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Familienangelegenheiten

Dieses Jahr ist für meine engste Familie ein Superjahr. Heute konnte ich meinem Vater zum 85. Geburtstag gratulieren! Im Hochsommer vollendet meine Mutter ihr 80. Lebensjahr! Und meine älteste Schwester wird am 2. Weihnachtstag 50!
Alles in den Schatten stellt jedoch meine jüngste Schwester. Im letzten Jahr geheiratet ging es danach auf Hochzeitsreise ins Land von Graf Dracula. Vor 9 Monaten bekam ich von ihr ein Foto mit einem Ultraschallbild über WhatsApp …
Vorgestern wurde ich Onkel! Es war keine einfache, doch geglückte Geburt. Froh schickte mir mein Schwager ein Foto. Ich zeige es hier nicht, denn ich achte auch die Persönlichkeitsrechte von Babys und Kindern.
Da ist also der neue Mensch. Ruhig ohne Schmerz. Und ohne Angst. Schon einen Haarschopf. Das Fäustchen links an die geöffneten Lippen gelegt. Eingewickelt in eine orange Decke schauen ganz große blaue Augen offen in die Welt. Die Geste, das Gesicht, als würde es schon alles wissen und über die Bedingungen verhandeln wollen, in der Welt zu bleiben. Nach dem Motto: Und? Was habt ihr so zu bieten? ;-)
Sie hat jetzt schon einen Platz in meinem Herzen – meine Nichte!

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Berge und Meer

Am Meer war ich mehrmals. Unverbauter Horizont. Kann schnell öde werden. Ich habe die Berge noch nicht gesehen. Weder die Alpen über- noch durchquert. Ich muss da auch nicht daran rumklettern. Nein.
Was ich schon immer liebte, war die Tiefebene. Ganze Landstriche auf einem Niveau. Wo ein Findling im ordentlich gepflegten Vorgarten Aufsehen erregt.
Ich wuchs auf dem flachen Land auf, später wechselte ich ein paar Breitengrade weiter nördlich und hatte Aussicht satt. Sofern nicht verbaut.
Früher konnte ich bei uns im oberen Stockwerk am Fenster stehen und sehen, wann mein Vater Feierabend hatte. Hinterm Fabriktor stieg er aufs Rad und radelte heim. Das waren gut sechs bis sieben Kilometer. Natürlich nur, wenn kein Nebel war. Oder die Bauern nicht ihre Felder düngten, wobei sich die Sonne weigerte, bis zum Boden zu scheinen.
Während ich auf meinen Vater sehnsüchtig wartete, konnte man große Industriewerke weit entfernt an ihren Schornsteinen und den Wolken erkennen, die sie ausstießen. Schwermetall.
Klar, Kirchturm bei uns mit Uhr. Und schräg gegenüber der kleine Zeitungs- und Kurzwarenladen, von dem ich wusste, dass das neue YPS-Heft angekommen war.
Unser Stadtteil war ein wenig isoliert. Vom Stadtzentrum durch einen Gürtel Felder getrennt. Aber die Trasse der Straßenbahn führte schnurgerade in unseren Ortskern. Und mein Papa radelte daran entlang. Auf einer breiten Straße mit Radwegen. Jeden Tag. Manchmal auch samstags. Als ich ihn mal fragte, warum er nicht die Straßenbahn nehmen möchte, sagte er mir: „An der Haltestelle warten ist langweilig. Da weiß ich nicht, was ich machen soll außer rauchen.“
Es gab nur eine Ausnahme, bei der mein Vater in die Straßenbahn stieg. Im Winter, wenn es morgens noch lange dunkel, und es aussah als falle der Schnee aus den Straßenlaternen. Wenn er als kräftiger und zäher Mann nicht mehr durch die Schneewehen fahren konnte. Oder bei spiegelnder Glätte und es genauso gefährlich war, die Glätte nicht zu sehen.
Ich überlege mir heute, dass mein Vater, der sein Fahrrad pflegte und liebte, sein Geld vielleicht lieber sparte, als jeden Tag ein Ticket zu lösen.
Als er da war, wir Kinder und meine Mutter ihn herzlich begrüßten, als wäre er für Monate weg gewesen, hat er mir die zweimarkfünzig für das YPS-Heft spendiert.

