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Ich vibriere!

Ständig bin ich in Bewegung. Stecke mir ein Kippe zwischen die Lippen. Das Feuerzeug in der Hand. Doch weil ich so viel tun möchte, hier und dort etwas erledige, kann eine halbe Stunde vergehen, bis ich die Zigarette anzünde.
„Christoph Aschenbrenner hat seine Fans!“ schrieb Frau Evrard von meinem Verlag. Falls es sie wirklich gibt, die Fans, warten sie seit gut anderthalb Jahren auf ein neues Buch von mir. Das Rad neu erfinden hat etwas Zeit gekostet. In der Literatur bedeutet das eben sich neu definieren.
Was meine Unruhe verursacht, ist, dass es bald soweit ist! „Urbanicity“ geht demnächst in den Druck!
Ich als Mr. Short Story himself habe mich inhaltlich und am Stück über einen ganzen Band ausgebreitet. Nebenbei, ich schlug „Kurzroman“ als Untertitel vor. Bei 40 Seiten im Reclam Heft Format fand es der sonderpunkt Verlag nicht so ganz überzeugend. Also gar nicht.
Ich warte nun auf die Imprimaturen. Schnalze mit der Zunge. Frage mich, wie mein Werk draußen angenommen wird?
Ich könnte schnelle Reaktionen durch das Posten von Ausschnitten bekommen. Finde aber, man sollte alles kennen. Wie bei einer Kurzgeschichte. Eine lange, tief gehende und dennoch stringent erzählte und von allem überflüssigen glatt gebügelte Kurzgeschichte.
Der Pott ist am Kochen und es wird heiß! Verdammt, wo ist mein Feuerzeug …?

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Leseprobe # 4

Auf unserem letzten Sem;kolon-Treffen haben wir uns als Stichwort für eine freiwillige Hausaufgabe das Wort „herausgerissen“ gestellt. Der folgende Text hat somit das Thema knapp verfehlt. Das ist nicht schlimm, besonders, wenn einen etwas anderes auf den Nägeln brennt.

Wenn morgen Klassentreffen wäre …

… würde ich heute anreisen und mich bei meinen Eltern einquartieren. Bei dieser Gelegenheit einen dankbaren Blick für meine Mutter, die die komplette Schulzeit durch meine Pausenbrote geschmiert hat. Jeden Morgen und mit Salami belegt. Abends eine mitgebrachte DVD mit Vater gucken. Bei Schrott auf allen Kanälen zeigen sie uns nicht mehr die guten Filme aus meiner Kindheit im Fernsehen. Von Don Camillo und Weltraumabenteuern.
Für das Treffen nach 30 Jahren leihe ich mir einen Schirm. Die Bewölkung verdichtet sich. Betrete das Lokal hinter der Kirche. Am Tresen die gleichen Männer an der gleichen Stelle mit dem üblichen Bier wie damals. Nur älter und weniger Haare.
Hinten im Saal die Mädchen und Jungen meiner Klasse. Petra, Veronika, Cornelia und Guido, Thomas, Markus. Jetzt Erwachsene. Bettina hat das alles organisiert. Hält verlegen eine kleine Rede. Wir applaudieren. Ich finde einen Platz bei meinen Kameraden von einst. Nicht weit von mir sitzt Steffi, die erste, mit der ich richtig ging. Verheiratet, zwei Kinder, Teilzeit berufstätig.
Während auf das Essen gewartet wird, machen in meiner Ecke alte Witze die Runde. Heute wohl Herrenwitze genannt. Guido schimpft auf seine Lehrlinge, doch ich erinnere mich nicht, dass er in Mathe selbst eine besondere Leuchte war.
„Was machst du?“, die Frage kommt von links. Von Frank. Stiller wird es. Oder ist es, weil alle ihr Essen bekommen haben?
„Ich habe in Münster studiert. Ich veröffentliche Bücher. In Anthologien bin ich vertreten, gebe aber auch Monographien heraus. Aber davon lebt man nicht, ich habe auch einen Bürojob.“
„Wann kommst du wieder zurück?“
Mir wird es peinlich. Bettina ruft jetzt zu einem Gemeinschaftsfoto auf, es sollen sich doch alle in Position stellen.
Ich weiß nicht, ob ich auf dem Foto gelächelt habe. Ich habe es nicht bekommen. Mein Wunsch ging unter. Als Frank freundschaftlich den Arm auf meine Schulter legt, bin ich weit weg. Prägung. Diejenigen, die mich in der Schulzeit so oft verprügelt haben, als ich mich noch nicht wehren konnte, haben dazu beigetragen. Hellwach zu sein und aufmerksam. Die Gefahr von Schlägen und Tritten war überall. Deshalb bemerke ich Dinge, an denen andere achtlos vorbei laufen. Beobachtungsgabe ist wichtig für einen Autor.
Ich verabschiede mich zu der Zeit, in der man anfängt, Korn zu bestellen. Auf dem Weg zu meinen Eltern bin ich froh, an den Schirm gedacht zu haben.

