Die Puppen


Es gibt sicher viele Theorien, warum Künstler das tun, was sie tun. Wofür sie ihre besonderen Talente einsetzen. Eine Erklärung ist, dass sie Aufmerksamkeit suchen, sie brauchen und einen Mangel spüren. Dem kann ich kaum widersprechen.
Dennoch bringt die Kunst mehr hervor, als die Bedürfnisse des Kunstschaffenden. Etwas Eigenständiges und zugleich Universelles. Das unten ist wieder eine Hausaufgabe meiner Autorengruppe. Das Stichwort lautete „Museum“. Dieses Mal jedoch hier eingestellt, bevor die Kritik der anderen den Text unter die Mangel nehmen konnte.


Die Puppen

Presseausweis.
„Sie können das Interview im Anschluss führen. Ich bringe Sie dann zu ihr.“
Die Frau vom Empfang zeigt auf die beiden offenen Türflügel links. Er geht in den großen Saal.
Es hat geregnet, als ihn das Taxi vor dem Museum absetzte. Die Gebäudefront im neoklassizistischen Stil. Viele Stufen hoch.
Die Ausstellung umfasst eine Galerie von Vitrinen auf Sockeln. Unter Glas sind Installationen.
Es fängt an mit einer gesichtslosen Schaufensterpuppe in Kindergröße. Die Künstlerin hat eine Straßenszene nachgebildet. Der Boden zur Hälfte Bürgersteig mit Rinnstein, die andere Asphalt. Angezogen ist die Puppe mit einer Latzhose und fein rot-weiß gestreiftem Pullover. Eine Halskette aus bernsteinfarbenen Gliedern und am Handgelenk ein Armband mit süßen, essbaren Drops. Hinten steht ein Mädchenkinderrad.
Am Podest ein Schild: „V. Unerfüllte Liebe, 1972.“
Die nächste Figur ist erwachsener. Gesichtslos wie alle hier, jedoch unverkennbar weiblich.
„S. Miteinander gegangen, erster Kuss, 1979“
Er schmunzelt.
B., R. und A. 1982 bis 1983. Er ist irritiert. In B.s Glassockel hat die Künstlerin Autoteile, Kotflügel, Rad und ein Stück Windschutzscheibe, arrangiert. Er erkennt die Marke, das Automodell. Die Farbe des Lacks stimmt auch. Sein erstes Auto war auch so eins. In 1982 war seine Freundin Barbara, dann war es kurz Ramona – und Anita. Seit B. gibt es den Vermerk: „Sex.“
Das nächste Kunstobjekt, nah bei A., ist mit „P. während A. Sex, 1983“ ausgezeichnet. Petra! Ist es wahr? Ein Blick durch das Glas bestätigt es ihm. Da sind die Spiegel. Der kleine Schreibtisch mit den Büchern für das Studium. Die Puppe P. als Geist der Vergangenheit trägt nichts weiter als eine samtene Schleife um den Hals. Das hat er niemanden erzählt, außer …
Wird blass. Dreht sich um. Von hier aus sieht er, wie viele Vitrinen er noch zu besichtigen hätte. Sie war gründlich.
Er bricht den Rundgang ab. Will zum Interview. Sie hat sich also einen Künstlernamen zugelegt. Sie hat sich noch nie mit etwas abgefunden. Die Kinder, das Haus, das Vermögen. Nicht genug.
Vorher fischt er das Handy aus dem Jackett.
„Anwaltskanzlei Rosendahl & Rosendahl? Hier Meissner, geben Sie mir bitte Rosendahl, Jr. Es geht um meine Ex-Frau.“

4 Kommentare

Eingeordnet unter 2019, Bei Sem;kolon zu Hause

4 Antworten zu “Die Puppen

  1. Ich mag den Spannungsbogen.

    Nur der Abschnitt mit dem Wort „Museum“ wirkt dort wie: „ich kann ja nicht gleich im ersten Satz mit dem Aufgabenwort aufwarten“
    Löse dich von der Aufgabe und deinen Sem;kolon Kritikern und überdenke den Platz des Abschnitts…

    Gefällt 1 Person

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