Archiv der Kategorie: Buch 5

Dieser Sommer

Die Post, die viel zu lange für den Brief der Mutter braucht.

Menschen, die man kennen lernt und die, die man kaum kannte und sich verabschieden.

Tage ohne Schatten. Hätte ich ein Loch im Kopf, würde die Sonne das Gehirn austrocknen.

Busse, die ungeachtet der Glut draußen beheizt sind.

Der Mangel an Hunger und an Schlaf.

Die Farben am späten Himmel.

Meine kleine Nichte nun laufen kann.

Viele Notizen und Skizzen für das neue Buch.

Lachen? Während eines Besuchs eines Kollegen aus B.

Bei Anstrengungen wünscht man sich den finalen Infarkt herbei …

Wo sind all die Freunde, mit denen man gern telefoniert? Draußen?

Was ist das für ein Fieber manchmal?

Oh, ich brauche eine neue kurze Hose!

Es regnet an einem späten Nachmittag. Ich erkenne das Geräusch nicht mehr …

Von der diesjährigen Grillsaison bekomme ich ein Stück ab.

Ich bezahle eine Jahresrechnung und fahre raus zur Bank.

Man muss sich ca. drei Monate an den Hochsommer gewöhnen. Dann ist er vorbei.

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Atem aus

Du liegst da wie aus bleichem Pergament. Das Alter. Die Krankheit. Und nun auch der Tod.
Meine Tränen. Meine Tränen können daran nichts ändern. Keine heißen Tropfen, keine Küsse, keine Rufe erwecken dich wieder zum Leben.
Wir kannten uns lange. Fast das ganze Leben. Mehr noch als nur ein Leben. Und wenn ich auch überzeugt bin, dass wir uns wiedersehen, muss ich dich jetzt gehen lassen, meine Frau, meine Liebe. Den einzigen Menschen, der ist wie ich.
Ich selbst, ebenfalls nur alter Knochen Gebieter, kann mich schwer nur aufrichten. Möge die Arroganz jugendlicher Blicke nichts weiter als einen Greis sehen, dessen alte Frau verstarb, so werden sie noch lernen, was es bedeutet, einander Herzen zu schenken und zu umsorgen – bis sich für einen das Grab auftut und das so behütete Herz mit vergraben wird.
Was mir die Kraft gab, die Kammer zu verlassen, weiß ich nicht. Diener und Mägde besorgen das Übrige. Wir wussten unser Geheimnis zu bewahren. Über die Jahrtausende. Es ist schwer, es allein zu tun.

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Hausaufgabe

Bei Sem;kolon geben wir uns Hausaufgaben auf. Dazu geben wir uns ein möglichst wahllos gefundenes Stichwort. Z. B. indem wir die Bedienung unseres Lokals überfallen.
Dazu kann jeder in der Autorengruppe freiwillig und auf seine Weise einen Text verfassen. Die Texte tragen wir einander beim nächsten Mal vor und kritisieren sie.
Nun, keine Ahnung wie viel Bier und Wein beim letzten Treffen im Spiel war, wir einigten uns auf „Gaia“. Es könnte aber auch so gewesen sein, dass der kühne Drang, diese Herausforderung zu meistern, die Oberhand gewann.
Ich habe heute ein Drabble zum Stichwort geschrieben. Das muss ja exakt 100 Worte haben. Ich finde es immer erstaunlich, dass dann bei mir die Sprache sehr poetisch wird (Prosagedicht).
Einige Motive habe ich meinem aktuellen Buchprojekt entnommen.

 

In fernen Feuern

Du und ich. Deine, meine Seelen. Unsterblich und mit der Gabe des Erwachens. Reisende schon seit Beginn der Zeit. Ob jäh oder langsam uns der Tod ereilt, wir kehren zurück in Mutter Erde, Gaia. Wir sehen nicht, denken nicht, aber fühlen. Inmitten von Magma und Magnetismus. Wirbel flüssiger Formen, Farben und Erdklängen. Gaias Schoß. Treiben darin. Wenn es ihr gefällt, kommen wir in ein neues Leben. Dort erwachen wir bei Berührung der heiligen Bäume. Nichts, keine Gewalt kann verhindern, uns zu finden, uns zu lieben als Mann und als Frau. Du weißt, meine einzige Liebe, unsere Seelen sind einander sicher!