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Nach dem Schauer

Hinaus in die Nacht. Es hat geregnet, doch der Wind hat die Straßen beinahe getrocknet. Nasses Laub glänzt noch.
Ich halte es nicht mehr für notwendig, mein Gesäß zwischen Internet, Festnetz und Smartphone zu parken.
Zu Fuß zum Syrer. Zwecks Vertilgung einer Döner-Pizza. Warten auf Grün an einer Ampel.
„Was wäre, wenn sie mir hier mit dem Rad entgegen käme?“
„Schnauze!“ brülle ich meine Gedanken an.
„Vielleicht würde ich einfach so tun, als würde ich sie nicht erkennen. Oder unverbindlich winken?“
„Geil, ganz geil! Du hast es geschafft! Jetzt bekommst du Denkverbot!“
Vor der Imbisstür drücke ich meine Kippe im Metallaschenbecher aus. Als ich bestelle, erkennt mich der Inhaber wieder. Tja, war eine Weile nicht mehr hier … Nehme eine Dose Cola Zero und setze mich nebenan an einen Tisch.
Vor mir Mutter und Kind. Der Junge mag acht oder neun sein. Die Mutter ist extrem fett. Als sie aufsteht, um noch einen Pappbecher zu holen, fühle ich mich darin bestätigt, dass Menschen auch Kugeln sein können.
Nebenan läuft das Fernsehen. Ich schließe die Augen und höre schnell sprechende Personen, mal eine Frau, mal Männer. Es ist nicht meine Muttersprache. Vielleicht hat der Besitzer etwas arabisches angemacht. Was ich glaube heraus zu hören, ist der Unterschied zwischen dem geschulten Fernsehpersonal und den Interviewpartnern, letztere unterbrechen ihren Redefluss öfter mit einem „äh“.
„Sie war das Gegenteil von der Dicken da.“
„Ja.“
Ich schaue auf meine Armbanduhr. Mails, Telefon und Handy, alles zu Hause. Besser so! Ich bekomme die lecker aussehende Pizza hingestellt.
„Sie war so gerührt von meinem Geschenk, dass ihr rechts und links eine Träne herunter lief.“
Ich rühre die Pizza nicht an, trinke die Cola aus. Bezahle alles. Wenn sie den Tisch wischen wollen, sehen sie die Pizza. Mit Tränen. Kommt alles in den Müll.
Hinaus in die dunklen, leeren Straßen. Es wird ein Sturm kommen.

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Perspektivwechsel

Da stand sie nun an der Bushaltestelle. Im graumatschigen Schnee. Hielt die Arme verschränkt vor ihrer Brust. Im Bus fand ich einen Sitzplatz und wollte ihr zum Abschied winken. Doch sie schenkte mir keinen Blick mehr, sie schaute die Straße hoch.
Drei Stunden Zugfahrt. Umsteigen in Hamburg. Die Bushaltestelle bei ihr war nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt. Und dass sie mich begleitete, war schon ein großes Entgegenkommen. Es war so was von aus! Weihnachten, Silvester. Da waren wir bereits Fremde.
Was zu Hölle hatte sie sich von mir versprochen? Den Ersatzmann für sich und ihre Kinder zu finden? Ich? Absurd! Irgendwas war über anderthalb Jahre tragfähig. Und irgendwas beendete ihre Hoffnung. Vermutlich gab es zwei Konstanten in ihrem Leben. Einmal eine gute Mutter für ihre beiden Töchter zu sein. Und dann nicht versauern zu wollen. Meine Rolle sollte idealerweise beide Bereiche abdecken. Ihr weiteren Nachwuchs bescheren und Farbe in ihr Leben bringen. Als ich ihr einen Strich durch diese Rechnung machte, war ich gestorben.
Zwei Wochen nach der Rückkehr von meinem letzten Besuch erhielt ich einen Anruf. Sie machte Schluss.

