Schlagwort-Archive: Publikum

Ohne Leselust

Das mag überraschen, doch ich lese nicht mehr. Mit Lesungen bin ich erst mal durch.
Das liegt nicht daran, dass es wunderbare Lesungen gab, von denen ich heute noch schwärme.
Es liegt an jenen Lesungen, die in keiner Weise so abliefen, wie es sich ein Autor vorstellt und wünschen darf.
Der Anlass meiner Publikumsabstinenz war eine Lesung mit dazu gebuchtem „Musikprogramm“.
Während ich also las, schaute ich öfter in die Zuhörermenge. Nicht um einen verbindlicheren Blickkontakt herzustellen, sondern um zu sehen, ob die Köpfe der Gäste durch Strohballen ersetzt waren. Eine spannungsgeladene, knisternde Stimmung hätte es nämlich nur gegeben, hätte sich Stroh an Stroh gerieben …
Immer im Wechsel trat dann dieser Bursche auf. Unaussprechlicher Künstlername. Mikro. Gitarre. Verstärker mit einigen Gimmicks.
Wenn der sang und spielte, waren die Strohballen hin und weg. Man filmte ihn mit dem Handy. … einen Autor beim Lesen zu filmen – auf die Idee kam niemand. Nicht mal ich.
Sehr zu meinem Ärger kam das „musikalische Programm“ vor der Veranstaltung angepisst und behauptete, mich von irgendwo her zu kennen.
Schön für ihn. Doch kein Grund, mich in ein Gespräch zu verwickeln! Vor den Auftritten.
Am Ende hat nicht ein Hahn nach mir gekräht oder eine Henne gegluckt. Ich bekam die Gage ausgezahlt. Und ging.
Wer mich auf der Bühne vermisst – kann meine Bücher kaufen und sie lesen.

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Eingeordnet unter 2020

Ein Drabble

100 Wörter exakt und folgende Wörter müssen vorkommen: Zwetschgenkern, Messingsägespäne und Hostie. So wurde es mir von simonsegur aufgetragen. Hier ist das Ergebnis.
Man kann auch ein Event daraus machen! Indem ich das Konzept meiner real existierenden Autorengruppe Sem;kolon vorstellte und wir es alle nun bis zum nächsten Mal als Hausaufgabe zu lösen haben. ;-)
Vielleicht meine heimliche Rache dafür, dass sie mir verboten haben, einen meiner Texte auf Lesungen zu verwenden. Der, indem ein Autor sein Publikum arg verachtet … :-)

Im Oberland ist heuer der Herbst mild. Der Bub pflückt heimlich im Garten. In der Werkstatt noch Licht. Da kommt der Onkel hinaus und ruft ihn. Sein Onkel ist Metallbauer. „Hier, halt das!“ Der Alte hat ein großes Rohr in den Schraubstock gespannt und fängt an zu sägen. Der Junge hält eine Dose darunter, um die Messingsägespäne aufzufangen. Zwar kein Gold, aber man kann es einschmelzen und wieder verwenden. Vielleicht macht der Onkel aus dem Rohrstück einen Kelch oder eine Schale für die Hostie in der Kirche. „Geh! Gute Nacht!“ Der Junge antwortet nicht. Draußen spuckt er den Zwetschgenkern aus.

Foto: R. Plöger

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Eingeordnet unter 2017, Bei Sem;kolon zu Hause, Liebster Award

Jubiläumslesung

Wir. Wir Autorinnen und Autoren der Autorengruppe Sem;kolon. Wir feierten das 25-jährige Bestehen einer freien Gruppe, die noch nie von öffentlichen Geldern abhängig war, die nie einen Leiter brauchte, die sich trifft, um sich gegenseitig zu helfen bei ausschließlich selbstgeschriebener Literatur. Ich habe den Abend als sehr harmonisch innerhalb der Gruppe erlebt. Das Publikum war sehr aufmerksam, ich konnte es in meinen Parts nicht sehen wegen der Scheinwerfer. Doch wenn man auf der Bühne nichts hört, als nur den Applaus am Ende, dann glaube ich,  es hat gefallen.

