Schlagwort-Archive: Eltern

Alte Liebe Nylon

Meine erste Gitarre war ein Geschenk meiner Eltern. Eine Konzertgitarre. Also eine akustische mit Nylonsaiten. Bis heute weiß ich nicht, wo sie sie gekauft haben. Und eigentlich auch nicht, warum …
Dankbar brachte ich mir im Selbststudium Griffe und Rhythmen nach Lehrbüchern bei, die mir eine Schulfreundin empfahl. Sie hatte während eines langen Krankenhausaufenthalts das Gitarre spielen gelernt.
Wenn ich mir heute die alte Gitarre ansehe, leider unbrauchbar, kann ich kaum glauben, auf diesem „Brett“ Töne entlockt zu haben! Die Saitenlage war viel zu hoch. Das ist der Abstand der Saiten zum Griffbrett. Der Hals viel zu breit. All das machte es mir als Anfänger nicht leicht, saubere Töne zu erzeugen. Meine Greifhand wurde sehr stark, was mir bis heute zu gute kommt.
Trotzdem war ich mit viel Enthusiasmus dabei. Als man mir noch zur Schulzeit eine gute, gebrauchte E-Gitarre anbot, griff ich zu. E-Gitarren haben Stahlsaiten. Das ist ein anderes Feeling unter den Fingern. Hals und Saitenlage sind für das Spiel mit viel dünneren Saiten ganz anders ausgelegt. Also habe ich auch bei akustischen Gitarren Stahlsaiten immer geschätzt.
Dabei blieb es dann bis vor knapp drei Jahren. Bis ich mir dachte, he, ich kann mir doch noch eine Gitarre zulegen. Ab Fabrik. Es müsste ja nichts teures sein. Nur sollte sie wieder Nylonsaiten haben.
Nun habe ich wieder eine Konzertgitarre. Und sie hat eine wunderbare Saitenlage, einen passenden Hals. Wenn ich die Saiten anschlage, steht der Klang lange warm im Raum. Irgendwie ehrlich.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2018, Musik

Herzlichen Glückwunsch!

Ich werde Onkel. Meine Schwester hat mir über WhatsApp mitgeteilt, dass sie nun in anderen Umständen ist. Heute ist es ja kein Problem, ein Ultraschallbild gleich mit zu schicken. Uh, ich finde das gruselig … Es sieht so aus wie bei „Alien“. Im Grunde genommen auch vergleichbar. Irgendwann platzt es heraus und terrorisiert die Eltern! Meine Nichte oder Neffe aber nicht. Das Kind kommt ganz nach meiner Schwester. Intelligent, anmutig, sozial kompetent. Es wird im Alter von 5 Jahren Präsident. Von Amerika. :-)

3 Kommentare

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

Erstes Auto

Punkt eins: Führerscheinprüfung bestehen. Punkt zwei: Einen gebrauchten kaufen. Bei einem unseriösen Händler mit Werkstatt. Aber ich glaube, dass er mich mochte. Trotz seiner provozierenden Sprüche.
Renault 5. Blau. Mit einer Knüppelschaltung, die sehr vage war. Man brauchte Übung, um den richtigen Gang zu treffen.

2497

All das ist sehr lange her. Heute weiß ich, dass ich einen großen Umweg gefahren bin. Ich wohnte noch bei meinen Eltern, doch Führerschein und Auto habe ich selbst finanziert. Deshalb bin ich ab der 10. Klasse von der Schule gegangen. Ich kam in eine Lehre als Betriebsschlosser. Bei weitem nicht meine Welt. Aber geburtenstarker Jahrgang und Lehrstellenmangel. Erst nach drei Jahren konnte ich mich beruflich anders orientieren.
Mit dem R 5 erwarb ich zwischenzeitlich Fahrpraxis. Auch beim herumfahren von Freunden. Und so manche Frau stieg auch mit ein.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

