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Hören 2.0 – The Dark Side Of The Moon

Jede Münze hat zwei Seiten, nicht wahr? Und es gibt die Helle und die Dunkle Seite der Macht. Das Gute und Böse.
Heute saß ich zum dritten Mal meinem Jedi-Meister gegenüber. Ich bin ein gelehriger Padawan gewesen.
Die Hörerlebnisse mit meinen beiden Hörgeräten rechts-links schilderte ich ihm in prallen Farben.
„Vom Papierrascheln, frisch und crisp, kann ich als Schriftsteller nicht genug kriegen! Ich höre wieder, wie sich Wind an den Ohrmuscheln verfängt. Ich höre das Zischen von Süßstofftabletten, wenn sie sich in Tee auflösen, obwohl Musik im Hintergrund läuft. Und ich wusste nicht mehr, dass es eine elektrostatische Entladung geben kann, wenn man sich den Pullover über die Haare zieht. Ich hatte es vergessen, weil ich es nicht mehr hörte!“
„Ich habe meine frühere Welt zurück! Und die Geräte gebe ich nicht mehr her!“
Der Hörgeräteakustiker schien gerührt zu sein. Es freue ihn sehr, sagte er, dass ich das so positiv aufnehme, denn für viele Kunden könne das alles Störgeräusche sein.
Darunter musste er als Fachmann gelitten haben. All die negative Energie …
Ich spürte für einen Moment ein Ungleichgewicht der Macht. Als Padawan fühlte ich mich in Versuchung, ihm einen Streich zu spielen.
Plopp! Ein Knopf seines Hemdes sprang am Äquator auf. Er hatte einfach nicht mehr darauf geachtet, dass sein Bauchumfang physikalisch nicht in sein blaukariertes Hemd passte. Übrigens, ich sehe ihn nur in dieser Sorte Hemd. Er wird praktischerweise ein dutzend Identische davon haben.
Wie auch immer. Störgeräusche ist für nicht der richtige Begriff, auch, wenn das in Fachkreisen wohl so verwendet wird.
Als Jedis waren wir einer Meinung. All das wieder zu hören, was sich schleichend verabschiedet hatte, kann zu Überforderung des Patienten führen. Die nicht mehr gewohnten Geräusche führen dazu, dass das Hörgerät leider abgelehnt wird und in Ecken herumliegt. Irgendwann ist auch das beste Einstellen der modernsten Geräte an ihre Grenzen gekommen.
Wie schön, habe ich ihm jedenfalls in dieser Hinsicht nicht den Tag versaut.
Doch nachdem ich ihm versichert habe, wie glücklich ich nun mit den Hörhilfen im Alltag bin, hatte ich noch ein Problem damit, die Kehrseite der Münze, die ich ihm vortrug – und als Unkundiger nicht wissen konnte, ob der Meister das wird lösen können.
Es geht einfach um mein exzessives Musik hören. Mit den Hörgeräten, die im Alltag sowohl die hohen Töne verstärken, als auch, besonders auf rechten Seite, die Hörleistung anheben müssen, hörte sich meine Lieblingsmusik zum Kotzen an!
Aber Hallo! Wo komme ich denn dahin, wenn ich auf meiner analogen Standardanlage nun alle hohen Gesangsstimmen und Gitarren als kreischende Kreissägen wahrnehmen muss und meine geliebten Bassgitarren und Drum Rhythmen dabei untergehen?
Hörverschlechterung ok, aber auch, als ich gut noch gut hörte, war ich verrückt nach Bässen in Musik. In dieser Gesinnung habe ich Musikanlagen ausgesucht und eingestellt. Daher habe ich es auch lange nicht bemerkt, dass die hohen Frequenzen meines Hörvermögens verschwunden sind.
Ich hatte geradezu Testreihen durchgeführt: Musik aus den 60er Jahren bis heute. Und auffällig immer dann, wenn ich meine Referenz-Musikanlage leiser stellte. Gut, dass muss eine Macke der Hi-Fi-Anlage sein. Doch ich muss ja keine Nachbarn mehr quälen, wenn die Hörgeräte meine Hörleistung verstärken, oder?
Diese Anlage ist noch voll analog. Sie ist so alt, dass sie mit nichts anderem als Halbleitertechnik arbeitet. Und das war damals beim Kauf schon fortschrittlicher als im Raumschiff Enterprise von James T. Kirk. Heute muss ja jeder Toaster eine Mikrochip haben …
Und das trug ich dem Jedi-Meister vor.
Ich war präzise: Ich möchte keine Kreissägen in meiner geliebten Rockmusik durch die neuen Hörgeräte hören. Punkt.
Ich sagte: „Für den Alltag bin ich mit den jetzigen Modellen zufrieden. Aber Musik hört sich nun fürchterlich an. Die Höhen kommen verzerrt und viel zu aggressiv rüber. Die Geräte deshalb aus den Ohren nehmen, ist keine Option, weil mein linkes Ohr im exakten Stereophasenraum ja zu wenig hört.“
Beeindruckend, nicht wahr? Das ist aber mein Fach-Speech, wenn es um Musik und Akustik geht. Warum soll ich das einem Fachmann, der das gelernt hat, denn nicht auch konkret so benennen? Egal!
Es hat heute nicht mal eine viertel Stunde gedauert, da wurde ich wieder in die Welt gelassen – mit einem propper „Musikprogramm“.
Zuhause. Testreihen. Erste CD. Erstes Album der Beatles. Ein rockiges Lied. Laut und dann leise. Und ohne das neue Musikprogramm.
Es ist eine verdammte sehr gute Remaster-CD! Trotzdem, mit den Hörgeräten kreischen die Kreissägen und, verhext noch mal, gerade dann, wenn ich die Lautstärke niedriger einstelle.
Und nun der gleiche Song, aber ein Tippen am Hörgerät und mein spezielles Musikprogramm läuft. Es ist ja nach meinen Wünschen konfiguriert, sofern es technisch machbar war.
JAAA! Paul pumpt mich mit seinem Bass tief in die Sofakissen. Ringo trommelt sicher wie ein Metronom. John gibt am Mikro alles – ohne Kreissäge zu sein. Und die Gitarre von George? Sie perlt daher! So wie einzelne Kuhglocken, die von behäbig grasenden Kühen auf der Alm mal hierhin und dorthin getragen werden. Und das Ganze noch exakt in Stereospektrum. Wobei man als Fan weiß, der Gesang ist mehr auf der rechten Seite.
Direkt danach die Rolling Stones gehört. Der letzte Hit. Aktuell vom letzen Jahr. „Living in a Ghost Town.“ Ein moderne Produktion. Es ist mit dem Musikprogramm meiner Hörhilfen immer noch alles an seinem gewohnten Platz, hat die gleiche Intensität und das bluesige Feeling.
Möge die Macht in Euren Ohren sein!

