Runter bis auf die Knochen

Niemals wirst du den Blues verstehen, wenn du nicht jeden Tag an der Drehmaschine schwitzt. Maschinenfabrik. Feinmechanikerhalle. Drehmaschine Nummer 177. Tageschicht.
Du kennst den Blues nicht, wenn die Auftragsbücher voll und Überstunden zu erwarten sind. Wenn du an dein Mädchen denkst. Sie und ich. Jung und noch so viel Leben ungelebt. Du zerspanst Rundstähle. Acht Stunden lang. Sie lernt für das Abitur.
Es ist der Blues, wenn du glaubst, Liebe wird alle Barrikaden stürmen. Und Liebe währt am längsten.
Die Knochen tun mir weh, aber nicht von dem, was wir gerade machten. Bräuchte man ein Porträt für Anschmiegsamkeit, man sollte sie fotografieren. Die großen, braunen Augen mit den langen Wimpern glücklich geschlossen. Wie hat sie das nur mit den schönen, feinen Brauen hingekriegt?
Jede Nacht stirbt im Morgengrauen. Ich fahre sie noch nach Hause. Abschiedskuss. Und sie versucht, die Autotür leise zu schließen. Ihr Vater droht regelmäßig, mich aus der Welt zu befördern …
Während sie noch süßen Schlaf findet, stehe ich mir wieder Beine in den Bauch an Drehbank eins sieben sieben.
Der Blues kommt in der Frühstückspause. Die Kollegen. Bundesliga. Ein weiches Brötchen ohne Geschmack aus dem Automaten. Und viel blauer Dunst.
Hätte ich Abitur gemacht … Ich hätte vielleicht studiert. Nicht auf Rechtsanwalt. Kein Wirtschaftsstudium. Ich wäre auf die Kunstschule gegangen. Kippen werden kalt. Die Drehmaschinen drehen sich wieder. Tag ein. Und. Tag aus.
Du wirst im Blues sein, wenn du spürst, es ist etwas fort, das du nicht fest halten konntest.
Sie macht das Abi mit Bestnote. Ihre Eltern wollen ihr ein Jurastudium finanzieren. Tage sehe ich sie nicht. Niemand geht ans Telefon. Überall, wo wir gern waren, halte ich Ausschau, wenn ich nach den Überstunden aus dem Werk komme. Übernächtigt. Heuer bringt der Herbst viel Regen.
An einem Samstag, als ich nachmittags endlich aus dem Bett komme, mit der Post ein Brief. Fiebrig lese ich ihre Zeilen.

„Liebster, ich bringe es nicht über mich, es Dir persönlich zu sagen. Mein Onkel hat mir einen Studienplatz im Ausland besorgt. Ich werde viel, viel lernen müssen. Unsere gemeinsame Zeit wird immer die schönste meines Lebens sein. Doch ich glaube nicht, dass Liebe über Kontinente reichen kann. Ich wünsche Dir das Beste und bedanke mich für alles. Traurig D.“

An Drehmaschine 177 arbeitet ein Trinker. Er hat den blauesten Blues.

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Eingeordnet unter 2020

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