Archiv der Kategorie: Gesundheit

Oral History – Geschichte von unten

Diese Geschichte kann keiner erfinden. Sie ist also wahr. Den Beitrag, den ich lediglich dazu leisten werde, ist meine eigene Sprache nehmen, um sie zu erzählen.
1987 unternahm ich den Versuch, mein Abitur auf dem 2. Bildungsweg zu machen. Viel hatte sich in diesem Jahr bei mir getan. Ich hatte meine Berufsausbildung abgeschlossen, meine erste eigene Wohnung und ein Auto, um in der Nachbarstadt abends die Schule zu besuchen.
Es waren nette und merkwürdige Klassenkameraden. Und das gleiche Verhältnis bei den Lehrern.
Da waren die beiden Seniorinnen, die es noch mal wissen wollten. Oder Klaus, dem ein Fachabitur nach einer einjährigen Schulzeit reichte, um Bundeswehrpilot zu werden. Es gab den dicken Lutz, der einen Dackel hatte und zur Jagd ging. Bei Klassenarbeiten immer jammerte, dass er alles zu Hause gewusst habe, hier aber nicht mehr.
Anne sah ein wenig wie ein Kerl aus mit ihren kurzen Haaren, der kantigen Stirn und dem knochigen Körper. Martina. Sie rief mich mal zu Hause an, als ich gerade Spagetti kochte, um vor der Schule noch zu essen. Sie fragte mich, ob ich einen Text aus dem Deutschbuch interpretieren könnte, weil der in der Klassenarbeit heute Abend dran käme. Ich machte das zwischen Kochen und Nudeln abschütten so gut ich konnte. Unsere Deutschlehrerin nahm einen anderen Text …
Und da gab es noch Nina. Wo sie war, war es drei Stufen heller. Sie war klug. Wenn sie für alles hart gearbeitet hatte, spürte man das nicht. In einer Pause vor der nächsten Stunde fingen wir ein Gespräch über Sex an. Ich hatte eine bestimmte Sicht auf den Akt, wovon ich ein leichtes Bedauern für Frauen ableitete. Das sah sie als Frau ganz anders. Der Unterricht hatte begonnen und wir quatschten weiter. Auch als die Lehrerin zweimal nach uns sah, kamen wir nicht rein, so ein Moment wiederholt sich nicht, wir schwänzten die Stunde.
Es war gemein, wie die anderen über sie redeten, wenn sie nicht in der Nähe war. Sie wäre mit dem Ex-Freund ihrer Mutter zusammen. Das ist doch nicht gut für sie. Das hört sich fürsorglich an. Doch eigentlich ist es nicht mehr als Neid, Eifersucht und kleine Dinge klein halten wollen.
Und dann flog ich durch eine länger andauernde Erkrankung im hohen Bogen von der Schule in Katjas Bett. Die Gute war wohl die ganze Zeit in mich verschossen gewesen. Jedenfalls erkundigte sie sich bei mir, und lud mich ein, mich abzuholen und in ihrem Käfer zu ihr zu fahren. Was ich gehabt hätte, wollte sie wissen. Denn so einen wie mich, meinte sie, könne nur Krebs oder AIDS umhauen. Es war weder das eine noch das andere. Und sie? Wieso ist sie mir nie aufgefallen? Eine von den Stillen eben.
Kaum waren wir bei ihr, legten wir uns gemütlich auf ihr Bett. Das war kuschelig. Sie zeigte mir CDs, die sie aus dem Katalog von Zweitausendeins bestellt hatte. Ich wurde hilflos. Viel zu erzählen hatte ich noch nicht. Da küsste ich sie. Damit war das Eis gebrochen. Zumindest ihres. Sie erzählte in einem fort, als wäre ihr ein Damm gebrochen. Das konnte ich nur begrenzen, in dem ich sie weiter küsste.
Als sie mich abends zurück fuhr, waren wir sexuell aufgeladen. Sie wollte mich zu Bett bringen. Nun, dabei musste sie mich ausziehen. Denkt euch den Rest …

Wird fortgesetzt!

