Neu: Erfahrungsbericht

Hier ein Artikel eines guten Freundes. Er schreibt für eine Zeitung von und für Betroffene psychischer Erkrankungen. Die Zeitung hat 2011 den Förderpreis der Andreas-Mohn-Stiftung erhalten. Diesen Erfahrungsbericht veröffentliche ich deshalb bei mir, weil jeden ärztliche Schlampigkeit treffen kann. Auch ohne psychisch krank zu sein.

Kochsalz hätte auch gereicht

Fünf Jahre nimmt der Patient nun Lithium* ein. Weil er eben tut, was Ärzte sagen. Doch bei einem Routine-Checkup beim Hausarzt stellt sich heraus, die Nieren sind nicht mehr so in Ordnung.
Der Arzt sucht nach den Ursachen.
„Alkohol?“, fragt er.
Der Patient: „Nein, niemals. Das verträgt sich nicht mit meinen Psychopharmaka.“
Dem Arzt geht ein Licht auf und er lässt sich von dem Patienten nennen, was er einnimmt.
„Ist es möglich, dass Sie das Lithium absetzen? Fragen Sie doch Ihren Psychiater, bitte!“

Der Patient bekommt einen Termin beim Psychiater. Der überlegt, schaut sich die Blutwerte des Kollegen an, und meint:
„Ja, das hat keinen Sinn mehr. Ihre andere Medikation könnten das Lithium ausgleichen. Notfalls erhöhen wir diese.“

Er stellt den Patienten vor die Wahl. Entzug in der Klinik oder ambulant?
„Ambulant“, presst der Patient heraus. Beim letzten Mal in der Klinik, vor fünf Jahren, haben sie ihm ja das Lithium erst verpasst …

Langsam wird die Dosis verringert. Zu Beginn fühlt sich der Patient noch geschüttelt von Stimmungswechseln. Doch je weniger Lithium er bekommt, um so besser bekommt er das in den Griff. Und der Tremor der Hände verschwindet.

Bei einem neuen Termin sagt er zum Psychiater:
„Ich habe öfter ein Gefühl, welches ich sehr lange nicht mehr hatte.“
Der Arzt wartet, bis der Patient weiter spricht:
„Ich fühle mich gelegentlich glücklich!“
Der Psychiater: „Meinen Sie glücklich oder euphorisch in Richtung Psychose?“

Die Antwort des Patienten ist jetzt sehr wichtig für die Fortsetzung der Behandlung.
„Ich weiß, wie sich Psychosen anfühlen. Nein, das ist es nicht. Es ist Zufriedenheit, Freude, Tüchtigkeit. Ohne dass ich dabei das Rad neu erfinden muss.“

Der Psychiater nickt: „Sie sind auf dem richtigen Weg.“
Der Patient lächelt und denkt still bei sich: „Hauptsache, meine Nieren funktionieren, ihr Arschlöcher!“

Gerald Stienen

* Lithium: Wirkstoff Lithiumcarbonat, das ist ein Salz

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