Schwalbenflüge

Als ich in den wilden 90ern einige meiner Geburtstage, und darunter auch meinen 30., wieder zu Hause bei meinen Eltern feierte, hat meinen Vater einen weisen Spruch geäußert, den ich niemals vergessen werde.
Man muss sich die Situation so vorstellen. Es ist Sommer, die Schwalben fliegen tief über den Hinterhof meiner Eltern. Zur Vorbereitung werden Tische und Stühle hinausgestellt, auch ein Grill wird vorgeheizt. Dann kommen die Lieblingsfreunde von nah und fern, manchmal kommt auch einfach noch jemanden mit. Und jeder bringt etwas mit. Bier, Grillfleisch, Salate, Chips, etc. Auch gab es schon mal wunderbare Kirschen vom eigenen Baum. Der Abend lebt von Spontanität. Ich sorge für die Beschallung mit Musik. Nicht aufdringlich laut, die Mini-Anlage ist vom Küchenfenster aus, das zum Hof zeigt, bedienbar.  Pop, Rock, Worldmusic (z. B. Jam Nation: Sleeping / Awakening; das Album „One World One Voice“). Dass es allen gefällt, zeigt sich daran, dass niemand gehen will. (Und dass alle im nächsten Jahr wiederkommen.)
Inzwischen ist es dunkel geworden, doch immer noch warm genug. Und meine Mutter hat wunderbare Lichter gebastelt, aus Marmeladengläsern o. ä. mit Transparentpapier drum herum. Meine Familie ist immer mit eingeladen, meine Schwestern und die Eltern. Und mein Vater hat am meisten Spaß dabei, denn leckere Bierchen bekommt er selten.
Spät abends. Neben mir sitzen Mirjam und Marcel, beide frisch verheiratet. Mir gegenüber mein Vater. Er ist kein großer Philosoph, auch kein Stratege. Als er erfährt, dass meine Freunde verheiratet sind, sagt er: „Ich wollte heiraten, damit ich im Alter nicht allein bin.“ Mirjam nickt gerührt. Ich schaue meinen Vater an. Er ist jetzt alt. Und er ist nicht allein. Meine Eltern haben einander. Auch heute noch.
Mein Vater hat nie verstanden, dass ich mich nicht ums Heiraten kümmere. Und ich habe immer geglaubt, es geht auch ohne. Nur, allein zu sein, wenn man älter wird, ist schlicht bitter …

2468

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause, Gesundheit

Kleine Frage … nebenbei …

Dass ich für meine Mutter als ihr Erstgeborener der größte Brocken war, wusste ich schon immer. Nun gibt es Zahlen dazu! Sie fand ihren „Mütterpass“ (ja, Betonung liegt auf „Mütter“) wieder. Und vorhin am Telefon las sie mir vor, dass ich und kein anderer bei der Geburt 4200 Gramm wog und sage und schreibe 50 Zentimeter lang war. Dies und der Umstand, dass mein Vater heute Namenstag hat, bringen mich ziemlich spontan zu der Frage, was aus dem Schreihals und Windelscheißer von damals geworden ist? Kann ich meinen Eltern heute auf Augenhöhe begegnen und frei sagen, Eure Mühen und Sorgen waren nicht umsonst?

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

Um den Tisch

Ich erinnere mich an unseren ersten Tisch. Aus schweren, harten Holz gezimmert. Die Oberfläche bestand aus drei nicht lackierten Brettern, auf denen die Maserung und ab und zu ein Astloch zu sehen war. Die Tischplatte war stets blank und sauber gescheuert. Sonn- und Feiertags kam eine Tischdecke darüber. An diesem Tisch wurde ich als Baby gefüttert und später lernte ich den Umgang mit Besteck. Messer, Gabel, Löffel.
Irgendwann kauften meine Eltern einen anderen Tisch. Mit Metallbeinen und zum Ausziehen. Laminiertes Pressholz.
Als ich noch ein Junge war, habe ich mal meiner Mutter eine Frage gestellt. Es ging darum, was wird, wenn wir Kinder alt sein werden. Mutters Antwort habe ich bis heute behalten: „Wir sitzen am Tisch und erzählen uns, was wir erlebt haben.“
Das klang einfach. Beruhigend. Und irgendwie auch sehr schön. Familie bedeutet Zusammenhalt. Interesse und Respekt gegenseitig.
Heute ist es so weit. Wir sind alle in dem Alter, von dem meine Mutter ausging, der Tisch in ihrer Küche wäre Treffpunkt und Gelegenheit zum Austausch für die ganze Familie. Sie hatte eine Einladung ausgesprochen, die 40 Jahre überlebt hat.
Die Zeit jedoch ist hektisch, laut und schnell geworden. Es scheint, als sei es oft unmöglich, diese Einladung anzunehmen.
Aber zur Hölle, wofür leben wir, wenn wir nicht bei den Menschen sein können, in deren Herzen wir wohnen?

