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Morgens um 6 ist die Welt noch in Ordnung

Ich wollte 50 Cent sparen und habe 2 Euro ausgegeben …
Kurz nach 6 Uhr. Es könnte draußen noch frisch sein. Ziehe mir also etwas Wärmeres über. Während ich das Fahrradschloss öffne, sehe ich grau verhangenen Samstagmorgenhimmel. Eigentlich möchte ich nur eine Kleinigkeit erledigen, Kleingeld über einen Bankautomaten auf mein Konto verbuchen. Doch weil der Automat hier im Viertel eine fuck Störung hat, hangele ich mich von Bankfiliale zu Filiale, nichte jede hat so etwas, bis in die Innenstadt.
Die Innenstadt muss man in drei Gebiete unterteilen. Altstadt, Marktplatz und Fußgängerzone. Wobei die zuletzt genannte das größte Segment darstellt. Von mir aus führt eine schnurrgerade Geschäftsstraße über einen Kreisverkehr in die Innenstadt. Das ist wie eine Fahnenstange mit einem Knubbel im unteren Viertel und oben flattert das Fähnchen meines Stadtteils.
Je näher ich dem Kreisverkehr mit meinem Rad komme, umso langsamer werde ich. Die Morgenluft ist herrlich. Um die Zeit hätte ich den Kreisverkehr auch links herum passieren können. Kein Mensch unterwegs! Wie nach einem Krieg mit biologischen Waffen. Nur ich hätte es verpennt. Und irgendwer hätte schon alle Leichen weggeräumt … Mich hält es nicht mehr auf dem Sattel. Ich muss das Fahrrad vor einer Bank abstellen und die Stille einsaugen. Ich fühle – mich. Bin bei mir. Das geht nicht lange so. Wer kommt da? Ein Zombie? So ähnlich. Ich erkenne ihn wieder. Ein alter, verwirrter Mann, dessen Frühstück um diese Zeit aus einem Coffee to go und einer Dose Bier besteht. In einer Hand hält er noch eine Plastiktüte. Gerne stellt er sich an Bushaltestellen in der Rushhour und hält Vorträge die niemand versteht noch hören will. Durch die Inhalte seiner Reden nehme ich an, er war mal bei der Justiz, Richter oder so. Der Alkoholismus hat ihn aus dem Job und auf die Straße gedrängt. Sein Kopf kippt oft ganz nach unten, als hätte ihn jemand ausgeschaltet. Aber er findet immer noch den Einschalter.
An der nächsten Ecke schließe ich mein Rad ab und gehe zu Fuß weiter. Ich bin in der Altstadt. Und der letzte Automat, den ich kenne, der Kleingeld akzeptiert, ist in der Passage hier. Aber die macht erst um 8 Uhr auf. Tja, wenn ich jetzt wüsste, wie spät es ist …
Ich schaue in die Auslagen der noblen Geschäfte in altehrwürdigem Gemäuer. An der nächsten Ecke biegt ein Marktwagen ein. Ich folge ihm langsam zu Fuß. Mir fällt ein, dass gestern jemand gesagt hat, er wolle heute zum Markt. Witzig, wenn ich ihn treffen würde. Die Chancen sind doch sehr gering, zumal der Wochenmarkt erst noch im vollen Aufbau ist. Und was, außer „Guten Morgen“ sollte ich schon sagen? Ich kenne ihn nicht richtig und finde, es ist eher eine langweilige Person. Ich war auf dem Markt schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Ich laufe durch die Gassen, sehe Fleisch-, Käse- und Obststraßen. In der Bäckergasse kann ich es mir nicht verkneifen, zwei Croissants für 2 Euro zu kaufen. Die verputze ich an der Bushaltestelle sitzend. Ich sehe den Wagen vom Ordnungsamt. Ein Beamter und eine Beamtin steigen aus. Gehen langsam zum Markt. Das Bestechungsgeld kassieren, wie ich mir denke. Kurze Zeit später rollen sie mit ihrem Wagen auch schon an mir vorbei.
Die Croissants waren lecker, freilich auch eine diätische Sünde. Ich werfe die Papiertüte in einen Mülleimer. Zurück zur Altstadt. Kaum sind die Beamten vom Ordnungsamt fort, sitzt dort bereits ein Bettler. Ich biege links ab. Arkaden laden zum Fotografieren ein. Ich hab nicht mal ein Handy mit. Statt in die Schaufenster zu schauen, lese ich Schilder an den normalen Türen. Therapeuten, Architekten, Agenturen haben hier ihre Büros. Und es wird hier auch einfach gewohnt. Mitten drin! Vor der Kirche überlege ich kurz, rein zu gehen. Stattdessen setze ich mich auf einen Stuhl an einem Café. Alle anderen sind festgeschlossen. Der Moment, wo alle wach werden, die Straßen und Plätze bevölkern, ist kaum noch hinauszuzögern. In der Fußgängerzone sehe ich hinter verschlossenen Geschäftstüren Reinigungspersonal staubsaugen, Kellnerinnen an den Cafés Schlösser der Stühle aufschließen und wegräumen. Und an der großen Buchhandlung sind Fensterputzer zu Gange. Ich sitze auf einer Bank vor Kaufhof. Glockenschlag zeigt mir an, nur noch eine viertel Stunde. Die Fußgängerzone weiter hoch. Ab und an rollt ein Kastenwagen mit Lieferungen vorbei. Auch Handwerker arbeiten samstags. Außen über einem Geschäft muss etwas gebohrt werden. Der Lärm nervt nicht bloß mich, vermutlich wirft er in den Wohnungen des ganzen Hauses jeden aus dem Bett. Ich hätte nicht gedacht, hier so ein Klischee zu sehen: Blaumann, Hütchen, Kippe im Mund und sein ganzer Stolz die Hilti-Bohrmaschine. Bei einem so jungem Mann … Einige Schritte weiter der nächste Krach – die Kehrmaschine. Ich flüchte an den Ausgangspunkt, wo mein Fahrrad steht. Und siehe da, die großen Türen der Passage werden komplett in den Boden gefahren. Ich kann hinein. Der Schließer grüßt noch „Morgen“, was ich erwidere. Dann bei der Bank zum Kleingeldautomaten und meine 50 Cent eingezahlt. Zurück wieder mit dem Rad. Im Kopf diesen Bericht. Aufwand und Nutzen waren vielleicht in keinem Verhältnis. Aber wer nennt mir den Preis für anderthalb Stunden Freiheit?