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147 zu 97

Erschöpft wache ich auf. Im Hintergrund das tonlos laufende Fernsehen. Auch ohne Brille erkenne ich das Design der Tagesschau. Ich muss Richtung Badezimmer.
Durch die Küche. Bleibe stehen. Stickig. Nachher öffne ich ein Fenster. Es ist das Licht! Die Rollladen noch oben, schimmert es draußen. Als ob man in ein altes Glashaus sieht. Wie in ein Gewächshaus mit beschlagenen Scheiben. Die letzte Helligkeit des Tages nun in der Sommerzeit. Dämmerung um 20 Uhr. Seltsam. Und schnell vorbei.
Als ich mir einen Tee mache und meinen Blutdruck messen will, höre ich die Reifen der Autos auf nassem Asphalt. Ich wähle Musik. INXS. „Need You Tonight“. Die älteren erinnern sich …

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Aussicht

 

Du kennst diesen Blick, seitdem du verheiratet bist. Ich seitdem ich da bin.
Wie oft haben wir alle interessiert daran vorbei geschaut, wenn es etwas im Fernseher gab.
Einen Sommerabend lang huschten Blitze über den Himmel. Gewitter ohne Donner.
Meine Schwester stellte ihren Schreibtisch davor, lernte für das Abitur. Alle Kinder ausgezogen, ist es heute dein Zimmer.
Gestern sprach ich mit dem Klinikarzt.
„Der Eingriff eilte“, sagte er, „aber alle klinischen Werte sind bei Ihrer Mutter nun normal.“
Ich bin bereits fort. Auf deine Entlassung konnte ich leider nicht warten.
Wir werden uns wieder vor diese Aussicht setzen. Bald …

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Chill-Out-Zone

Nightmares On Wax. Die CD gefunden und online bestellt. Das Veröffentlichungsjahr kommt hin: 1999. Zu Beginn des neuen Millenniums konnte ich eine Kur machen. Oder Reha. Wie immer man es nennt. Ich hatte hart gearbeitet, die Abschlussprüfungen der Ausbildung bestanden und brauchte einfach Ruhe. Aufbau für Leib und Seele.
Es gab in der Kurklinik den ganzen Tag Anwendungen, Gruppen und das beste Essen, welches ich je in einer solchen Einrichtung gekostet hatte.
Pro Flur mit unseren Zimmern gab es eine Küche, in der wir Patienten manchmal abends noch beisammen saßen.
Wenn ich meinen persönlichen Kram erledigt hatte, und noch nicht müde war, ging ich in die Küche, um zu sehen, ob noch was los war.
Einmal traf ich dort eine kleine, junge Frau, die eine ihrer CDs laut abspielte und dazu tanzte. Es sah ein wenig so aus, als wolle sie bei den oft längeren Aufenthalten hier nicht verlernen, was sie sonst in den Discos tanzte. Sie wirkte dabei angestrengt.
Als ich eintrat, hörte sie bald mit den Armbewegungen und Schritten auf. Sie solle sich nicht von mir stören lassen, und ich fragte sie, welche Musik das sei.
„Nightmares On Wax.“
Ich hatte davon noch nie gehört. Der Sound wirkte entspannt, atmosphärisch, als hätte man einen Wasserhahn so fest zugedreht, dass es nur noch tröpfchenweise heraus kommt. Und es war wunderschön!
Ich erinnere mich gut an sie. Sie hatte eine Diagnose, die sich zungenbrecherisch anhörte. Sie hatte sie aber schon so oft ausgesprochen, dass manche nachfragen mussten, weil es zu schnell ging.
Morgens kam sie nicht aus dem Bett, so dass die Pflegerin ihre Erlaubnis hatte, sie zu wecken. An einem Tag stellte sie sich für ihre Zukunft etwas vor, am nächsten Tag wieder etwas anderes.
Ich mochte sie und verteidigte ihre sprunghaften Träume oft gegenüber den Älteren, die vom Sicherheitsdenken geprägt waren.
Nur an einem Abend fühlte ich mich betrogen. Ein neuer Patient wurde aufgenommen. Auch jung. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Sie verdrückten sich in einen dunklen Winkel auf dem Klinikgelände. Sie kam zurück und wollte mein Feuerzeug. Sie erklärte etwas, wovon ich nicht mal die Hälfte verstand. Nur so viel, dass der Neue Stoff hatte und sie rauchen wollten.
Ich habe ihr mein Feuerzeug nicht gegeben. Jemand anderes gab ihr eins.
Heute sprachen zwei über das neue Album von Justin Timberlake. Ein Name, bei dem ich mich weigern würde, auch nur fünf Minuten Zeit mit Hören seiner Musik zu verschwenden. Einer der beiden, die sich über den Tisch mit Kaffee und Kuchen unterhielten, nannte einen Songtitel, bei dem in einem Club hier die Frauen ganz begeistert auf die Tanzfläche stürmen.
Mit am Tisch auch eine junge Frau, die Pläne hat für ihr Leben. Nahezu jeden Tag einen anderen. Die sich ausgebremst fühlt. Die den Wunsch hat nach Lohn gegen Arbeit. Wenig Geduld mit sich selbst. Wie ich es ebenso habe.
Die angesagten Musikkünstler wechseln und Menschen, denen man begegnet, sind immer wieder andere. Dennoch gibt es Muster. Mit vergleichbaren Farben und Formen. Mich beruhigt dies.

