Körperdesign nach DIN Norm

In dieser Welt bedeutet das Wünschen nichts mehr, weil es um Machbarkeiten geht. Was machbar ist, wird gemacht, sofern du es bezahlen kannst. Möglichkeiten ausschlagen wäre nicht trendy. Jeder möchte Teil des Ganzen sein. Nicht ein ungeliebter Querkopf.
Einen meiner jüngeren, männlichen Nachbarn habe ich gerade mit einer großen, unförmigen Tasche aus dem Haus gehen sehen. Der wird zum Sport sein. Training. Verein. Vielleicht Fitnesscenter. Vielleicht laufen. Da sieht man, wie wenig ich davon verstehe. Zum Laufen genügen Laufschuhe und ein Handy. Denke ich.
„Man muss was tun“ – heißt: Zeit, Aufmerksamkeit, Kosten investieren, damit man seinen Körper ideal formt.
Bier- und Schwabbelbäuche haben keine Saison. Man trinkt zwar gerne Bier, aber dafür muss man mindestens zwei- oder dreimal die Woche Gewichte stemmen. Oder ähnliches.
Es gibt genügend Erfolgsbeispiele, also muss der Six Pack her.
Folglich wird die Köperzonenumgestaltung durch herum zuckelnde Muskelkontraktionen zum Ideal. Und damit zur Norm.
Jede Norm, im Guten wie im Bösen, bestraft Abweichler, nebenbei bemerkt.
Hier kommt die Fernsehwerbung auf den Plan. Es ist leicht einsehbar, dass sich anhand gesellschaftlicher Ideale Produkte verkaufen lassen. Mir scheint, das ist Voraussetzung.
Nehmen wir eine x-beliebige, häufig beworbene, bekannte und beliebte Ware. Ein Deodorant. Jeden sportlichen Zappelphilip wird es interessieren. Ich schildere den Aufbau eines Werbespots.
Zunächst werden zwei Spraydosen von Roboterarmen ins Bild gestellt. Dies ist ein äußerst wichtiges Detail, ich bitte, es bis zum Ende meiner Ausführungen zu behalten.
Es geht um Treue. Des Deos. Oder vielmehr seiner Wirkung. Sie ist treuer als dein bester Freund, die engsten Familienbande und auch die deines Hundes. Niemals, unter gar keinen Umständen, wird dich dieses Deo im Stich lassen! Wo du das hin sprühst, schwitzt nix mehr!
Ich finde das nicht immer vorteilhaft, aber das ist eine andere Geschichte.
Da ist als erstes eine junge Frau im Wintermantel in einer Hähnchenbraterei … nein, keine Hähnchen, aber große Wärmekollektoren wie in einem Grill.
Meine erste Frage ist, wieso geht sie in diese Extremsituation mit einem gefütterten Mantel und Kapuze mit Fellrand? Die Werbung verrät es dem Verbraucher: Roboterarme lüften ihren Mantel und unter der Achsel ihrer Bluse (falls das Wort noch Verwendung findet) – knochentrocken. Das beantwortet nur meine eigentliche Frage nicht …
Die nächste Situation ist eine allegorische Darstellung des allgegenwärtigen Stress. Menschen, nach 1980 geboren, kennen nichts anderes als Verzweiflung und Wirrnis. Ein heutiger Lebensstil, in welcher Varianz auch immer, erfordert stets einen guten Job. Und der fordert. Dabei steht der Stress in persona hinter einem.
Doch besagtes Deo beweist kompromisslos und unbeirrbar seine anhaftende Treue. Die Achselhöhle hier als bevorzugtes Deodepot ist und bleibt trocken …
Zwischenfrage: Was ist günstiger, Stressvermeidung oder ein Drogerieartikel zum Zerstäuben angenehmer Düfte?
Auch Werbestrategen kommen auf die Idee, hat man zwei Bereiche gezeigt, muss man noch die dritte Situation liefern.
Man sieht einen Läufer auf einem Endlosband auf der Stelle laufen. Vor ihm ist eine große Windmaschine. Er ist an einem Fallschirm angegurtet, der den Typen natürlich nach hinten ziehen will.
Wer macht denn sowas? Und was macht das mit einem selbst?
Workout. Heißt es. Bedeutet, alles zu geben, körperlich an die Grenzen gehen.
Workout. Mein Vater hatte das jeden Tag. In der Fabrik. Harte körperliche Arbeit. Seine Bizeps konnten sich sehen lassen. Und waren daher von der Firma bezahlt. Von euch Sportnasen kennt das keiner mehr.
Und das Deo? Der Irre atmet etwas schwerer, er ist am Hals verschwitzt, doch unter den Achseln hat ihn das treudoofe Deo natürlich nicht im Stich gelassen.
Würde ich mich für so ein überflüssiges Gehampel zwischen Windmaschine und Fallschirm stemmen, würde ich selbst zu einer Maschine werden. Eine physikalisch berechenbare Größe, welche getrost das Menschliche ablegen kann.
Hiermit schließt sich auch der Kreis. Die Roboterarme. Aus seelenlosem Blech zusammengeschraubter Oberschrott. Roboterarme stellen Hygieneartikel Maschinenmenschen zur Verfügung. Und diese haben den festen Willen zu funktionieren.
Als Leistungsverweigerer, Träumer und Beobachter der Gesellschaft denke ich in meinen schlaflosen Nächten oft nach. Es scheint, dass es keinen Fortschritt gibt. Es ist und bleibt stets dieselbe Dummheit, der die Leute hinterher laufen.
Apropos schlafen. Warum ich schlecht schlafe? Vielleicht, weil ich keinen Leistungssport betreibe, der mich auspowert …?

3 Kommentare

Eingeordnet unter 2021

3 Antworten zu “Körperdesign nach DIN Norm

  1. lunaewunia

    Bei dem momentanen Fitnestrend habe ich immer die Szene um Satre, Camus und de Beauvoir im vergangenen Paris vor Augen: Ein Leben in Bars mit viel Kaffee, Zigaretten, Alkohol, schwarzen Rollies und Jazzmusik. Beim heutigen Gesundheitswahn wäre das wohl undenkbar^^

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  2. Christine Bertels

    Maschinenmenschen – Deo (us) ex machina. Ziemlich genial. Danke für die Geschichte, desodorierte Männlichkeit, nicht toxisch.

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