Worttatort

Letztes Jahr habe ich verstärkt auch Gedichte geschrieben. Ich fand heraus, dass Lyrik meinen sprachlich knappen Stil aus den kurzen Prosastücken nochmal konzentriert.
Im Gedicht waren weitere Kürzungen der Syntax möglich, die der Leser zum Verständnis bei Short Storys noch braucht.
Gut, dachte ich.
Noch besser war, dass ich feststellte, dass ich mit modernen Versen radikal näher an Gefühle und Emotionen kam als je zuvor.
Interessant, je weniger ich schrieb, umso authentischer wurde ich und träumte den Traum archaischen Bewusstseins.
Das, was die Menschheit von Beginn an gefühlt hat, die Ratio jedoch stufenweise verwischte. Ich glaube daran, dass selbst ein Projektkoordinator von heute – mit hohem Gehalt, jonglierend mit Zahlen, Terminen und Computerprogrammen – immer noch die Lust nach unbändiger Wut hat, wenn ’s ihm alle Dead-Lines verhaut. Oder zu unbändiger, im Hüpfen äußernden Freude, wenn er ’s doch hinkriegt.
Viele Rituale, denke ich, Gesetze und einklagbare Rechte sollen das Zusammenleben vieler regeln, tragen leider gleichzeitig dazu bei, unser ältestes Selbst zu unterdrücken.
Bis auf die Poeten.
Ich sehe mich in der wunderbaren Lage, Kostproben zutiefst menschlicher Gefühle ausgesetzt zu sein. Diese sind in Worte zu fassen. Aber wie?
Beim Schlager wird „Herz“ auf „Schmerz“ gereimt – würg!
Nehmen wir an, eine bestimmte Emotion hinterlässt ein Fußabdruck. Wie ein Abdruck im Sand oder der Erde.
Ein Dichter kann davon einen Gipsabdruck machen – mit Zeilen, Sätzen, Worten. Obwohl weiterhin nur aus Gips bestehend, kann der Leser viele Details erkennen.
Was ich mache, ist den Gipsabdruck noch etwas nachschleifen. Vielleicht ist beim Gießen etwas daneben gelaufen, vielleicht gibt es noch Irritationen von einem Element, welches unter dem Tritt lag – etwa Laub auf der Erde oder sonst etwas.
Mehr kann ich nicht, um das Eigentliche nicht zu verformen, zu verfälschen. Manchmal habe ich nur Teilabdrücke.
Aber wer sagt, dass alle Gipsabdrücke immer diese weißgraue Farbe haben müssen? Ich kann zum Malkasten greifen und psychedelische Muster auftragen.
Ich kann es auch lassen. Nur die volle Wucht, die ganze Schwere eines Gefühls habe ich durchlebt. Das ist mein Risiko.
Das Risiko des Lesers besteht darin, es zu lesen. Immer.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

3 Antworten zu “Worttatort

  1. lunaewunia

    Oder wie Daniil Charms sagt: „Gedichte müssen so sein, dass die Scheibe kaputt geht, wenn man sie dagegen wirft“
    Das sollte mit deinen Gipsabdrücken wohl klappen 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Bitte, gieße fleißig weiter in Gips! Es ist gut so, wie es ist.
    Danke dafür!

    Gefällt 2 Personen

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