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Tanz im Museum

Als wir letztens in jenem Café saßen, welches noch den Charme der 1920er Jahre atmete, fiel mir etwas auf. So spät kaum Gäste. Der Kellner nervte mit seinem bodenständigen Frohsinn. Übt wohl für ein Casting für Comedians. Dafür war die Musik klasse. Ich kenne keine Frau, die sich so gut mit Sängerinnen, Sänger und Gruppen auskennt wie sie. Ja, sie weiß mehr über die neueren Sachen als ich. Wenn ihr etwas besonders gut gefiel, tanzte sie mit ihrem Oberkörper mit. Ich glaube, sie hat ihr halbes Leben auf der Tanzfläche verbracht.
Seit dem ich sie kenne, habe ich mehr Museen, Vernissagen und Ausstellungen besucht, als in den ganzen 25 Jahren seit dem ich in dieser Stadt bin. Sie hat einen nicht stillbaren Hunger nach Kunst und Kultur.
Heute erarbeiten wir uns das Museum für Lackkunst. Nicht groß. Wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, dass generell viele Exponate in fensterlosen Räumen stehen, ist das auch nicht mehr beklemmend.
Über die Kunst, und hier gerade über bemalte Kästchen aus dem alten China, unterhalten wir uns kaum. Vermutlich hat sie die andere Hälfte ihres Lebens in Museen verbracht … Sie betrachtet eine Kassette und wirft mir ein paar Brocken Gesprächsstoff zu. Diese gilt es aufzufangen und weiter zu spinnen. Oder einfach überraschend mit etwas Neuem zu kontern. Dabei stehe ich nie still. Ich ändere dauernd meine Position wie bei „Schiffe versenken“ für Fortgeschrittene. Geht sie zur nächsten Vitrine, reichen mir einige wenige Blicke, um das zu erfassen, was sie gerade gesehen hat.
Auf diese Weise tänzle ich ihr über drei Stockwerke hinterher. Eines Tages werde ich ihre Hand nehmen, halte ihren Rücken und wir tanzen durch offene Türen. Auch ohne Musik.

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Jabba the Hutt

Jabba the Hutt legt ihn auf die Waage und verlangt 36 Cent. In meinem Universum ist es die Kassiererin mit langen, blonden, lockigen Haaren. Auch ihr sitzt der Kopf direkt auf den Schultern, und sie kann ihn nur drehen, wenn sie ihren Oberkörper mitdreht.
Faustgroß ist er und ich stecke ihn in die hintere Hosentasche. Ich möchte einen Spaziergang machen. Nicht weit. Nur irgendwie raus. Der Herbstanfang schenkt uns trockene, milde Tage. Spürbar früher wird es dunkel.
Da ist eine Bushaltestelle. Verwaist. Ich hole ihn raus und reibe ihn an meinem Hemd. Etwas, was es schon immer gab. Vor allem Bio-, Vegetarier-, aus-der-Region- und Veganermist. Ein Apfel.
Rot an fast allen Stellen, wenig gelb. Ich mag es, wenn beim rein beißen süßer und saurer Geschmack um die Wette eifern.
Noch genügend belebt die Straße. Gegenüber ein Kiosk. War dieses Jahr überhaupt mein Jahr? Ich sinniere. Vielleicht kommt ja noch was beim Endspurt?
Ich habe den Apfel bis auf die Kerne aufgegessen. Für den Rest gibt es verschiedene Bezeichnungen. Warum es bei uns die „Kitsche“ hieß, weiß ich nicht. Ich werfe sie hinter das Bushäuschen ins Gras.

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