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Die Frage nach dem Sinn

Ich war jetzt viele Wochen da raus. Montag soll ich wieder dahin. Dort wo es nur vertikale Strukturen gibt. Wo wenige oben bestimmen, was viele unten machen sollen/müssen. Und gerade unter dem Mantel des Verständnisses gilt doch nur eine Regel. Jeder hat auf seiner Stufe zu bleiben. Im Grunde verhindert das per se Verständnis. Verständnis ernst gemeint bedeutet doch auch nachgiebig sein bei den Schwachen. Hilfen und unbürokratische Wege gehen. Davon ist jedoch nichts zu spüren.
Ich mache es, wie mir inzwischen klar geworden ist, auch bloß wegen dem Geld. Ich habe zwei Jahre Zeit, um das Geld zu verpulvern oder anzusparen. Ein Jahr ist um. Und nach dieser Zeit kann ich in der gewohnten Umgebung mit der gewohnten Arbeit weitermachen – allerdings nur bei einem viel niedrigeren Lohnniveau. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir diese fassungslose Ungerechtigkeit auszumalen! Jetzt schon. Schon früh im Berufsleben musste ich mir die Frage stellen, ist es das, was ich will bis zur Rente? Mein Vater gehört noch zu der Generation, die bis zur Rente in einer Firma durchgearbeitet hat. Der schwer betrübt war, als er nicht mehr zu den Aktiven dazu gehörte. Ich verstehe das. Sein Arbeitgeber wurde nicht binnen kurzer Zeit dreimal verkauft, Arbeitsoptimierer schauten ihm nicht mit Taschenrechner und Stoppuhr auf die Finger.
Was mir schwer im Magen liegt, ist, dass ich sehr sensibel auf Veränderungen im Arbeitsumfeld und bei Arbeitsinhalten reagiere. Drei Praktikanten mit im Raum verunsichern mich. Eine Anweisung der Programmierer, die ich noch nie persönlich sah, macht die Arbeit von Wochen zunichte. Und auf diese Weise wird es niemals Ruhe bei der Arbeit geben. Herausforderungen ja, doch in einem festen Rahmen.
Was sind denn da eigentlich die Alternativen? Leben von „Hilfe zum Lebensunterhalt“ sprich Sozialhilfe. Die Miete wird bezahlt und zum Leben bleiben wenige hundert Euro. Man müsste sich eine Tagesstruktur erhalten, um nicht durch zu drehen oder depressiv zu werden. Ich schaue gerade aus dem Fenster. Der ganze Tag war schön. Sonnenschein und blauer Himmel. Ich habe das heute in mich eingesaugt. Ein Gefühl wie Urlaub ohne Ende.
Man bräuchte Freunde, die akzeptieren können, dass man eine Alternative lebt.
Ich bliebe intellektuell weiter beschäftigt. Das Manuskript für mein viertes Buchprojekt liegt jetzt bei meinem Verlag …

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Erlebnis beim Konsumieren

Kurz was einkaufen. Ende August. Die Luft noch warm. Nach sieben. Abends noch hell, fast wolkenlos. Schnell den kurzen Weg zurückgelegt.
Im Supermarkt drei Kassen auf. Stelle mich an die mittlere hinter ein Pärchen. Sie legen Chips und Bier aufs Band. Können die vertragen. Schlanke, junge Körper, kommen gerade vom Laufen (früher hieß das Joggen). In Sportkleidung, die so exklusiv ist, dass mir die dezenten Werbeschriften auf den Stoffen nichts sagen. Sie leicht gebräunt und ihr Top lässt Sommersprossen sehen.
An der Kasse außen nun ein ebenso junger Typ, doch wohl bis jetzt noch gearbeitet, weil er das Bürohemd mit einem mir unbekannten Logo am Kragen trägt. Im Licht blitzt ein Ehering auf, als er die sportive Frau vor mir erkennt.
Sie fragt rüber: „Läuft es mit der Firma?“
Der andere: „Ja, läuft gut!“
Sie: „Ah, doch nicht kaputt gegangen?“
Er: „Nein, läuft nun wieder voll!“
„Ja, was man so auch alles von anderen hört! Ja, super. Aber Triathlon machst du nicht mehr?“
„Keine Zeit.“
Ich schaue auf die Schuhspitzen meiner alten, braunen Schuhe, die mir für so einen Kurz-Einkauf vollkommen ausreichen. Bewährt und bequem.
Ihr „ja, super“ ist eine ihrer Lieblingsredewendungen, und es ist kein Hauch einer Betonung darin.
Sie berichtet noch, dass ihre Kollegin aus der Elternzeit – ja, super – nächste Woche zurückkommt, doch nicht mehr zu ihr in ihren VIP Bereich.
Ihr Partner, der wohl ihren Geschäftsfreund nicht kennt und die ganze Zeit schweigt, bezahlt den Einkauf.
Ich bin dran. Schokolade und Tabak wechseln den Besitzer.
Vor der Tür des Supermarkts stehen die drei jetzt zusammen. So jung, dynamisch, von makelloser Höflichkeit, erfolgreich in Jobs, die ich mir noch nicht mal vorstellen kann, und ich bin froh, dass das nicht meine Welt ist.
Stellt man sich die Milchstraße nicht als Ansammlung von Milliarden Sternen in einer scheibenförmigen Anordnung mit Spiralarmen vor sondern als einen kugelförmigen Megahaufen, so sind diese Neo-Yuppies und ich am weitesten voneinander entfernt. Nicht mal ihr Studium mit ausgezeichnetem Abschluss kann so lange gedauert haben, wie die Zeit, die meine Schuhe brauchten, um zu altern … ;-)

oldshoes

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