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In der WfbM

Er ist hier nur auf Durchgangsstation. Noch drei, vielleicht vier oder fünf Monate, dann macht er …
Die Aufgabe, die sie ihnen vor zwei Wochen gegeben haben, ist an Stupidität kaum zu überbieten. Tischdeckchen aus Polyester falten und in Plastiktüten zum Verkauf verpacken. Für eine Drogeriekette. Die mit glitzernden Sternen bedruckten Stoffe wurden in China genäht. Die verdienen dort noch weniger als sie …
Martin schafft viele in einer Stunde. Von der einen Palette die Decken nehmen. Prüfen. Wenn eine fehlerhaft ist, ist es nämlich Ausschuss. Und falten. Dann hinein in die bedruckten Hüllen. Auf die andere Palette. Nächstes.
Martin hat das Down-Syndrom. Unterhalten kann man sich mit ihm fast ganz normal. Außerdem hat er vor zwei Jahren Gold beim Tennis auf der Olympiade für behinderte Menschen geholt. Das war in Los Angeles …
Sie werden noch wochenlang mit dieser Adventsdeko zu tun haben. Es ist Ende August.
Er kann sich nicht immer konzentrieren. Oft schaut er von der Arbeit auf und denkt nach. Das Medikament, das er seit dem letzten Jahr bekommt, hilft ihm sehr. Er rastet nicht mehr bei der kleinsten Kleinigkeit aus und gleichzeitig stürzt er nicht mehr so heftig und lang andauernd mit der Stimmung ab. Aber Gelassenheit bedeutet auch, viel mehr hin zu nehmen, als man müsste.
Er weiß, zu Hause wird er wieder seinen großen Aktenordner rausholen und blättern. Ja, er hat den Realschulabschluss. Ja, er hat Abitur. Ja, er hat ein ordentliches Studienbuch gehabt …
Bald wird er sich darum kümmern, anspruchsvollere Tätigkeiten zu bekommen und sich vielleicht versetzen lassen.
Er rechnet nach, drei Jahre ist er hier schon mit seinen Kollegen …

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Eingeordnet unter 2017, Gesundheit

Lebensquell

Wenn du meinst, du kannst nicht mehr.
Wenn du glaubst, man hat dich allein gelassen
mit all dem Unsinn, den du sowieso nie wolltest.

Wenn du die Orientierung verloren hast.
Nicht mehr weißt, woher und wohin.
Und der rechte Weg eh nie deiner war.

Wenn die Zeit rast, und du
Millionen Dinge nicht gleichzeitig machen
kannst. Dafür auch jede Kraft fehlt.

Denk an dein fühlend‘ Herz!
Dein schlagend‘ Herz!

Lass es nicht traurig sein!
Denn wenigstens hast du die
starke Lebensuhr, die in dir tickt.

Dein klopfend‘ Herz dir Leben schenkt.

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Eingeordnet unter 2017, Gesundheit, Lyrik