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Jabba the Hutt

Jabba the Hutt legt ihn auf die Waage und verlangt 36 Cent. In meinem Universum ist es die Kassiererin mit langen, blonden, lockigen Haaren. Auch ihr sitzt der Kopf direkt auf den Schultern, und sie kann ihn nur drehen, wenn sie ihren Oberkörper mitdreht.
Faustgroß ist er und ich stecke ihn in die hintere Hosentasche. Ich möchte einen Spaziergang machen. Nicht weit. Nur irgendwie raus. Der Herbstanfang schenkt uns trockene, milde Tage. Spürbar früher wird es dunkel.
Da ist eine Bushaltestelle. Verwaist. Ich hole ihn raus und reibe ihn an meinem Hemd. Etwas, was es schon immer gab. Vor allem Bio-, Vegetarier-, aus-der-Region- und Veganermist. Ein Apfel.
Rot an fast allen Stellen, wenig gelb. Ich mag es, wenn beim rein beißen süßer und saurer Geschmack um die Wette eifern.
Noch genügend belebt die Straße. Gegenüber ein Kiosk. War dieses Jahr überhaupt mein Jahr? Ich sinniere. Vielleicht kommt ja noch was beim Endspurt?
Ich habe den Apfel bis auf die Kerne aufgegessen. Für den Rest gibt es verschiedene Bezeichnungen. Warum es bei uns die „Kitsche“ hieß, weiß ich nicht. Ich werfe sie hinter das Bushäuschen ins Gras.

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