Moment mal

Die Corona-Zeit lässt mich immer noch in Vorsicht leben. Ich besuche keine Veranstaltungen oder Gaststätten. Gleich bei einem ersten Versuch, bei dem ich einen Gast von außerhalb hatte, und wir uns etwas in einer Imbissbude bestellten, hagelte es zeitversetzt Risiko-Begegnungen in der Corona-Warn-App …

Was Gesellschaft bewegt und wie sie tickt, kann ich aber als geübter Beobachter dem Fernsehprogramm entnehmen. In der Werbung. Was auch immer da verkauft werden will, die Werbespots liefern mir das Konzentrat gesellschaftlicher Ansichten von und für Zielgruppen aller Art.

Lebe den Moment! Lebe den Moment! Lebe! Verdammt noch mal! Den! Moooment! Kennen Sie das? Es kommt häufig vor. Für Süßwaren, Schmuck, in der Kosmetikindustrie und bei Partnervermittlungen.

Der Moment muss gelebt werden. Man lebt wohl auch nur für diesen einen Augenblick. Der eine Moment muss perfekt sein. Und dafür braucht man eben das angepriesene Produkt. Ohne ist ein Moment nur fahl und lau.

Warum ist dieser eine, dieser überaus besondere Moment so wichtig?

Die Wissenschaft spricht von dem Moment, dem Augenblick als Zeit der Gegenwart. Die Zeitspanne, die unser Bewusstsein als den Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft wahrnimmt. Und die Gegenwart dauert – 3 Sekunden. Nach drei Sekunden verflüchtigt sich alles in das Vergangene.

Ist das mit dem Moment gemeint? Man soll sportlich, aktiv, vegan und optimistisch leben, damit man für 20 bis 110 € und mehr 3 Sekunden lang das Besondere erlebt?

Nun, so gesehen eine geschickte Werbestrategie und auch Lebenshaltung, denn die Gegenwart kommt unweigerlich immer wieder neu, wenn sie sich für drei Sekunden aus der Zukunft schält. Aber das eben auch furchtbar beliebig. Und auch gefährlich. Wenn jeweils nur 3 Sekunden zählen, was ist mit meiner Lohnsteuererklärung, den Versicherungsbeiträgen und der Miete? Wer da nicht rechtzeitig in der Vergangenheit vorausschauend geplant hat, dem können 3 Sekunden „Moment“ ziemlich lang werden, wenn die Post mit den Mahnungen kommt …

Und seit wann sind wir wieder so fatalistisch? Was die Zukunft auch bringen mag – egal! Wir genießen den Moment mit exquisiter Schokolade mit Likör oder so etwas. Dass dies die Hüften erweitert, gehört ja gedanklich nicht in diesen wunderbaren Genuss-Moment!

Nachhaltigkeit passt dann auch nicht mehr ins Programm. Schätze mal, dieses Konzept wurde nicht für einen Augenblick erdacht, die Floskel dafür befindet sich eindeutig auf dem Rückzug.

Unser Planet ist wie die Titanic. An einem Berg Eiswürfel für Longdrinks aufgerissen, der Ressourcen beraubt, Polkappen schmelzen und die Luft vergiftet, aber die Tanzkapelle spielt für uns bis zum letzten M-O-M-E-N-T …!

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