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Aus einem Milieu

Mit 18 rannte ich in Krefeld rum.
War Sänger in ’ner Luftgitarrenband.
Mein Vater nahm mir das immer krumm,
ich sollt ’s doch besser ham als er.

Wir malochten in der Fabrik bis vier.
Und der Meister schimpfte von früh bis spät.
Für meinen Wagen habe ich Breitreifen bestellt.
In uns’rer Kneipe ging drauf die letzte Mark für Altbier.

Es gab so viele Mädchen zu küssen.
So schöne hast du noch nicht gesehen.
Man legte den Gang rein
und schon fing an die Motorhaube zu vibrier’n.

Jetzt sitz‘ ich hier, bin etabliert,
und schreib mit Pentium 4,
ein Lamento über meine Vergangenheit,
damit ich den Frust verlier‘.

Ich hab ’nen Vetrag mit ’nem Verlag
und man nennt mich intellektuell.
Mein Vater wär‘ tierisch stolz auf mich,
hätt‘ er ’s noch mit erlebt.

Doch ich will zurück in den Dschungel,
wo die Aufrechten und Tapferen überleben.
Als Asphaltjunkie fahr’n bis die Sonne aufgeht.
Und wiederfinden, was ich einst verlor.

Ich will zurück in den Dschungel,
ich will zurück in den Dschungel,
ich will zurück in den Dschungel,
denn Liebe geht nicht ohne Verlust.

(©hristoph Aschenbrenner frei nach M. M.-W.)

Das ist mir so ‚raus geruscht‘ als mir simonsegur „Auf eine fett-fröhlich-baggerlose-kreativstarke 17!“ wünschte … ich habe erst gar nicht geschnallt, was er meinte.

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Die Frage nach dem Sinn

Ich war jetzt viele Wochen da raus. Montag soll ich wieder dahin. Dort wo es nur vertikale Strukturen gibt. Wo wenige oben bestimmen, was viele unten machen sollen/müssen. Und gerade unter dem Mantel des Verständnisses gilt doch nur eine Regel. Jeder hat auf seiner Stufe zu bleiben. Im Grunde verhindert das per se Verständnis. Verständnis ernst gemeint bedeutet doch auch nachgiebig sein bei den Schwachen. Hilfen und unbürokratische Wege gehen. Davon ist jedoch nichts zu spüren.
Ich mache es, wie mir inzwischen klar geworden ist, auch bloß wegen dem Geld. Ich habe zwei Jahre Zeit, um das Geld zu verpulvern oder anzusparen. Ein Jahr ist um. Und nach dieser Zeit kann ich in der gewohnten Umgebung mit der gewohnten Arbeit weitermachen – allerdings nur bei einem viel niedrigeren Lohnniveau. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir diese fassungslose Ungerechtigkeit auszumalen! Jetzt schon. Schon früh im Berufsleben musste ich mir die Frage stellen, ist es das, was ich will bis zur Rente? Mein Vater gehört noch zu der Generation, die bis zur Rente in einer Firma durchgearbeitet hat. Der schwer betrübt war, als er nicht mehr zu den Aktiven dazu gehörte. Ich verstehe das. Sein Arbeitgeber wurde nicht binnen kurzer Zeit dreimal verkauft, Arbeitsoptimierer schauten ihm nicht mit Taschenrechner und Stoppuhr auf die Finger.
Was mir schwer im Magen liegt, ist, dass ich sehr sensibel auf Veränderungen im Arbeitsumfeld und bei Arbeitsinhalten reagiere. Drei Praktikanten mit im Raum verunsichern mich. Eine Anweisung der Programmierer, die ich noch nie persönlich sah, macht die Arbeit von Wochen zunichte. Und auf diese Weise wird es niemals Ruhe bei der Arbeit geben. Herausforderungen ja, doch in einem festen Rahmen.
Was sind denn da eigentlich die Alternativen? Leben von „Hilfe zum Lebensunterhalt“ sprich Sozialhilfe. Die Miete wird bezahlt und zum Leben bleiben wenige hundert Euro. Man müsste sich eine Tagesstruktur erhalten, um nicht durch zu drehen oder depressiv zu werden. Ich schaue gerade aus dem Fenster. Der ganze Tag war schön. Sonnenschein und blauer Himmel. Ich habe das heute in mich eingesaugt. Ein Gefühl wie Urlaub ohne Ende.
Man bräuchte Freunde, die akzeptieren können, dass man eine Alternative lebt.
Ich bliebe intellektuell weiter beschäftigt. Das Manuskript für mein viertes Buchprojekt liegt jetzt bei meinem Verlag …

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