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Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause, Lesung

Ruhelos

Einer meiner Freunde prägte mal den Spruch: „Melancholie ist die einzige Art zu sein.“
Ein ziemlich poetisch formuliertes Statement für einen meist prosaischen Autor und Physiker. Aber was heißt das?
Ist es ein Gefühl, das dich befällt, wenn du alles gemacht hast, was du tun konntest, aber es ist doch nicht genug?
Wenn du alles erreicht hast, was du erreichen konntest, dich aber leer fühlst?
Dein ganzer enormer Zorn nicht reicht, um es auch wirklich allen zu zeigen, zu beweisen, vom Gegenteil zu überzeugen, was immer es auch sei?
Unfähig, so tief zu stapeln, um eine Sendung bei RTL II auch nur bis zur nächsten Werbeunterbrechung zu verfolgen.
Und Schokolade mit Verachtung auf sich selbst verdrücken, den Aschenbecher absichtlich nicht leeren, zufällig vergessen, sich zu rasieren.
Ist Melancholie denen vorbehalten, die als die Macher gelten? Die plötzlich starr werden und die Sinnfragen stellen: Warum? Wofür? Und vor allem für wen?
Abends nach einer Lesung. Ich kann nicht schlafen. Adrenalin peitscht in den Venen. Eben noch im Licht der Scheinwerfer. Dem Publikum etwas für sein Eintrittsgeld, für seine Aufmerksamkeit geboten. Applaus, Trubel, Bücher signieren. Ich war Zentrum für zwei Stunden. Doch war ich bei mir?
Und nun Dunkelheit. Niemand bei mir, um es zu feiern. Oder aufzuarbeiten, wie es heißt. Schon an den nächsten Termin denkend, bevor dieser schon verdaut. Die Verzweiflung nach dem Hochgefühl. Eigentlich bin ich mir bloß peinlich. Was treibt mich an, dort oben zu stehen und mein Zeug vorzutragen?
Und so horche ich in mich, denn rufen kann ich nicht mehr. Gnädig ist, wenn die Müdigkeit siegt. Sich der Schlaf ausbreitet bis ins äußerste Glied. Sonst muss ich dem bis 24 Uhr geöffneten Supermarkt gegenüber danken für seine sortierte Schokoladenabteilung …

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Eingeordnet unter Bei Sem;kolon zu Hause, Lesung

E-Book? Für mich kein Thema.

Bevor mein drittes Buch beim sonderpunkt Verlag in den Druck geht, ein wenig dazu, warum es in der konventionellen Weise als Papierausgabe und mit einem Vertrag mit einem Verlag erscheint.
Dies mag ja manchen schon altmodisch anmuten. Denn das Zeitalter der E-Books und des Self-publishing ist angebrochen! Beim letzten gibt es schon spezialisierte Verlagssparten, die den Veröffentlichungswilligen Hilfestellung geben. Und die Branche boomt.
Meine Standardantwort auf die Frage, ob es mich als E-Book gibt, lautet: „Ja, wenn du dir die Seiten selbst einscannst.“
Vielleicht ändere ich irgendwann meine Meinung. Niemand wird aber bestreiten, dass es eine Menge absoluten Mist, Ramsch und bodenlosen Schwachsinn auf diesem Sektor gibt. Gleichzeitig haben gute, sorgfältig hergestellte elektronische Bücher ihre Anhänger. Hier gilt eben, wer mag, soll es tun. Man mag mich demnach altmodisch nennen. (Nebenbei, meine Taschenbücher sind im A6-Format, die passen zu dem E-Reader auch noch in die Jackentasche.)
Ich gebe gerne zu, ich wäre zunächst überfordert, meine Manuskripte technisch in die Formate zu bringen, die sich dann auf den vielen uns bekannten Plattformen im Internet downloaden lassen. Und sie darüber hinaus noch zu vermarkten. Geht’s noch? Ich muss mir als Autor das nicht auch noch antun! Ranking-Listen überwachen, Preise anpassen oder mal einen Gratisangebotstag raushauen. Lotto spielen ist einfacher … Nein, da brauche ich meinen Verlag. Ein fachkundiges Lektorat, die Überwachung des Drucks und einen Vertrieb, alles Dinge, bei denen sich der Autor betreut fühlt.
Trotzdem habe ich auch einige E-Books anderer auf der Festplatte. (Und sie waren allesamt erst mal futsch, als ich mit dem Betriebssystem XP nicht mehr online ging …) Den Liebhabern echter Bücher brauche ich da vom haptischen Erleben nichts zu erzählen. Auch nicht von der permanenten Platznot für all die schönen Bücher in der Wohnung. Wichtig für mich als Schriftsteller ist einfach meine persönliche Entscheidung: Es bleibt bei den Papierausgaben. In dieser Form habe ich das Lesen gelernt. Habe ich später bis tief in die Nacht geschmökert und die Warnung der Eltern ignoriert, davon bekäme man schlechte Augen.
Vieles erleichtert und verändert die immer schneller werdende elektronische Entwicklung. Auch mein Paperback käme ohne sie nicht mehr aus der Druckerei. Aber aus irgendeinem Grund ein Buch wirklich anfassen zu können, das meinen Namen trägt, ist jedoch einfach viel schöner.