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Wer ist angstfrei?

Als Kind hast du es erlebt
Das Monster unterm Bett
die Dunkelheit und abwesende Mutter
Hast geschrien: Angst! Angst!

In der Schule, wenn sie in der Mehrzahl waren,
dir eine Lektion erteilten, dem Schwächeren,
hat es in dir geschrien: Angst! Angst!

Der Poet auf der Bühne,
es raus lässt, mit Worten zaubert,
geht abends nach Hause und greift zum Glas
Es in ihm schreit: Angst! Angst!

Als sie dir sagte: Ich liebe dich nicht mehr.
Du deine Sachen räumen musst
So jäh ein Traum vorbei
In dir schreit: Angst! Angst!

Und mitten in Frieden und Wohlstand schießen
echte tödliche Kugeln im Einkaufszentrum
Und das kleine Kind in dir schreit: Angst! Angst!

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Kleine Frage … nebenbei …

Dass ich für meine Mutter als ihr Erstgeborener der größte Brocken war, wusste ich schon immer. Nun gibt es Zahlen dazu! Sie fand ihren „Mütterpass“ (ja, Betonung liegt auf „Mütter“) wieder. Und vorhin am Telefon las sie mir vor, dass ich und kein anderer bei der Geburt 4200 Gramm wog und sage und schreibe 50 Zentimeter lang war. Dies und der Umstand, dass mein Vater heute Namenstag hat, bringen mich ziemlich spontan zu der Frage, was aus dem Schreihals und Windelscheißer von damals geworden ist? Kann ich meinen Eltern heute auf Augenhöhe begegnen und frei sagen, Eure Mühen und Sorgen waren nicht umsonst?

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Um den Tisch

Ich erinnere mich an unseren ersten Tisch. Aus schweren, harten Holz gezimmert. Die Oberfläche bestand aus drei nicht lackierten Brettern, auf denen die Maserung und ab und zu ein Astloch zu sehen war. Die Tischplatte war stets blank und sauber gescheuert. Sonn- und Feiertags kam eine Tischdecke darüber. An diesem Tisch wurde ich als Baby gefüttert und später lernte ich den Umgang mit Besteck. Messer, Gabel, Löffel.
Irgendwann kauften meine Eltern einen anderen Tisch. Mit Metallbeinen und zum Ausziehen. Laminiertes Pressholz.
Als ich noch ein Junge war, habe ich mal meiner Mutter eine Frage gestellt. Es ging darum, was wird, wenn wir Kinder alt sein werden. Mutters Antwort habe ich bis heute behalten: „Wir sitzen am Tisch und erzählen uns, was wir erlebt haben.“
Das klang einfach. Beruhigend. Und irgendwie auch sehr schön. Familie bedeutet Zusammenhalt. Interesse und Respekt gegenseitig.
Heute ist es so weit. Wir sind alle in dem Alter, von dem meine Mutter ausging, der Tisch in ihrer Küche wäre Treffpunkt und Gelegenheit zum Austausch für die ganze Familie. Sie hatte eine Einladung ausgesprochen, die 40 Jahre überlebt hat.
Die Zeit jedoch ist hektisch, laut und schnell geworden. Es scheint, als sei es oft unmöglich, diese Einladung anzunehmen.
Aber zur Hölle, wofür leben wir, wenn wir nicht bei den Menschen sein können, in deren Herzen wir wohnen?

. . .

Ich werde ein Zugticket buchen.

I’m gonna leave this town. Gonna leave this dirty town.
Going back where the grass is green and the sun’s shining bright.
Father’s waiting at the station. Mother is kissing her son.
We’re sitting round the table and our lifes become as one.

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