Nun sind sie fort

Gerade brachte ich Glas weg. Setzte mich in der Nähe auf eine Bank. Lauschte aufmerksam. Und beobachtete.
Am 20. Mai hörte ich sie das erste Mal. Das Datum schreibe ich immer extra in meinen Kalender. Ich würde sie auch noch aus dem dicksten Verkehrslärm heraushören.
Ihre schrillen Rufe und ihre rasanten Flüge begleiten mich seit der Kindheit. Die Schwalben. Ok, eine Freundin meinte ein paar Mal trocken: „Das sind Mauersegler.“ Als Diplombiologin sollte sie es wissen.
Doch mein Vater nannte sie „Schwalben“ und mein Opa auch. Und der sagte immer, wenn Schwalben am Haus nisten, dann bringt es Glück.
Irgendwann, wenn es heller und freundlicher wird, sind sie dann da. Dieses Jahr hier über dem Viertel eben am 20.05.
Aber man merkt nicht, wann sie nach Nordafrika zurück fliegen. Vielleicht, weil sie alles schnell machen.
In Gruppen haben sie in meinem Heimatort rasante Flugkünste gezeigt. Ob sie hoch oder tief fliegen, nie sind einzelne Tier zusammen gestoßen. Und in der Schule lernten wir freilich, dass ihre Beute Insekten sind, die der Luftdruck mal höher oder tiefer schweben lässt.
So machen sie es auch hier.
Wenn die Schwalben, Pardon, Mauersegler, da sind, heißt es ja, „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ (also doch „Schwalbe“?), aber wenn sie fort sind, dann ist der Sommer auf dem Rückzug.
Im Elternhaus stand ich oft am Badezimmerfenster. Im ersten Stock. Hinten raus. Die Sicht ist nicht verbaut. Man ist dem Himmel irgendwie näher. Und der Kindersommer lag in seiner ganzen Pracht vor einem. Dazu flogen diese fixen, leicht schreienden Vögel. Dann. War das. Einfach. Ein. Schönes Gefühl.
Wo die Schwalben bzw. Mauersegler ankommen, bringen sie mir diese Erinnerung mit. Deshalb trage ich den Tag im Kalender ein.
Oh! Mein Geburtstag ist im Sommer. Einige Jahre hintereinander bin ich als Erwachsener zurück gefahren und feierte mit Familie und guten heimischen Freunden. Wir stellten Tische in den Hinterhof. Aßen und tranken und erzählten uns viel bis in die Nacht.
Diese … äh … Vogelart nutzt noch das Dämmerlicht am späten Abend. Die letzen Runden zogen sie tief über unsere Kopfe hinweg – als ob sie sich vergewissern wollten, dass der „verlorene Sohn“ wieder da ist. Das ist natürlich Quatsch! Oder …?

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2020

2 Antworten zu “Nun sind sie fort

  1. Danke Christoph, das berührt mich sehr …. ich liebe sie auch, ob Schwalben oder Mauersegler ;-)
    … von Herz zu Herz … Segen!
    M.M.

    Gefällt 2 Personen

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