 

©hristoph Aschenbrenner; © Christoph Aschenbrenner

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Leseprobe # 3

Ich liebe Science Fiction! Schon als Kind durfte ich all das in mich einsaugen, was mein Vater abends nach Feierabend im Fernsehen sah. Bei drei Programmen ohne Werbeunterbrechungen … Nie werde ich die Enttäuschung vergessen, als mir meine Eltern nicht erlaubten, mir 1978 den ersten „Krieg der Sterne“-Film im Kino anzuschauen! (Heute heißt es dazu: „Wir wussten ja nicht, was das war.“) Ich war noch 11 und es wäre noch nicht ohne Elternbegleitung gegangen. Dieser Text entstand wieder zu einer Hausaufgabe unserer Autorengruppe Sem;kolon. Wir haben den ganzen Abend neben der Kritik an unseren Texten über alles Mögliche diskutiert. Als es darum ging, ein Stichwort festzulegen, nahmen wir einfach einen Begriff aus unserem letzten Meinungsaustausch: Fremdbestimmung. Es handelt sich dabei um ein Preview.

Durst

„Guten Morgen, F-X307. Bitte nehmen Sie von den blauen Tabletten heute zwei mehr!“
Als sie geweckt wurde, indem das Licht in ihrem fensterlosen Raum anging, hat sie sich ordnungsgemäß auf den Feuchtigkeitssammler gesetzt und uriniert, um die Analyse machen zu lassen, die ihre heutige Dosis optimiert.
Zahlenwerte huschen über den Spiegel, der zugleich Display ist und Überwachungseinheit. Sie sieht ihr bleiches Gesicht, fünf Millimeter kurze, blonde Haare und große blaue Augen.
„Bitte denken Sie daran, Wasser ist unsere kostbarste Ressource. Bitte verschwenden Sie unter keinen Umständen Wasser! Sie können sich nun pudern, F-X307.“
Leicht zögert sie.
„Ist etwas, F-X307? Brauchen Sie einen psychologischen Berater?“
Sie erledigt hastig das Pudern. Zieht ihren weißen Overall und ein Paar weiße Sneakers an, die wie jeden Morgen neu in ihrer Größe in der Schublade unter dem Spiegel liegen.
Ein Blick auf ihr Spiegelbild und sie will gehen, doch sie wird noch aufgehalten: „F-X307, Ihr Termin beim psychologischen Berater ist heute um fünfzehn null null, bitte versäumen Sie ihn nicht!“
Ihr Gesicht bleibt ausdruckslos, wie auch das all der anderen, denen sie auf ihrem Weg durch die Gänge begegnet.
Menschen, weiß gekleidet, wie sie auf dem Weg. Ab und zu Ms in orangen Overalls. Sie hat mal gehört, dass Fs nicht den angemessenen Respekt erhalten, um die Ordnung wieder herzustellen. Doch Unordnung gibt es so gut wie kaum. Oder ist das nicht das richtige Wort? Unordnung? Sie hat keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.
„Willkommen, F-X307, Ihre Schicht beginnt jetzt. Bitte kontrollieren Sie …“
Es ist dieselbe Stimme, die sie gerade in ihrem kleinen Appartement gehört hat. Und sie wird sie den ganzen Tag bis zur Schlafempfehlung begleiten. Es ist eine F-Stimme.
Mittagessen. Später Ende der Schicht. Sie weiß, nun wird es schwer, und hastet schon durch die weißen, gleichmäßig ausgeleuchteten Gänge. Ein Oranger spricht sie freundlich an.
„Bitte vermeiden Sie schnelles Gehen, es könnte auf andere provokant wirken!“