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Lesung in der Kirche

Letztens ist mir ein ungewöhnliches Zeitdokument in die Hände gefallen. Ich fand in einem Brief von meiner Schwester einige Fotos von einer Lesung. Das hatte ich vollkommen verdrängt. Nicht die Lesung, sondern dass es davon Fotos gibt!

Nun gut, man kann nicht viel erkennen, meine Schwester experimentierte gerade mit der schwarzweiß-Fotografie.

1995. In der Autorengruppe Sem;kolon waren wir in Meinungsverschiedenheiten verwickelt, die die nächste Anthologie-Veröffentlichung betrafen. Letztlich hat das zur Gründung des „Sem;kolon-Verlages“ geführt, von dem heute niemand mehr weiß, ob es ihn noch gibt.  Ich hatte in diesem Jahr ein zahlenmäßig sehr großes Publikum – so viel, wie in eine Kirche passt. In meinem Heimatort wurde das 125jährige Bestehen der Pfarrkirche gefeiert. Sie ist nach einem Heiligen benannt, den man bestimmt einen Meter hinter dem Ortsschild nicht mehr kennt.

So holte man auch die Kultur in das Haus Gottes. Und die Organisatoren meinten, ich sei Sohn der Stadt genug, um mich anreisen zu lassen, um eine kurze Lesung in der Kulturveranstaltung zum Jubiläum abzuhalten.

Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen Auftritt. Alle meine Texte lagen in Buchform vor, so dass auch in der allerletzten Kirchenbank zu sehen war, dass ich publiziert habe. Bei meinem ersten Text, ich meine, es war ein Gedicht, gab es keine Reaktion im Auditorium. Nichts! Dennoch las ich ruhig das nächste. Das war dann etwas anders, ein humoristischer Dialog. Damit brach ich das Eis, es wurde an den richtigen Stellen gelacht. Dann habe ich, denke ich, noch etwas Nachdenkliches hinterher geschoben und erntete einen großen Applaus.

Ich wollte danach einfach verschwinden, doch der Pastoralreferent, der den Nachmittag moderierte, fing mich an der Kommunionbank ab und präsentierte mich noch mal dem Publikum.

Ja, so sollte es sein! Vordergründig bin ich zum Studium aus meiner Heimat weggezogen. Aber es steckte natürlich auch tieferes dahinter, wie mich künstlerisch erst entfalten zu können, wenn ich die Grenzen und Begrenztheit dieser kleinen Stadt hinter mich ließ.

Ich empfand Genugtuung, von denjenigen mit Applaus bedacht zu werden, die früher hinter den Gardinen spähten, die an den Straßenecken tratschten, weil ich nun zeigen konnte, was ich drauf hatte. Und vor die Mundartdichterin, die eigentlich dran gewesen wäre, hatte ich mich geschickt gemogelt…

Ich denke, mein Auftritt wurde so schnell nicht vergessen. Jahre später, bei einem Besuch bei meinen Eltern, erkannte mich ein Schulfreund auf der Straße wieder. Er fragte nach meiner finanziellen Situation. Er wollte mir als Sparkassengestellter wohl etwas andrehen, denn er ging davon aus, dass ich von meinem Schreiben nun lebte. ;-) Typisch für dieses Kaff!!

Bild

Foto: Copyright R. Plöger

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