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Silberhochzeit mit einem Satzzeichen

Seit 25 Jahren gehöre ich hier vor Ort der Autorengruppe Sem;kolon an. Die Gründung habe ich nicht miterlebt, die war zwei Jahre früher. Aber ich kenne alle Gründungsmütter- und väter.
Nirgendwo habe ich gefunden, was mich so zentral interessiert. In keinem Studium, in keiner Schreibwerkstatt oder einem dieser „Wie werde ich ein verdammt guter Autor“-Bücher.
Die Autorentreffen finden turnusmäßig in einer ruhigen Ecke eines Lokals statt. Sind wir vollzählig, trägt jeder sein aktuelles Werk, meist Kurzprosa oder Lyrik, vor und stellt sich dem Lob oder der Kritik der anderen. Das war schon immer so! Und das ist der Clou der Sache, lernen und agieren von und mit Gleichgesinnten und Gleichgestellten – anderen Autorinnen und Autoren.
Bis 2001 haben wir selbst finanzierte Anthologien herausgebracht. Heute gibt es Buchveröffentlichungen in der Verantwortung des Einzelnen.
Jede Generation von Sem;kolon-Teilnehmern hatte ihre Leseveranstaltungen.
Wir nutzten einige Angebote der Stadt, wie damals das „Literaturtelefon“. In einem Tonstudio aufgenommene Vorträge, die man über eine Telefonnummer abrufen konnte. Im digitalen Zeitalter gibt es das nicht mehr.
Ich mag die jetzige personelle Konstellation der Gruppe sehr. Alles ist freiwillig. Aber wenn alle gerne wieder kommen und etwas zum Abend beitragen, ist das sehr schön. Wir sind nicht mal ein Verein … Die Autorin, die nach mir am längsten dabei ist, kann sieben Jahre Teilnahme verzeichnen. Da bin ich unangefochten der Opa.
Ich werde kein Fest daraus machen, oder gar eine Lesung organisieren. Wenn meine neue Buchidee noch dieses Jahr realisiert werden kann, dann ist es ok. Wenn nicht, dann nicht.
Gerade ist jemand Neues zu uns gestoßen. Man gibt ihr Zeit, sich zu orientieren, und sie zog auch noch aus Hamburg hier her. Geben wir ihr die doppelte Zeit! Als ich beim letzten Termin sagte, ich hätte ausgerechnet, ich würde schon seit 25 Jahren hier herum spuken, fragte die neue Autorin, wie es denn mit der Fluktuation wäre? Fluktuation wurde für Sem;kolon erfunden! Ich zählte ihr die Jahre auf, wo Gründungsmitglieder und andere prägende Autorinnen und Autoren sich in alle Winde zerstreut hätten, weil z. B. das Studium beendet war und solche Dinge. Jemand heiratete, meinte ich lachend. Das hätte nicht zu uns gepasst.
„Wieso nicht?“
Die hörte nicht auf zu bohren. Wir wissen, dass sie verheiratet ist und ein kleines Kind hat.
„Wir waren damals Studenten, wir hatten damit nichts am Hut.“
Währenddessen alberten die anderen darüber, was zu meinem Jubiläum zu tun sei. Es gab zwei Autorinnen, die mir eine Krone basteln wollten und je eine Autorin und ein Autor eine Rede schreiben.
Fußvolk! ;-)
Eines ist mir jedenfalls klar geworden. Der Grund, warum es in meinem Haar an prominenter Stelle graue Strähnen gibt. Oder silberne. Je nach dem.

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Collage

Man kann so gut es geht, den nächsten Tag vorbereiten. Aber man sollte nicht vergessen, den heutigen Tag mit Erlebtem zu füllen.
Ich habe dabei nicht im Sinn, sich ins Auto zu setzen, Fahrrad zu fahren o. ä., um als Menschenansammlung von der Freizeitindustrie gemolken zu werden.
Was war heute bei mir?
Mir fällt spontan ein, dass eine Freundin während eines Anrufs ihr Befremden ausgesprochen hat. Über mich. Dass ich am Geldautomaten war. Dass erste Mal in diesem Jahr die Sonnenbrille trug. Ich fügte meinem neuen Buch ein Kapitel hinzu und stellte fest, dass es ganz schön blutrünstig ist. Splatter! Ich telefonierte mit meiner Mutter. Sie verwendete fast die gleichen Formulierungen für meine Nichte wie für meine Schwester damals. Es sind Worte aus dem letzten Jahrtausend! Und ich erinnere mich daran noch.
Ich wollte den Abend nicht mit fern sehen töten, schaute in den Sonnenuntergang, weil nichts so schön und traurig zugleich ist.

