Archiv der Kategorie: Lyrik

Jede Deutung vergebens

Das folgende Gedicht ist von der Art, die die Mitglieder meiner Autorengruppe nach minutenlangem Schweigen ironisch ausrufen lassen: „Was will uns der Autor damit sagen?“ Das interessante an „kryptischen“ Gedichten, so nennen wir sie, ist auch, inwiefern ein Dichter ausschließlich für sich selbst schreibt oder auch den Leser mit einbezieht.
Ich hoffe jedenfalls, es gibt hier genügend Besucher, die damit etwas anfangen können. Ein bisschen? Klitzekleines …

Der Freigeist und das Leben

Ich fliege hier meine Runden.
Steige hoch. Und ab zum Sturzflug.

Fern die Liebsten kriegen Kinder.
Sie wachsen auf. Kenne sie kaum.

Ich fliege hier meine Runden.
Steil hoch und wieder herunter.

Fern die Liebsten werden älter.
Noch älter, bis sie versterben.

Ich fliege hoch meine Runden.
Ich lass es nicht sein. Einmal am
Boden werde ich zerschellen.
Endlichkeit hat mich eingeholt.

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Eingeordnet unter Lyrik, 2018

Salz der Meere, Salz der Erde

Einer von Tausenden.
Einzeln in der Menge.
Keine kritische Masse.

Geschlossenes System.
Innerlich zerrissen oder zufrieden.

Leben wie alle.
In Frieden existieren.
Lieben ohne Grenzen.

Einer von Millionen.

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Eingeordnet unter 2018, Lyrik

Keinen Schmerz in den Augen

Nicht der weiseste aller.
Ohne wirkliche Erfahrung.

Mein Herz mir Mut zusprach.

Die üblichen vier Wände.
TV, Dusche, Mikrowelle.
Nicht groß, nicht schön, ohne Vermögen.

„Fang an zu fliegen!“

Nicht der Verstand,
Keine Vernunft,
den Himmel genießt nur

– ich!

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Eingeordnet unter 2018, Lyrik

Elektrische Kojoten

Ich muss aus diesem Käfig raus!

Zu lange schon sind wir
gestresste Laborratten in Händen
von Kojoten.

Schmeiß die Krawatte
in den Abfalleimer.
Bestimmt arbeite ich
morgen hier nicht mehr.
Brauch‘ kein Abflugticket.
Es erwischt einen so oder so.

Ich komm‘ zurück auf dein Angebot.
Vor Wochen gemacht.
Ich ersetze dein Parfüm
durch ehrlichen Schweiß.
Unser Lauf zum Gipfel.
Absprung.
Die Zigarette teilen, die letzte.

Es gibt weder falsch noch richtig.
Lass immer die anderen bei dir in
der Kreide stehen. Weil einer deine
Zeche zahlen muss. Man hat zum
Leben nur einen Versuch.

Die Luft etwas kühl, feucht, bitter.
Deine Brust hebt, senkt sich sanft.

Wie schmeckt der Stromschlag, wenn
zwischen uns wieder ein Grenzzaun ist?

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Eingeordnet unter 2018, Lyrik

Bekenntnis

Ich glaube an Poesie
Jubilieren oder resignieren
Poesie ist eine Sprache
Dramatisch oder flüsternd
berührt uns Poesie
tief und warm
Kitsch, albern, banal
darf Poesie sein
immer aber sucht sie
den direkten Weg
zwischen zwei Leben

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Eingeordnet unter 2018, Lyrik

Heute

… sah ich, wie der Wind Laub trieb
… flogen Zugvögel
… durfte ich lachen

… musste ich nicht im Regen an der Bushaltestelle stehen ohne Dach ohne Sitz
… lief ich nicht mit einem Rudel angestochener Schweine um das goldene Kalb
… stand ich nicht im Stau als Sondermülldeponie und Rußschleuder, was man Auto nennt

… konnte ich schlafen
… hatte ich Sorgen übrig um meinen Vater
… habe ich mich erinnert

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Eingeordnet unter 2018, Lyrik

Bis später!

Bis später?
Jetzt! Jetzt muss es gelingen.
Minuten zerrinnen, Monate eilen.
Es gibt nur dieses eine Mal
zum Verlieren oder Siegen.
Als ich klein war und noch
begriff, was die Welt zu-
sammenhielt, wurde
der größte Schmerz
zu lernen,
was wir brutal
der Erde angetan.
Nun fliegen die
Jahre davon.

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Eingeordnet unter 2018, Lyrik

Dieses Mal vielleicht

Warum du gegangen bist, weiß ich nicht.
Ob da noch mehr Leben auf mich wartet,
kann ich nicht sagen.
War Liebe eine reife, wilde Frucht,
suche ich in der Asche,
mache meine Hände schwarz.
Ich komme nicht hoch,
schlafe zu wenig oder zu viel.
Wann sprach ich offen mit einem Freund?
Ich bin nicht da,
wenn ich durch die Straßen gehe,
wenn ich arbeite. Neun bis fünf.
Da küsst mich ein Lächeln!
Karussell im Bauch und
Hände zittern.

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