Reizthema

Unsere Sinne sind permanent neuen Informationen ausgesetzt. Morgens ist das Sonnenlicht zu grell. Die Kehrmaschine auf der Straße ist viel zu laut. Die Suppe versalzen. Die Mülltonne stinkt ekelhaft, wenn man sie öffnet. Es ist morgens saukalt und nachmittags brüllend heiß. Dann stößt man sich noch den Kopf an der schrägen Wand in der Dachwohnung.
Merkt Ihr was? Es ist alles negativ. Genauso könnte ich auch angenehme Sinneserfahrungen vorstellen.
All diese Informationen, Reize von außen, werden vom Gehirn ausgewertet. Ein normaler Mensch sortiert direkt die unwichtigen Inputs aus. Ein am Auto vorbeifliegender Schmetterling ist nicht wichtig, eine rote Ampel vor einem schon.
Wie viel Gigabyte Daten bekommen wir wohl Tag für Tag von unserer Umwelt serviert? Zu viel wohl, um alle dauerhaft zu behalten, zu speichern.
Es gibt aber auch diejenigen, die eine stark eingeschränkte Filterfunktion haben. Die nicht nur Schwierigkeiten haben, Wichtig von Unwichtig zu trennen, sondern auch sehr viel Datenmüll mit sich herum schleppen.
Und zu diesen zähle ich auch.
Wenn meine Festplatte überläuft, bekomme ich Stress. Wegen Dingen, die mich belasten, aber für andere eher bedeutungslos sind. Und der Datenstrom läuft ja im Job und Alltag immer weiter. Es gibt Leute, die deswegen Depressionen haben. Wie ich oft darauf reagiere zeigt folgendes Beispiel:
Komme in den Bus, erhitzt, müde. Der Bus ist voll, aber ein Platz ist noch frei. Ich quetsche mich da hinein und meine Tasche wedelt einer älteren Dame vor der Nase herum. Tippe auf pensionierte Lehrerin.
Sie: „Sie meinen wohl, der Bus gehört Ihnen?!“
„Ja! Und wenn ich dürfte, würde ich ihn auch fahren!“
Ich habe den Kanal voll, bin gereizt und erledigt. Außerdem finde ich, dass ich in kurzer Hose, die ich trage, immer wie ein Grundschüler aussehe, der die 4. Klasse seit 40 Jahren wiederholen muss.
Was ist zu tun? Bleibt nur, sedierende Medikamente zu nehmen?
Es helfen feste Tagesstrukturen und Rückzugsmöglichkeiten jederzeit.
Man kann dieses Problem auch als Begabung begreifen. Den vorhin erwähnten Schmetterling, seine Farben bei der nicht wiederholbaren Sonneneinstrahlung und Intensität. Der flatterhaft fliegende Tanz. Die verspürte Sehnsucht an den geheimen Ort, wo man sich als Kind versteckte, an dem nur die Schmetterlinge waren – all das ist Nährboden für die Künste. Hier wird man sie los, hier bedeuten sie etwas, hier befreit man sich und erfreut sich und andere. Malen, Musizieren und Schreiben leben von Details. Von den aussortierten Informationen einer hektischen, lauten, leeren Welt.

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Eingeordnet unter 2017, Gesundheit

Schmährede gegen Kaffee

Wie soll das bei den der Maus ähnlichen Lemmingen sein? Ist die Population zu hoch für die vorhandenen Ressourcen, dann begehen sie im Kollektiv Selbstmord. Sie springen alle von der Klippe.
Gebt ihnen doch Kaffee! Der würde sie aggressiv machen und sie brächten einander um. Der Effekt bliebe derselbe, aber so hätten Tchibo, Eduscho und Co daran verdient.
Ich will niemanden die geliebte Tasse Kaffee schlecht machen.
Oder doch?
Kaffee ist das ideale Getränk einer hektischen, effizienten und irrsinnigen Zivilisation. Wenn man sich morgens im Bad zurecht macht, läuft nebenan die Kaffeemaschine. Der Kaffee wird so schnell getrunken, wie er gemacht worden ist. Dann setzt man sich ins Auto, um im aggressiven Fahrstil zur Firma zu kommen, wo der Kollege bereits die Kaffeemaschine angemacht hat …
Viele Leistungen können ohne genügend Kaffee gar nicht erbracht werden. Dinge wie das Brainstorming, der normale acht Stunden Arbeitstag und schon gar nicht die Überstunden.
Auch im Freizeitbereich ist das Treffen auf einen Kaffee nicht ohne dieses Aufputschmittel denkbar.
Wohin ich sehe, Menschen, deren Federwerk stets aufgezogen ist. Die laufen und fit sind.
Die gut funktionierende Geldmaschinerie wird vom schwarzen Gebräu gut geölt. Wohin die Reise geht, bestimmen Alphatiere, die nach der ersten Tasse des Bohnentranks bereits über Leichen gehen …
Will ich das?
Wenn ich morgens aufstehen muss, bewahre ich mir Müdigkeit und Träume in meinem Gesicht. Ich spüre, wie es mir geht. Die Zeit gehört mir, ich darf schwach sein. Im Laufe des Tages habe ich Formtiefs. Sie zuzulassen, habe ich durchgesetzt. Ich möchte dann schlafen gehen, wenn ich zu müde bin, in die Tastatur zu schreiben.
In meinem Haushalt gibt es keine Kaffeemaschine. Ich trinke Tee.
„Notorischer Arbeitsverweigerer! Weiß nicht, worauf es im Leben ankommt! An Blumenblütenriecher!“
„Wenn Sie meinen.“

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Eingeordnet unter 2017, Gesundheit