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Ruhelos

Einer meiner Freunde prägte mal den Spruch: „Melancholie ist die einzige Art zu sein.“
Ein ziemlich poetisch formuliertes Statement für einen meist prosaischen Autor und Physiker. Aber was heißt das?
Ist es ein Gefühl, das dich befällt, wenn du alles gemacht hast, was du tun konntest, aber es ist doch nicht genug?
Wenn du alles erreicht hast, was du erreichen konntest, dich aber leer fühlst?
Dein ganzer enormer Zorn nicht reicht, um es auch wirklich allen zu zeigen, zu beweisen, vom Gegenteil zu überzeugen, was immer es auch sei?
Unfähig, so tief zu stapeln, um eine Sendung bei RTL II auch nur bis zur nächsten Werbeunterbrechung zu verfolgen.
Und Schokolade mit Verachtung auf sich selbst verdrücken, den Aschenbecher absichtlich nicht leeren, zufällig vergessen, sich zu rasieren.
Ist Melancholie denen vorbehalten, die als die Macher gelten? Die plötzlich starr werden und die Sinnfragen stellen: Warum? Wofür? Und vor allem für wen?
Abends nach einer Lesung. Ich kann nicht schlafen. Adrenalin peitscht in den Venen. Eben noch im Licht der Scheinwerfer. Dem Publikum etwas für sein Eintrittsgeld, für seine Aufmerksamkeit geboten. Applaus, Trubel, Bücher signieren. Ich war Zentrum für zwei Stunden. Doch war ich bei mir?
Und nun Dunkelheit. Niemand bei mir, um es zu feiern. Oder aufzuarbeiten, wie es heißt. Schon an den nächsten Termin denkend, bevor dieser schon verdaut. Die Verzweiflung nach dem Hochgefühl. Eigentlich bin ich mir bloß peinlich. Was treibt mich an, dort oben zu stehen und mein Zeug vorzutragen?
Und so horche ich in mich, denn rufen kann ich nicht mehr. Gnädig ist, wenn die Müdigkeit siegt. Sich der Schlaf ausbreitet bis ins äußerste Glied. Sonst muss ich dem bis 24 Uhr geöffneten Supermarkt gegenüber danken für seine sortierte Schokoladenabteilung …

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