. . .

Ich werde ein Zugticket buchen.

I’m gonna leave this town. Gonna leave this dirty town.
Going back where the grass is green and the sun’s shining bright.
Father’s waiting at the station. Mother is kissing her son.
We’re sitting round the table and our lifes become as one.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause

Leseprobe # 4

Auf unserem letzten Sem;kolon-Treffen haben wir uns als Stichwort für eine freiwillige Hausaufgabe das Wort „herausgerissen“ gestellt. Der folgende Text hat somit das Thema knapp verfehlt. Das ist nicht schlimm, besonders, wenn einen etwas anderes auf den Nägeln brennt.

Wenn morgen Klassentreffen wäre …

… würde ich heute anreisen und mich bei meinen Eltern einquartieren. Bei dieser Gelegenheit einen dankbaren Blick für meine Mutter, die die komplette Schulzeit durch meine Pausenbrote geschmiert hat. Jeden Morgen und mit Salami belegt. Abends eine mitgebrachte DVD mit Vater gucken. Bei Schrott auf allen Kanälen zeigen sie uns nicht mehr die guten Filme aus meiner Kindheit im Fernsehen. Von Don Camillo und Weltraumabenteuern.
Für das Treffen nach 30 Jahren leihe ich mir einen Schirm. Die Bewölkung verdichtet sich. Betrete das Lokal hinter der Kirche. Am Tresen die gleichen Männer an der gleichen Stelle mit dem üblichen Bier wie damals. Nur älter und weniger Haare.
Hinten im Saal die Mädchen und Jungen meiner Klasse. Petra, Veronika, Cornelia und Guido, Thomas, Markus. Jetzt Erwachsene. Bettina hat das alles organisiert. Hält verlegen eine kleine Rede. Wir applaudieren. Ich finde einen Platz bei meinen Kameraden von einst. Nicht weit von mir sitzt Steffi, die erste, mit der ich richtig ging. Verheiratet, zwei Kinder, Teilzeit berufstätig.
Während auf das Essen gewartet wird, machen in meiner Ecke alte Witze die Runde. Heute wohl Herrenwitze genannt. Guido schimpft auf seine Lehrlinge, doch ich erinnere mich nicht, dass er in Mathe selbst eine besondere Leuchte war.
„Was machst du?“, die Frage kommt von links. Von Frank. Stiller wird es. Oder ist es, weil alle ihr Essen bekommen haben?
„Ich habe in Münster studiert. Ich veröffentliche Bücher. In Anthologien bin ich vertreten, gebe aber auch Monographien heraus. Aber davon lebt man nicht, ich habe auch einen Bürojob.“
„Wann kommst du wieder zurück?“
Mir wird es peinlich. Bettina ruft jetzt zu einem Gemeinschaftsfoto auf, es sollen sich doch alle in Position stellen.
Ich weiß nicht, ob ich auf dem Foto gelächelt habe. Ich habe es nicht bekommen. Mein Wunsch ging unter. Als Frank freundschaftlich den Arm auf meine Schulter legt, bin ich weit weg. Prägung. Diejenigen, die mich in der Schulzeit so oft verprügelt haben, als ich mich noch nicht wehren konnte, haben dazu beigetragen. Hellwach zu sein und aufmerksam. Die Gefahr von Schlägen und Tritten war überall. Deshalb bemerke ich Dinge, an denen andere achtlos vorbei laufen. Beobachtungsgabe ist wichtig für einen Autor.
Ich verabschiede mich zu der Zeit, in der man anfängt, Korn zu bestellen. Auf dem Weg zu meinen Eltern bin ich froh, an den Schirm gedacht zu haben.

 

©hristoph Aschenbrenner; © Christoph Aschenbrenner

2312

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause, Leseprobe