkanister. Der Motor lief noch, als sie Öl nach goss … Und der Motor spukte das Öl wieder aus. In Annes Gesicht. Anne stellte den Motor ab. Die Frauen fingen an, sich zu streiten, aber kriegten sich wieder ein. Mit genügend Öl im Motor kamen wir an.
Es war wirklich plattes Land. Ein zwei Häuser. Unbestimmbares Alter. Vielleicht mal ein Hof gewesen. Wir aßen und tranken. Und spät wurde es. Am Haus gab es Beleuchtung. Übrigens Katja war nicht dabei, und die Streberseniorinnen auch nicht. Da war noch ein Hecke. Und dahinter ein großer Tisch. Hier saßen die, die es auf jeder Party gibt. Die nie müde wurden, bei denen es immer etwas zu lachen gab. Der dicke Lutz und ein Typ, der mit Brille auf der Nase schlief, was ich im Männer-“Schlafzimmer“ sah, einige tapfere Mitstreiter und Nina und ich. Wir spielten Flaschendrehen. Zwischen Nina und mir hatte sich ein immer stärkeres Magnetfeld aufgebaut. Schade nur, dass es an einer leeren Bierflasche nichts metallenes gab.
Nach den ersten harmlosen Fragen, für den, auf den die Flasche zeigt, wurde der Einsatz erhöht. Lutz sagte: „Der, auf den die Flasche zeigt, soll Nina küssen. Richtig!“ Und er drehte die Bierflasche.
Vorher Nina zu fragen, ob sie es will, ist ihm nicht eingefallen. Auf der anderen Seite war sie die einzige nette Frau am Tisch.
Die Flasche wurde langsamer und ich betete immer wieder innerlich: „Nur nicht Lutz! Nur nicht Lutz!“ Das wäre einfach zu ekelig!
Die Flasche zeigte auf mich …
Ich stand auf, umarmte Nina, und wir küssten uns. Ich spürte deutlich, für sie war es keine lästige Pflichterfüllung. Sie schmeckte so toll!
Und weiter ging es. Ich hatte die Flasche zu drehen und forderte sämtliche Götter der Menschheitsgeschichte heraus, indem ich sagte: „Der, auf den die Flasche zeigt, muss Nina küssen. Richtig!“
Die Flasche drehte sich wieder. Und zeigte dann wieder – auf mich! Ich zu Nina, und da hatte ich das Gefühl, sie wollte nicht aufhören.
Ich schlug vor, zu Bett zu gehen. Die Wunderflasche wurde zum Leergut in den Kasten gestellt. Lutz wollte mir noch was sagen: „Du musst heute Nacht zu Nina gehen! Die steht voll auf dich!“ Wie heißt es so schön? Kinder und Besoffene sagen stets die Wahrheit? Lutz war irgendwie beides.
Von der Frau des Hauses habe ich noch erfahren, wo Nina schläft, dann bin ich mit den Jungs in unser Zimmer zum Schlafen. Schnell gab es variierende Schnarchszenarien. Hatte Lutz Recht? Wartete Nina oben auf mich? Was ist mit ihrem Freund? Ich musste es herausfinden. Leise schlich ich mich aus dem Raum der sägenden Männer. Ohne Licht einzuschalten in einem fremden Treppenhaus langsam nach oben. Da war sie. Ihr Bett hingestellt im Flur zwischen meinem Treppenabsatz und dem nächsten. Die Außenbeleuchtung warf Licht auf ihren seitwärts gebetteten Kopf. Sie ruhte. Wie immer mit diesem freundlichen, von Korkenzieherlocken umrahmten Gesicht. In tiefster Nacht noch Sonnenschein.
Ich saß draußen bis es Tag wurde. Auch die Hausbesitzerin war früh auf und sammelte vergessene Flaschen ein.
„Du kannst wohl auch nicht schlafen, was?“ schmunzelte sie.
Nein, konnte ich nicht. Weil es Jahre dauern wird, bis ich herausgefunden habe, ob es richtig war, Nina schlafen zu lassen. Tja, oder ich werde es nie wissen.
Sie hat ein sehr gutes Abitur gemacht. Konnte an die Hochschule, um Medizin zu studieren, was immer ihr Wunsch war. Aber dann ist sie daran gescheitert, dass sie sich zum Sezieren von Leichen nicht überwinden konnte.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2018

2 Antworten zu “Oral History – Geschichte von unten II

  1. Gefällt mir sehr, wunderbar zeitstimmige Atmosphäre und Sprache. Auf eine schöne Art und Weise hemingway-like. Beim Nachlesen des ersten Teils in der Gesamtschau erschien mir die Katja-Nebenstory zu lang – aber was weiß ich schon… Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.