„Ja, danke. Wasser ist kostbar.“
Obwohl sie korrekt geantwortet hat, und auch ihr Tempo verlangsamt, schaut ihr der M lange nach.
„Guten Tag, F-X307, M-504 erwartet Sie im hinteren Praxiszimmer.“
„So viel Platz!“ schießt es ihr jedes Mal durch den Kopf. Das macht der fehlende Buchstabe vor der Code-Nummer, weiß sie.
M-504 deutet ihr an, sich zu setzen, an seinem transparenten Schreibtisch liest er noch im Display.
Das ist normal. Ihre aktuellen Daten und Werte.
Nun lehnt er sich zurück. Lächelt.
„Sie sind heute wieder nervös.“
„Ja.“ Es hat keinen Zweck es zu leugnen.
„Wissen Sie, ich habe hier viele Beratungsfälle, die kommen sehr gerne zu mir.“
Sie hält die Luft an.
„Bei Ihnen ist es mir ein Rätsel, warum Sie Angst vor mir zu haben scheinen.“ Er lächelt wieder.
Sie weiß nicht, was „Rätsel“ und „Angst“ ist, aber sie sagt: „Ja.“
„Bitte beantworten Sie mir kurz folgende Fragen.“
Das ist Routine.
„Medikamente?“
„Ja.“
„Von 1 bis 10, wobei 10 das höchste ist: Arbeitsmotivation?“
„8 bis 9.“
„Wasser verschwendet?“
„Nein!“ Sie ist entrüstet.
„Schlaf?“
„Zu der vorgegebenen Zeit.“
„Träumen Sie?“
Keine Antwort.
„Träumen Sie?“
Sie fühlt sich überfordert, zeigt Unruhe.
„Es ist nicht schlimm, wenn Sie nicht wissen, was Träumen ist.“
„Danke. Wasser ist kostbar.“
Der psychologische Berater scheint etwas abzuwägen. Er lächelt sie an.
„In den Zeiten, als Wasser unbegrenzt zur Verfügung stand, wurde noch geträumt. Träume sind Gehirnaktivitäten, die im Schlaf Reize auslösen können. Sie sind nicht real“, erklärt er ihr.
„Wir haben mit der Medikation auch das Träumen abgeschafft, es ist verwirrend und unproduktiv.“
Ruhig ist sie geworden, sie weiß nicht warum.
„Ich lese in Ihrem Dossier, dass Sie Ihre Freizeit nicht mehr mit M-K444 verbringen?“
„Nein. Es steht mir die Wahl für einen neuen Mann zu.“
„Ja, das ist richtig. Doch hätten Sie gerne länger Zeit mit M-K444 verbracht?“
Sie überlegt.
„Nein. Wir haben einander unsere Pflicht erfüllt.“
M-504 tippt auf das Display vor ihm.
„Das ist die richtige Einstellung! Wasser ist kostbar!“
„Wasser ist kostbar.“
Sie steht auf und geht.
Sehr langsam geht sie zurück zu ihrem Appartement. Während sie nachdenkt, wird sie angesprochen.
„Bitte halten Sie durch Ihr verzögertes Gehen nicht andere auf!“
Sie beschleunigt ihre Schritte.
Als sie in ihrem Appartement ist, fällt ihr auf, den Gruß versäumt zu haben …
Sieben Arbeitsschichten später. Sie und M-V340 beginnen sich kennenzulernen. Die gewöhnlichen Fragen und Antworten mit einem gewissen Spielraum. Die kostbaren Getränke bei dieser Gelegenheit.
Am folgenden Morgen ist etwas anders. Sie wacht vor dem Einschalten des Lichts auf. Sie fühlt etwas Schweres. Trotzdem schönes. Aber unbekannt. Von der Schlafempfehlung bis jetzt war etwas. Wie Bilder ohne Kontrolle. Und in dem Moment, als das Licht angeht, weiß sie es. Es waren ihre eigenen Bilder.

 

©hristoph Aschenbrenner; © Christoph Aschenbrenner

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