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Ich arbeite gerade an einem Roman

„Ich heiße Gudrun und ich arbeite gerade an einem Roman.“ Gudrun wird unserer Autorengruppe, sie ist das erste Mal dabei, dann auch ein Kapitel vortragen. Sie erzählt vorher noch, dass die Idee für ihre Schreibbemühungen von einer Fernsehserie kommt, deren Staffeln sie alle gesehen hat.
Was wir hören ist lahm. Es fehlt ein klarer Aufbau. Humorvolle Teile hängen von technischen Bedingungen ab, die es so nicht gibt. Und Gudrun bräuchte einen Grundkurs in Humor. Dieser Text weiß nicht wohin und warum.
Die eine oder andere Rückmeldung geben wir ihr.
Mir stößt innerlich sauer auf, wie viele Anfänger es in unserer Gruppe gegeben hat, die sich mit einem „ich arbeite gerade an einem Roman“ legitimieren wollten.
Na und? Da ist die Tür. Und schick noch mal die Kellnerin rein …
Anfragen per E-Mail leite ich weiter an eine Kollegin. Die bleibt wenigstens höflich.
Niemand dieser Nachwuchsautoren hat je einen Roman vollendet. Mehr verlange ich ja nicht!
Doch es ist die ewige falsche Vorstellung über Literaturschaffende, der Irrglaube, man sei Autor, wenn man einfach anfängt, einen Roman zu schreiben. In der Schule lernen wir ja auch erst, wie wir Buchstaben lesen und schreiben, bevor wir ein Diktat mitmachen können. Wir stimmen erst eine Gitarre und lernen Akkorde, bevor wir die Begleitung zu einem Lied spielen können. Und in der Literatur fangen wir zuerst damit an, Sprache, Form und Stil auszuprägen, damit wir Kurzprosa schreiben können. Und der Roman, auch mit einer geklauten Idee, ist ein äußerst komplexes Sprachwerk, den man nicht einfach als seine erste literarische Arbeit vorzeigen sollte.
Nun, ich habe es früher ja auch gemacht. Es waren viele Menschen sehr höflich zu mir. Heute bin ich in einer Gruppe, in der je Einzelne ein Buch geboren hat, was das nächste gebiert, was das nächste gebiert. Das ist natürlich sehr schön. Neue behandeln wir höflich, doch sofern sie nicht stumm, stumpf und dumm sind, werden sie ihr Roman-Projekt auf Eis legen und mit uns die „Fingerübungen“, also Kurzprosa, schreiben.

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Eisbrecher V, Geniale Schachzüge

Wenn man wie ich beim Schreiben eines Buches ist, freut man sich als Autor über so manch guten Einfall. Dieses interessiert vielleicht weniger die, die keinen anderen Anspruch haben, als das fertige Werk zu lesen. Wir alle interessieren uns ja auch nicht dafür, woher die Zutaten für eine gute Suppe kommen und wie sie zubereitet wurde. Und von wem. Wenn wir in einem Restaurant sind. Es ist doch nur eine Vorspeise!
Trotzdem.
Meine Hauptfigur – muss im Gegensatz zu mir – reisefreudig sein. Er muss bestimmte Orte aufsuchen, um wiederum konkrete Anweisungen zu erhalten, die ihm Geld und Mittel verschaffen, um … eben diese Reisen machen zu können. Der Protagonist hat bis zu einem bestimmten Vorfall einen stinknormalen Bürojob gehabt, den er mit Freuden kündigte. (Ob sich das mit dem Schreibenden deckt, können meine engsten Vertrauten beantworten.)
Nun kommt die Würze in die Suppe. Eine zweite Person ist ebenfalls auf dem Weg. Und sie kann von all den Hinweisen und Verstecken nichts wissen. Dennoch findet der Mann in einer Geheimkammer alle Wertgegenstände und Geld nur zur Hälfte vor. Die andere Hälfte hat sie, ja, es ist eine Frau, genommen, und dafür einen Brief an ihn hinterlassen. So ein Miststück … aber das ist ein anderes Kapitel.
Was ich eigentlich benennen wollte ist, dass es länger gedauert hat, ihn zu diesem Versteck zu bekommen, nun aber soll schon jemand vorher da gewesen sein, ohne all die Informationen, Risiken und Mühen – aber wie?
Ich habe schon für schwieriges Lösungen gefunden. Ich finde dafür auch eine. Der Stoff, das Thema des neuen Buches ist mein Freund. Ruhig lässt er mich überlegen bis ich meinen nächsten Zug machen kann.

