Alma Mater

Die Bedingungen sind klar. Keine Prüfungen. Keinen akademischen Abschluss. Status: Gasthörer.
Sehr lange war Bernhard nicht mehr hier. Was ihn damals nach dem Abitur hierher gebracht hat, war sein erstes Studium zum Diplom-Pädagogen. Dann wurde er hier sesshaft. Schlug sich munter durch.
Er hat ein großes Stück Leben hinter sich. Beruflich ist er nicht mehr gefragt. Zeit könnte sich nun dehnen, ließe er es zu, stürzt sich jedoch in blinden Aktionismus. Bald begreift Bernhard, er muss nicht Jahrzehnte beruflichen Einsatzes aufholen. Muss nicht überlegen umzuziehen, muss sich keinen neuen Gitarrenverstärker kaufen, muss kein raffiniertes Regalsystem im Keller aufbauen. Bernhard braucht Nahrung für den Geist.
Welche Erkenntnisgewinne die Wissenschaft auch geleistet hat, die Hörsaalbestuhlung währt in dem barocken Bau ewig gleich: aus hartem Holz, knarrend und zu klein für heutige Menschen.
Bernhard ist aufmerksam. Der Dozent hält eine Vorlesung zur späteren Eisenzeit. Die jungen Studenten, die diese Vorlesung für ihre Leistungspunkte brauchen. Andere Gasthörer. Alles nimmt er in gelöster Stimmung auf.
Gerade zeigt der Lehrende über Beamer eine Luftaufnahme einer Landschaft mit einem begradigten Fluss. Aus der Vogelperspektive kann man den ursprünglichen, natürlichen Verlauf des Flusses noch nachvollziehen. In dem Feld, welches darüber wächst, gibt es charakteristische Linien.
Der Professor fügt hinzu: „Dies ist ein Foto aus den Achtziger Jahren. Heute renaturiert man Gewässer wieder.“
Die Studenten schweigen.
Der Gelehrte setzt nach: „Es ist ein Foto aus den Achtzigern. Ein Linsenbelichtung auf eine Schicht auf Basis von Silbernitrat.“
Das Auditorium bleibt still.
Warum hat der Professor die Filmfotografie erklären müssen? Bernhard rätselt. Macht der einen Witz? Ihm fällt ein, dass die jüngeren Studenten hier schon nach der Einführung der digitalen Fotografie geboren wurden …
Holla! Bernhard ist kurz eingenickt. Für Sekundenbruchteile war er weg. Es sind verdammt viele Informationen, die er sich nicht merken muss, aber kann. Ist der tote Punkt in einer zweistündigen Vorlesung erst überwunden, serviert der Prof noch die interessantesten fachlichen Fakten.
Draußen schließt Bernhard wie alle anderen sein Fahrrad auf. Klopft auf seine Hosentasche. Da ist er drin, sein Studentenausweis. Im Scheckkartenformat.

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Eingeordnet unter 2019

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