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Kleine „Karriere“ bei Sem;kolon

Ich habe dies nun schon oft beobachtet, doch auch nach zwei  Jahrzehnten ist es immer noch einfach nur schön!

Jemand sucht Anschluss an eine Autorengruppe. Findet unsere Website. Traut sich zu einem Treffen.

Wenn es gefällt, kommt man wieder. Man macht mit.

Und dann flattert ein Termin für eine Lesung ins Haus. Die oder der Neue hat so etwas noch nie gemacht.

Ich? Mein Geschreibsel? Vor fremden Leuten? Oben auf der Bühne? Niemals! Aber reizen würde es mich schon. Nur, um es auszuprobieren. Aber nur dieses eine Mal!

Der Auftritt kommt. Und an dem Abend hat das Sem;kolon-Mitglied mit dem Lese-Debüt die klarste Stimme, die beste Ausstrahlung und gleich Fans gewonnen.

Darauf erhält Sem;kolon eine Einladung zum Mitmachen in einer Anthologie. Natürlich mit einem Abgabetermin. Wen muss man mit Engelszungen darauf hinweisen, dass auch sein Beitrag eine gute Chance hat? Richtig, das jüngste Mitglied der Autorengruppe.

Text erscheint dann auch in einem gedruckten Buch mit ISBN und allem, was dazu gehört.

Und heute? Stellt man die Frage „Würdest du wieder bei einer Lesung mitmachen?“, ist die Antwort: „Ja, klar!“

So sieht es bei uns aus. Aus Neulingen werden nette kleine „Rampensäue“! :-)

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Nachlese

Die Lesung BOOKJOCKEY PARTY war auf ganzer Linie ein Erfolg. Nicht nur das Publikum hatte seinen Spaß, Autor und DJ hatten auch großes Vergnügen an dieser Veranstaltung.

Wir beide haben eine große Publikumserfahrung, doch dass auf der Bühne die Chemie so gut stimmte, hatten wir uns nicht ausgemalt. Und ob das Konzept der Lesung aufgeht, wussten wir auch nicht.

Jedes persönlich abgegebene positive Feedback des Publikums endete mit dem Satz: „Das müsst ihr noch mal machen!“ Die Planungen dafür laufen schon an …

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Weihnachtsfeiern und Vorträge – oder: Alle Jahre wieder

Es ist eine schöne Sitte, wenn die Kapitalisten wenigstens ein einziges Mal im Jahr dem Produktionsfaktor Arbeit, sprich uns, so etwas wie eine Anerkennung geben. Doch meist geht auch das nach hinten los.
In Zeiten gestrichenen 13. Monatsgehalts, Weihnachtsgeld etc. kann man froh sein, wenn die alljährliche Weihnachtsfeier noch während der Arbeitszeit stattfindet. Ich denke, vielen geht es so, dass dieser Akt von german gemuetlichkeit eine Farce ist, die nur mit hohem Konsum der Bowle und anderer Alkoholika zu bewältigen ist. Was das Ganze nun mit dem Christenfest an sich zu tun hat, ist eine Frage, die man besser gar nicht stellt.
Aber jetzt mal vom Allgemeinem zu mir. Ich bekam unverhofft eine freundliche Einladung eines ehemaligen Arbeitgebers dieses Jahr doch wieder an der betrieblichen Weihnachtsfeier teil zu nehmen. Und das war nicht irgendeine Wald- und Wiesenstelle, es handelte sich um das Institut für Internet-, Telekommunikation- und Medienrecht an der Universität hier. Fünf Jahre habe ich ihnen zuerst die Bibliothek aufgebaut und dann verwaltet. Auf solchen Feiern habe ich immer etwas Selbstverfasstes vorgetragen. Wir schieden dann als Freunde. Ich denke mal, der Professor dort ist mein Fan geblieben. In der Einladung hieß es, ob ich denn nicht etwas aus meinen Veröffentlichungen vortragen möchte? Ja, möchte ich! Und für einen Abend wieder etwas eintauchen in eine etwas exklusive Welt von Juristen, die selbst die besten Anwaltswitze kennen.
Der zweite Vortrag ist zugleich ein coming out. Bei meiner jetzigen Arbeitsstelle trage ich zur Weihnachtsfeier ebenfalls etwas annähernd Weihnachtliches und Selbstverfasstes vor. Zum ersten Mal. Und so bekommen die Kollegen mit, dass ich Autor bin. Praktischerweise steht der Text im Buch „Live! Poet auf der Bühne“, so dass es dann an meiner Professionalität keinen Zweifel geben wird.
Warum all das? Weil ich überzeugt davon bin, dass meine Geschichten in einen solchen Rahmen passen. Und weil ich kapitalistisch denke. Vielleicht werden meine Bücher dadurch gekauft.

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