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Eisbrecher IV, Skizze 2

Ich wollte schon früher am Tag hieran arbeiten. Erst war ich müde, dann musste ich Musik zusammenstellen. Ich habe mich für „Blue Hour“ entschieden. Jazz von 1960. In meiner Lieblingsbesetzung: Piano, Saxofon, Bass und Drums. Für Improvisationen zum Blues-Feeling können sich die Musiker hier richtig Zeit nehmen.
In Eisbrecher, dem Beginn des Projekts, flog Herr Freund nach London, um mit der Suche nach einer etwas mysteriösen Frau zu beginnen.
***
London bei Nacht.
Der Friedhof ist vom Hotel nicht weit. Er liegt ruhig und dunkel in einem Stadtteil, der mal bessere Zeiten sah. Hier lungern höchstens noch Junkies herum.
Über die vielleicht 6 Fuß hohe Mauer soll es gehen. Da ist eine Kamera gegenüber am Giebel eines Hauses. Der Blickwinkel ist mehr auf die Straße eingestellt.
Ich schalte das Infrarotlicht meiner Mehrzwecklampe ein und stelle sie so auf die Mauerkrone, dass die Kameralinse so lange geblendet ist, wie ich zur Überwindung der Mauer brauche.
Nun schnell den langen Mantel ausgezogen. Über die Mauer geworfen. An den Schnüren gezogen, die die Schaufel an Körper und Oberschenkel gehalten haben. Jenseits der Mauer höre ich die Schippe auf den Boden poltern.
Jetzt ich! Ich lasse mich auf die anderen Seite fallen.
Oft schon war es, dass uns die Erinnerung unterschiedlich ereilt hat. Die Gedanken sind wieder bei ihr … Da ist das Grab!
Ich leuchte mit meiner praktischen Taschenlampe auf die Inschrift des Grabsteins. Kein Zweifel möglich, hier ist es. Ein Blick auf die Armbanduhr. In vier Stunden muss ich hier weg sein, dann geht die Sonne auf.
Tschak! Wie viele Gesetze ich wohl gerade breche? Tschak! Sabotage von Sicherheitseinrichtungen. Tschak! Unerlaubtes Eindringen auf fremden Besitz. Tschak! Grabschändung. Poc! Grabschändung … Poc! Ein Blick auf den Erdhaufen hinter mir. Das muss alles wieder zurück. Oder nicht? Ich ziehe mir den Mundschutz fest über Nase. Es ist nicht der erste Sarg, den ich öffne. Dann springe ich mit der Schaufel hinab. Entferne den Rest Erde über den Sarg und lege um den Deckel herum alles frei. Die Schaufel und mein Knie benutze ich wie ein Brecheisen.
Zum Vorschein kommt, als ich meine Lampe einschalte, ein Skelett. Ein paar Kleidungsfetzen noch daran. Verwest, verfault. Das ist es, was der Tod mit uns macht.
„Gut riechst du nicht!“
Ich weiß, wer hier bestattet wurde. Ein Mann, der kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts aus New York kam. Sich in England niederließ. Mit ehrlichen, soliden Geschäften ein ordentliches Vermögen machte. Und dann so etwas anlegte wie eine Vorratskammer, ein Depot, eine Sicherheit. Nicht für sich. Nicht für seine Kinder, er hatte keine. Nein, für mich. Oder sie.
Um an jenes Depot zu kommen, dieses mit allen Reserven ausgestattete Lager für ein unabhängiges, freies Leben, muss ich an ein Bankschließfach hier in London mit allen Urkunden, Angaben und Informationen. Das Einzige, was ich bräuchte, wäre der Schlüssel dazu.
Die Leiche trägt ihn an einer goldenen Kette um den Hals.
Ich nehme den Schlüssel ab, mustere noch die Gebeine, dann schließe ich den Deckel. Ich schaufle das Grab zu.
Eine dreiviertel Stunde vor Tagesbeginn verlasse ich den Ort, wo die Toten ruhen, auf die gleiche Weise, wie ich ihn betrat.
Der Friedhofswart wird sich sicher über eine nahezu nagelneue Schaufel freuen, die innen an der Mauer lehnt.
***

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