Unprofessionell

Angeregt von den Beiträgen Gerald Stienens, die ich hier gerne aufnehme, habe ich mir mal Gedanken zum Thema Hilfsbedürftige und Helfer gemacht.

Bevor sie auf den Klingelknopf drückt, steckt sie etwas in ihre Tasche.
Sie hat es tatsächlich gefunden. Das leuchtende Kristall. Das wertvolle Juwel. Den unermesslichen Schatz.

Als Sozialarbeiterin für hausaufsuchende Hilfen musste sie diesen Fall übernehmen, da die Teamkollegen vorgaben, ihre Terminkalender wären voll. Na ja, und weil der Klient schwierig wäre. Der Dienst sucht sozial schwache Familien, schwer vermittelbare Arbeitslose und kranke und behinderte Menschen auf. Kurz, die Verlierer der fordernden Leistungsgesellschaft.

Noch in der Spiegelung des Glases der Haustür, die mit einem Summen frei gegeben wurde, schnell schauen, ob sie gut aussieht, die Frisur, das Kleid sitzt. Sie muss innerlich lachen, wie ein Teenager vor einem Date mit dem Schulschwarm …
Mittleres Alter, Familienstand ledig, Kinder keine, lebt er in einer engen, verlebten Wohnung. Die Begrüßung ist herzlich.

Beim ersten Mal war sie irritiert. Welche Art von Hilfen konnte sie ihm anbieten, außer für ein paar kleinere Organisationsfragen?
Er sieht gepflegt und gut aus. Er ist intelligent, eloquent und empathisch. Ein guter Beobachter, aufmerksam, höflich. Kraftvoll und sensibel. Und weiß, was er will. Ganz und gar ein Mann. Der Mann!

Sie erwischte sich bei Gedanken wie: „Keine andere soll ihn kriegen! Keine andere wird ihn kriegen!“
Wie konnte dieser Mensch einfach unbemerkt am weiblichen Horizont vorbeifliegen? Wie Mathias Rust in seiner Cessna unter dem Radar zum Roten Platz in Moskau? Irgend so etwas musste es sein.
Sie stellte fest, was ihn eigentlich bewegt hat, den sozialen Dienst in Anspruch zu nehmen. Er war viel zu schlau, nicht die üblichen Gründe angegeben zu haben. Aber eigentlich litt er an Einsamkeit. Das war’s!

„Das werden wir ändern“, hat sie ihm versprochen.

Ich werde das ändern, sagt sie sich nach der Verabschiedung. Zunächst bekommt die Niete und Reservist von einem Man, ihr terminierter Ex-Freund den Ring zurück, den sie sich vor dem Besuch ihres Klienten vom Finger abgezogen hat.
Sie seufzt leise. Entweder schafft sie es, diesen Fall an ihre Kollegen abzugeben, oder sie bewirbt sich gleich woanders. Damit sie keine Schwierigkeiten kriegen, wegen dem Klient-Helfer-Verhältnis. Das wird in ein anderes Verhältnis münden, weiß sie. Leben ist Veränderung!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.