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Die Entdeckung der fremd gewordenen Stadt

Zurzeit entdecke ich vertrautes aus früheren Jahren wieder neu. Es begann mit der Immatrikulation zum Wintersemester 1991. In den ersten Jahren in dieser Stadt habe ich studiert. Man knüpfte Kontakte, saß in Hörsälen, aß in der Mensa, verliebte sich und hat auch die eine und andere Party mit gemacht. Ha! Und all das ohne Handys!
Meine Besuche im Heimatort wurden seltener, bis ich mich dort komplett abgenabelt hatte.
Und heute? Ich lebe immer noch hier. Einige Jobs haben mich weg vom Universitätsviertel geführt. Jeden Tag die gleichen Wege, um pünktlich zu sein. Oft genug Dinge tun, die man nicht ausgewählt hat.
Die Auszeit, die ich jetzt habe, bringt mich nun genau dorthin zurück, wo alles begann. Wenn ich Bilanz ziehe, dann ist nicht alles schlecht gewesen. Auch ein Schiffbruch hat einen Sinn. Es ist nicht so wichtig, wohin die Kompassnadel zeigt, wenn man nur seinem inneren Kompass Raum gibt.

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Lesung in der Kirche

Letztens ist mir ein ungewöhnliches Zeitdokument in die Hände gefallen. Ich fand in einem Brief von meiner Schwester einige Fotos von einer Lesung. Das hatte ich vollkommen verdrängt. Nicht die Lesung, sondern dass es davon Fotos gibt!

Nun gut, man kann nicht viel erkennen, meine Schwester experimentierte gerade mit der schwarzweiß-Fotografie.

1995. In der Autorengruppe Sem;kolon waren wir in Meinungsverschiedenheiten verwickelt, die die nächste Anthologie-Veröffentlichung betrafen. Letztlich hat das zur Gründung des „Sem;kolon-Verlages“ geführt, von dem heute niemand mehr weiß, ob es ihn noch gibt.  Ich hatte in diesem Jahr ein zahlenmäßig sehr großes Publikum – so viel, wie in eine Kirche passt. In meinem Heimatort wurde das 125jährige Bestehen der Pfarrkirche gefeiert. Sie ist nach einem Heiligen benannt, den man bestimmt einen Meter hinter dem Ortsschild nicht mehr kennt.

So holte man auch die Kultur in das Haus Gottes. Und die Organisatoren meinten, ich sei Sohn der Stadt genug, um mich anreisen zu lassen, um eine kurze Lesung in der Kulturveranstaltung zum Jubiläum abzuhalten.

Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen Auftritt. Alle meine Texte lagen in Buchform vor, so dass auch in der allerletzten Kirchenbank zu sehen war, dass ich publiziert habe. Bei meinem ersten Text, ich meine, es war ein Gedicht, gab es keine Reaktion im Auditorium. Nichts! Dennoch las ich ruhig das nächste. Das war dann etwas anders, ein humoristischer Dialog. Damit brach ich das Eis, es wurde an den richtigen Stellen gelacht. Dann habe ich, denke ich, noch etwas Nachdenkliches hinterher geschoben und erntete einen großen Applaus.

Ich wollte danach einfach verschwinden, doch der Pastoralreferent, der den Nachmittag moderierte, fing mich an der Kommunionbank ab und präsentierte mich noch mal dem Publikum.

Ja, so sollte es sein! Vordergründig bin ich zum Studium aus meiner Heimat weggezogen. Aber es steckte natürlich auch tieferes dahinter, wie mich künstlerisch erst entfalten zu können, wenn ich die Grenzen und Begrenztheit dieser kleinen Stadt hinter mich ließ.

Ich empfand Genugtuung, von denjenigen mit Applaus bedacht zu werden, die früher hinter den Gardinen spähten, die an den Straßenecken tratschten, weil ich nun zeigen konnte, was ich drauf hatte. Und vor die Mundartdichterin, die eigentlich dran gewesen wäre, hatte ich mich geschickt gemogelt…

Ich denke, mein Auftritt wurde so schnell nicht vergessen. Jahre später, bei einem Besuch bei meinen Eltern, erkannte mich ein Schulfreund auf der Straße wieder. Er fragte nach meiner finanziellen Situation. Er wollte mir als Sparkassengestellter wohl etwas andrehen, denn er ging davon aus, dass ich von meinem Schreiben nun lebte. ;-) Typisch für dieses Kaff!!

Bild

Foto: Copyright R. Plöger

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