Schreckgespenst

Es gibt so viele Spinner unterhalb der Bühne. Und man ist von ihnen abhängig …
Liefert der Autor keinen exzellenten Vortrag ab, unterhält er nicht mit amüsanter Literatur, am besten leicht und humorvoll, dann bleibt Applaus aus, niemand kauft etwas am Bücherstand und beim nächsten Mal kommt keiner wieder.
Für mich ist das die Hölle!
Ich weiß, in mir, in dem Herrn mit der beginnenden Glatze, auch in der Frau mit lockigen Haaren, die ihre Brille braucht, aber nicht gerne trägt, in den Studenten, die neugierig hier her gekommen sind, steckt mehr als Literaturgeplauder. Ich kann mich selbst nicht mehr leiden!
Wir alle sind zu großen Taten und so schrecklichen Albträumen fähig. Warum sitzt ihr alle so brav vor mir und lasst euch das um die Ohren schlagen, als wäre mein Werk ein säuselnder Frühlingswind und kein Winterorkan?
Hört ihr nicht zu? Was hört ihr eigentlich wirklich? Spätestens seit meinem zweitem Absatz schleudere ich euch meine Verzweiflung entgegen, ihr verdammten Literaturkonsumenten!
Das schlimmste kommt noch. Am liebsten würde ich solange reden, bis auch der letzte eingeschlafen ist und ich mich leise davon schleichen kann. Geht nicht. Irgendwann trete ich aus dem Scheinwerferlicht und wandle unter euch.
Ihr schmeißt euch regelrecht an mich. Duzt mich, ohne dass ich euch kenne. Verlangt Unterschriften für bescheuerte Vornamen.
Und während ich diese bittere Pflicht erfülle, zieht mich von der Seite der Glatzkopf ins Gespräch, lobt mich mit zwei Worten und findet es interessant, von seiner Jugendliebe, den Gedichten zu referieren. Oder Gedichte für seine Jugendliebe?
Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für einen Herzinfarkt! Filmriss und Aufwachen in einem Sanatorium. Stille. Weiße Räume. Gestärkte weiße Kittel.
Hauer in der Zeche, Müllmann, Erzieher in der Kita, alles würde ich lieber machen als dieses Bad in der Menge, in dem Bakterien, Mikroben und Milben neues Terrain erobern. Ich hasse das, ich hasse euch!
Warum mache ich das eigentlich …?

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2020

2 Antworten zu “Schreckgespenst

  1. Ich traue mich, mit diesem schrecklichen Lob, der nichts ahnenden um die Ecke zu kommen. Der Zwiespalt zwischen „Gesehen“ werden und „Wahr und Ernst“ genommen werden ist absolut spürbar. Die Darstellung des Konflikts ist Ihnen gut gelungen. Ich wünsche einen schönen Tag, voller guter Einfälle.

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    • Mich hat dieser Kommentar gefreut! Dieser Text (Sartirisch? Sarkastisch?) ist schon abgeleitet von realen Ereignissen. Wenn Sie es hören möchten? Ich habe in über 20 Jahren zahllose Lesungen gemacht und fast alles gesehen, was es gibt. Den letzten Satz jedoch, „Warum mache ich das eigentlich …?“, müsste man zurück datieren auf vor drei Jahren. Denn ich habe meine Bereitschaft für Lesungen überdacht und kam zu dem Schluss, dass ich es nicht mehr möchte. Meine Kollegen der Autorengruppe haben a) noch nicht so viele Erfahrungen und sind b) von ihren Verlagen verpflichtet, ihr Buch auf bestmöglichste Weise zu vermarkten. Dazu gehören eben Lesungen. Mein Verlag sieht das nicht so eng. Ist ja auch ein kleiner Verlag. Ihnen den bestmöglichsten Tag!

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