Der Worte Macht

Ich erinnere mich an ein altes Gedicht von mir.
„Der Worte Schneider“ heißt es. Am Ende kommt darin vor: „Ich habe einen fleißigen Schneider […]“.
Gemeint ist die Tätigkeit des Autors. Wie ein Schneider maßgefertigte Anzüge oder Kostüme – nicht von der Stange – produzieren und zwar mit hohem Output.
Wer auf so viel Schreiberfahrung zurück blicken kann, dessen Unikate füllen Warenhaus um Warenhaus.
Allerdings gibt es da eine Abteilung, auf die zumindest zwiespältig blicke.
Die der aggressiven Worte.
Worte der Macht, Überlegenheit und Brutalität, um das Gegenüber windelweich zu prügeln und so klein machen, damit das eigene Ziel erreicht wird.
Und das ist keine literarische Spielart. Das ist in meinem Alltag auch so. Ich bereue es nicht mal.
Ist es angemessen Wut auszuleben? Welchen Sinn macht es, zu beweisen, wer hier der Boss ist? Schnell, treffgenau und schmerzhaft auszuteilen?
Die Wurzel darin liegt in einer angstbesetzten Kindheit, wo einem allein schon auf dem Schulweg die älteren Kinder auflauerten, schubsten, schlugen und traten. Ohnmächtig sein und weinend nach Hause kommen. Vater sagte immer: „Du musst sie zurück hauen!“
Aber dazu war ich zu schwach. Das geborene Opfer.
Das änderte sich mit dem Wort. Als Stubenhocker verschlang ich Buch um Buch und verblüffte mit intelligenten Worten die Schlägertypen, und dann kehrte Ruhe ein.
Doch das Trauma wehrlos zu sein, schlummerte nur. Es meldete sich später und seit dem immer wieder, wenn es darum geht, mich schlecht oder ungerecht behandelt zu fühlen. Nur dass ich es nicht physisch mache. Verbale Hiebe eben.
Eine Weile lang habe ich „Schimpftexte“ geschrieben, vehemente Schmähungen gegen alles, was ich für Schwachsinn dieser Welt halte.
Vielleicht kann man mein Buch mit den „Supermarkt-Geschichten“ auch so lesen.
Wo führt das aber hin? Fühle ich mich danach besser? Erreiche ich mehr durch Rücksichtslosigkeit? Betreibe ich auf diese Weise Seelenhygiene?
Die Antwort ist jedes Mal Nein. Grenzenlose Wut saugt das Mark aus den Knochen. Wettere ich bei einem Arzt über einen Missstand, befürchtet er als nächstes einen Herzinfarkt. Und dann verprelle ich diejenigen, die ich eigentlich sehr gern mag.
Woher es kommt ist nur eine Erklärung. Es kann keine Rechtfertigung sein. Ich kann mich auch anders entscheiden.
Als Schneider vieler Texte kann ich auswählen. Ich kann angenehme Stoffe nehmen. Schillernde, die Haut liebkosende. Und damit, irgendwann, Frieden in mir selbst finden.

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Eingeordnet unter 2021

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