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Am Telefon

Etwas später als sonst ruft er an. Fragt freundlich:
„Stör‘ ich dich?“
„Nein“, meint sie und schaltet am Herd das Ceranfeld auf halbe Leistung, „Das Risotto ist erst in einer viertel Stunde schlotzig.“
„So, wie es sein muss“, entgegnet er geistfrei.
Schweigen.
Einmal fragte sie ihn, warum er überhaupt noch anruft. Und warum er nichts sage? Jetzt muss sie ihren Ex-Freund wieder ermahnen:
„Sag was!“
Würde er wieder beleidigt sein, von seiner offenen Wunde sprechen, davon, dass er anerkennt, dass es vorbei ist, aber … blah blah blah?
Er sagt: „Warte mal kurz.“
Wartet nicht ihre Antwort ab, legt das Telefon neben sich, steht kurz auf und holt seine Gitarre.
Er hat länger nicht mehr gespielt. Und weil das Holz und die Saiten leicht auf Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsunterschiede reagieren, ist sie natürlich total verstimmt. So fängt er an, die tiefe E-Saite nach Gehör und dann auf dem fünften Bund mit der leeren A-Saite gleich zu stimmen. Alle sechs Saiten runter.
Irgendwann kann er mit dem Spielen beginnen. Er erinnert sich an das Telefon neben ihm.
Bestimmt hat sie mitbekommen, dass er Gitarre spielen will. Für sie.
Er fragt:
„Hallo?“
Doch am anderen Ende der Leitung ist nichts mehr zu hören.
„Hallo? Hallo?“
Schließlich legt er auf. Stellt die Gitarre zurück in ihre Ecke.
Da war wohl der Risotto schlotzig.

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Um den Tisch

Ich erinnere mich an unseren ersten Tisch. Aus schweren, harten Holz gezimmert. Die Oberfläche bestand aus drei nicht lackierten Brettern, auf denen die Maserung und ab und zu ein Astloch zu sehen war. Die Tischplatte war stets blank und sauber gescheuert. Sonn- und Feiertags kam eine Tischdecke darüber. An diesem Tisch wurde ich als Baby gefüttert und später lernte ich den Umgang mit Besteck. Messer, Gabel, Löffel.
Irgendwann kauften meine Eltern einen anderen Tisch. Mit Metallbeinen und zum Ausziehen. Laminiertes Pressholz.
Als ich noch ein Junge war, habe ich mal meiner Mutter eine Frage gestellt. Es ging darum, was wird, wenn wir Kinder alt sein werden. Mutters Antwort habe ich bis heute behalten: „Wir sitzen am Tisch und erzählen uns, was wir erlebt haben.“
Das klang einfach. Beruhigend. Und irgendwie auch sehr schön. Familie bedeutet Zusammenhalt. Interesse und Respekt gegenseitig.
Heute ist es so weit. Wir sind alle in dem Alter, von dem meine Mutter ausging, der Tisch in ihrer Küche wäre Treffpunkt und Gelegenheit zum Austausch für die ganze Familie. Sie hatte eine Einladung ausgesprochen, die 40 Jahre überlebt hat.
Die Zeit jedoch ist hektisch, laut und schnell geworden. Es scheint, als sei es oft unmöglich, diese Einladung anzunehmen.
Aber zur Hölle, wofür leben wir, wenn wir nicht bei den Menschen sein können, in deren Herzen wir wohnen?

. . .

Ich werde ein Zugticket buchen.

I’m gonna leave this town. Gonna leave this dirty town.
Going back where the grass is green and the sun’s shining bright.
Father’s waiting at the station. Mother is kissing her son.
We’re sitting round the table and our lifes become as one.

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