Gedächtnislücke?

Ich werde hier keinen Ratgeber für Schreibende posten. Irgendeinen Kniff verraten, mit dem es Anfänger leichter haben. Und auch nicht darüber ab- und ausschweifen, dass man erst allein für sich schreiben muss, bevor es eine Öffentlichkeit erfährt. Welche auch immer. Und daher jeder seine eigene Methode finden soll.
Es geht um eine Beobachtung. Was mir während der Treffen meiner Gruppe bei anderen Autoren auffiel und mich verwunderte. Ich fragte mich, wie ich dieses Problem löse?
Manchmal kommen einem Schreibenden Einfälle. Und kommt der erste Einfall, bringt er die anderen dazu passenden gleich mit. Doch was ist, wenn die Ideen zur falschen Zeit am falschen Ort kommen? Es gibt für „Eingebungen“ zwar keine falsche Zeiten oder falsche Orte, aber sicherlich oft genug keine Gelegenheit und keine Möglichkeit, diese wichtigen Anreize aufzuschreiben.
Je mehr man schreibt, umso mehr erkennt man den Wert der allerersten Idee. Daraus entsteht alles. Wie der Urknall das Universum erschaffen hat, führt der erste Einfall zu einer durchaus besonderen Kurzgeschichte, zu Lyrik oder gar einem Roman. Da sich diese „Eingebung“ als so hartnäckig erweist, und egal, wo man mitten drin steckt, nicht einfach wegwischen lässt wie eine „Schnapsidee“, muss sie besonders sein. Man hat schnell gelernt, auf so etwas zu achten, weil es sich als zuverlässige Quelle für etwas Neues erwiesen hat.
So ist es bei mir. Die Idee macht gut 90 Prozent eines Textes aus, der Rest die Ausarbeitung. Aber verflixt! Bei mir nichts zu Schreiben im Bus. Nach drei Tagen Regenwetter endlich mal ein friedlicher Spaziergang, dann schlägt der Blitz ins kreative Kontor ein und nicht mal das Handy mit. Boa! Unterwegs im Auto, welches man am Vortag aufgeräumt und staubgesaugt hat, auf dem letzten Drücker zur Arbeit, vor einer Rotphase stehend und die Züge eines wahnsinns Roman nehmen Gestalt an, aber im Job geht es bis zur ersten Pause richtig rund …
Muss man sich da nicht grausam ärgern?
Zunächst mal, ich glaube an die darwinistische Selektion der Ideen. Nur die Stärksten überleben. Diejenigen, die es wirklich wert sind, überstehen auch die Vergesslichkeit. Und das ist das, gegen man als Autor kämpfen muss! Die Angst vor dem Vergessen ist der eigentlich Feind.
Auch wenn man nicht sofort alles aufschreibt, zusammen mit Tagesdatum, Uhrzeit nach MEZ (und drei anderen wichtigen Zeitzonen), Standortbestimmung durch Google Map und seinem Pulsschlag, kann man seinem Gedächtnis vertrauen. Mal ganz pragmatisch gesehen: Hat man wirklich etwas vergessen, woher wollen wir eigentlich wissen, dass wir überhaupt eine Idee hatten? Und brauchbar dazu?
Ich höre von anderen Autoren, wie sie alles haarklein, also, was sich in ihrem Geist entwickelt, als Sprachnachricht verschicken – an jemanden, der sich dann schwer wundert – um es zu Hause am Schreibtisch wieder abhören zu können.
Oder diejenigen, die immer eine Kladde oder Notizbuch und Stift dabei haben und auch mal ein angeregtes Zwiegespräch unterbrechen, um einen Eintrag zu machen. Und manche davon sind um den Jahreswechsel immer auf der Suche nach einem schön eingebundenen, geeigneten Büchlein für das nächste Jahr. Frauen machen das gerne. Vermutlich, weil sie eh immer eine geräumige Tasche mit sich tragen, da es von jetzt auf gleich zu einen Trip zum Kilimandscharo, nach New York oder auf den Mond gehen könnte …
Bin ich also unterwegs, vertraue ich noch meinem Gedächtnis. Zu Hause habe ich neben dem Bett Stifte und ein Stapel Papier. Das ist gut so, denn oft purzeln die Ideen, von woher auch immer, in dem seltsamen Zustand zwischen Wach sein und Eingeschlafen sein. Tja, wenn ich es noch schaffe, am nächsten Tag, meine Schrift zu entziffern, ist alles gut.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2020

2 Antworten zu “Gedächtnislücke?

  1. lunaewunia

    Unterhaltsamerweise etwas, was mich auch gerade umtreibt. Mir geht es dabei nicht um Ideen zu neuen Projekten, sondern für meine Erzählung. Sei es eben zum Plot oder auch ein Satz, der unbedingt einfließen muss. Ich habe gern irgendein Büchlein oder Zettelchen mit Stift bei mir, doch odt bin ich eben auch Taschenlos ausgestattet. Und in mein Handy zu tippen oder zu sprechen, scheint mir dabei sehr würdelos. Darum streng ich mich an und sammel im Kopf – denn so wie du sagst: was gut ist, bleibt und ich hoffe, nur das irrelevante geht verloren. Außerdem ist es schön, sich all die Ideen immer wieder zu rezitieren, daran zu feilen, bis sie endlich zum Einsatz kommen.

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    • Ja klar, auch einzelne Passagen, Sätze oder Plotverläufe habe ich gemeint. Finde ich ganz nett gesagt: „Und in mein Handy zu tippen oder zu sprechen, scheint mir dabei sehr würdelos.“ Als ob es Autoren und Autoren gibt. Die „Modernen“, die alle elektronischen Mittel nutzen, um vor allem Geld zu verdienen, die „Rechenstrategen“ – und die, die noch Vorstellungen vom Schreiben haben, welche mit „Geheimnis“, „Würde“, „Aufrichtigkeit“ und „Sinn“ zu tun haben. Ich zähle mich nicht zu den Ersten …

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