Auf den Spuren eines Kurzromans

Es ist ein warmer, sonniger Tag. Mitten in den Schulferien. Ich radle bei uns die Hammer Straße entlang. Die zweispurige Straße ist laut.
Dennoch kann ich sicher raushören, wenn über einigen Blocks Schwalben fliegen. Ihr Schreien und Rufen ist mir seit der Kindheit vertraut.
Die Stadt ist auch Schauplatz meines Buchs „Urbanicity“. Erschienen 2017 in einem kleinen, aber ordentlichen Verlag.
Weder in dem Buch noch jetzt nenne ich den Namen dieser Stadt. Einer der Gründe ist, dass ich nicht den Stolz derjenigen teile, die sich mehr als ich mit diesen Mauern identifizieren können. Ich fühle mich wie Strandgut und habe mich lediglich wohnlich eingerichtet.
Gegenüber dem Verlag konnte ich nicht durchsetzen, mein Werk als „Kurzroman“ zu untertiteln. Das ist (noch) keine anerkannte Literatursparte. Und den Vorschlag „Novelle“ wies ich als zu literaturwissenschaftlich zurück.
Aber ansonsten haben wir redlich und mit viel Einsatz und Fleiß ein neues Baby von mir zur Welt gebracht.
In der Kulisse mancher Szenen des Buchs fahre ich gerade in die Altstadt. Ich brauche ein neues Antennenkabel und eine Spindel CD-Rohlinge. Letztes für meine Musikproduktionen.
Im ersten Kapitel und noch einmal später radelt der Protagonist Jim in Gegenrichtung von der Arbeit nach Hause. Bei ihm fängt es Juli an und es ist warm.
Ich hatte also solch eine Fahrt vor meinem inneren Auge, oder diesen Film, der abgespult wurde, als ich davon schrieb, wie gefährlich es sich immer anfühlt, wenn die Autos aus den Seitengassen schießen.
In der Realität ist die Vorfahrt eindeutig geregelt. Alles auf der Hauptstraße hat Vorfahrt. Auch die Radfahrer.
Es gibt eine Besonderheit. Radfahrer dürfen hier die Ampeln für die Fußgänger ignorieren, Autos haben sie zu beachten.
Die Szene, in der der Jüngling mit dem neongrünen, aufgemotzten Wagen zusammen mit Jim an der Ampel wartet, ist also Fiktion.
Am Schreibtisch war das in meiner Vorstellung da gegenüber vor der Drogerie. Und hier, zu meiner Rechten, das reale Café Wolters. Es wurde zum „Chapeau“ literaturisiert. Hier trifft sich Jim mit der Kollegin Isabell, die einzige, die, wenn auch verspätet, an seinen Geburtstag denkt.
Wenn ich wieder an die Personen denke, die ich erschaffen habe, fällt mir auf, dass er ihr nie eindeutig zeigte, ob er mehr wollte als Freundschaft. Es existiert einfach nicht.
Ich hatte mal einen Schulfreund. Der war der personifizierte Phlegmatismus. Viele Figuren, die ich als Autor schuf, haben solche Züge. Einfach nur rumsitzen und schauen, wie die Welt erblüht oder untergeht. Selbst nicht den kleinen Finger rühren. Eine Möglichkeit, die Lebenszeit zu verbringen. Aber nicht die Einzige.
In dem Elektronik- und Elektrogroßladen habe schnell das bekommen, was ich wollte. Desinfiziere meine Hände am Ausgang. Kann die Maske abnehmen. Nicht mehr viele tun das noch.
2017. Wir wussten noch nichts von einer Pandemie, die Millionen das Leben kostete. Es gab keine Lockdowns und nicht so viele Homeoffice-Arbeitsplätze. Uns saß noch nicht die Angst im Nacken. Scheinbar gewöhnt sich die Menschheit auch daran. Dreimal geimpft und wieder werden Flugreisen gebucht, nach Lockerungen auf Hygiene keinen besonderen Wert mehr gelegt. Die trotzt Impfung Infizierten kommen halt in Quarantäne und genesen. Diesen Bodensatz nimmt man in Kauf.
In „Urbanicity“ geht es um etwas Anderes. Die Unausweichlichkeit des Älterwerdens. Ob Jim auf den letzten Seiten gestorben ist oder – ich sag mal – verrückt wurde, lasse ich weiterhin offen.
Ich kann etwas verraten. Im ersten Kapitel kommt Jim nach Hause, fängt an zu schwitzen und entledigt sich seiner Kleidung.
Mir geht es auch so. Wenn ich in die zunächst stehende Luft meiner Wohnung komme, vertrage ich auch keine Textilien auf der Haut …

Urbanicity 2017

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