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Scham

Ab einem gewissen Alter muss man gewisse Dinge relativieren. Früher habe ich immer gesagt: „Ich bereue nichts!“ Dazu würde ich heute in der Form nicht mehr stehen.
Im Wintersemester 91/92 kam ich zum Studium in diese Stadt. Das Problem, ich hatte noch keine Wohnung, kein Zimmer. Wohnungsnot. Heikel. Nicht nur, dass die Vorlesungen, Tutorien und Seminare begannen, es war zum Pendeln auch einfach zu weit nach Hause. Da stellte der AStA, der allgemeine Studierendenausschuss, auf einem Parkplatz in der Fliednerstraße Wohncontainer auf. Einen Parkplatz, den es übrigens heute so nicht mehr gibt. Für 4 Mark täglich kam ich dort unter, konnte mit dem Studium beginnen und weiter auf Zimmersuche gehen. Die Atmosphäre war unter uns dort wie auf einem Ferienlager und irgendwann habe ich eine richtige Unterkunft gefunden. Soweit so gut.
Zu meinem kapitalen Fehler, ja, meinem Verbrechen, kam es, als ich in der Fachschaft meines Instituts herumlungerte. Die Studenten dort gaben eine Zeitung für Studierende heraus. Zeitung ist vielleicht übertrieben, aber immerhin. Ich weiß nicht mehr, ob ich von den anderen gefragt wurde oder ich mich selbst anbot. Vermutlich letzteres. Ich durfte einen Artikel über meine Zeit im Wohncontainer schreiben.
Ich habe diese Ausgabe aufbewahrt und mein Artikel liegt aufgeschlagen vor mir. Um Himmels willen! Warum wurde das gedruckt? Stil und Sprache sind blumig, lächerlich und ohne eine erkennbare Stringenz. Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, weshalb ich diese scheußlichen Bilder und Vergleiche benutzte. Würde das heute jemand in meiner Autorengruppe vortragen, ich hätte nicht übel Lust, ihm jegliches Talent abzusprechen.
Nun gut. Ich habe ja dazu gelernt. Damals gab es sicher eine Redaktionssitzung, an der ich nicht teil nahm, wo man beschloss, mit einem klärenden Vorwort, diesen Mist – wohl aus Mitgefühl – in die Zeitung aufzunehmen. Sie haben es wohl bereut, denn aus der Fachschaft wurde ich gemobbt.
Es ist lange her. Nichts ist ungeschehen zu machen. Doch auf diese Veröffentlichung bin ich nicht mehr so stolz, wie ich es damals war.

SAMSUNG

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Alternative Leben

Natürlich liegt das an meinem Alter. Und an zu viel Fantasie. Vielleicht auch, um meine Schwellenangst zum 50. zu kompensieren.
Betrachte ich meine bisherigen 49 Lebensjahre, gab es da einige Abbiegemöglichkeiten, wie bei Straßenkreuzungen, die, hätte ich sie genommen, mich zu einem komplett anderen Menschen gemacht hätten.
Es ist das alte „Was wäre, wenn …“-Spiel. Wie bei dieser Redensart: „Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär“.

Ich kann da im Alter von 12 Jahren anfangen. Meine Eltern schenkten mir meine erste Gitarre! Ich habe das Spielen gelernt und geübt und geübt. Es gibt ein Foto von mir, wie ich mit der Gitarre auf dem Bauch dabei eingeschlafen bin. Nur in einer Band war ich nie. Aber hätte ich den Schlagzeuger von meinem Können überzeugen können, dem ich als 17-jähriger vorspielte, vielleicht wäre ich dann Rockstar geworden: Konzerte, Plattenaufnahmen, Ruhm, Reichtum, Groupies und Drogen. Und freilich Hotelsuiten zertrümmern. Und mein Leben endete mit 27. Wie bei Jones, Hendrix, Morrison, Joplin, Cobain und Winehouse. Willkommen im Klub!
Etwas absolut normales wäre mir mit 21 Jahren passiert. Frisch aus der Lehre kommend hätte ich als Schlosser weiter arbeiten können. Vielleicht hätte ich in der Produktion an einer Drehmaschine gestanden. Oder mit dem Schweißgerät sauber Flansche an Rohre geschweißt. Es wäre ja nicht so gewesen, dass ich kein gutes Geld verdient hätte. Ich hätte eine Blondine mit großen Titten (als Arbeiter sagt man das eben so) kennen gelernt, geheiratet und zwei Kinder gezeugt. An Feierabend mein Bier getrunken. Wir hätten einen Schrebergarten gehabt, wo ich von der Laube bis zum Grill alles selbst gebaut hätte. Inklusive verschweißten nicht rostenden Edelstahl. Und jeden Mittwoch und Samstag die Lottozahlen. Bis zur Rente. Wo ich mit meiner Frau auf Kreuzfahrten gegangen wäre.
Eine andere Lebensalternative erwähne ich nur kurz. Für eine Weile, gerade als ich sehr attraktiv für das weibliche Geschlecht war, zog ich es in Erwägung, Priester zu werden. Katholischer Priester. War es Berufung oder Versuchung? Ich glaube, jeden Sonntag eine Predigt zu halten, hätte mir viel Spaß gemacht – es ist ähnlich wie eine Lesung!
Zeitlich sind wir nun bei meinem Studium. Und dabei bei der letzten Überlegung. Für meinen Studiengang hatten wir mindestens ein Praktikum zu machen. Nach dem Pflichtpraktikum war mein zweites Praktikum bei einem Radiosender. Einem Lokalradio. Zwar hatte ich keine Sendezeiten am Mikrofon, doch es war sehr aufschlussreich und ungeheuer lustig, in der Redaktion mitzuarbeiten. Raus zu fahren, um O-Töne aufzunehmen und sie Beitragsfähig zusammen zu schneiden. In dieser Zeit war das magische Wort Volontariat. Als Radiovolontär wird man als Moderator und Redakteur ausgebildet und dann fest ins Team übernommen. Als ich anderthalb Jahre später davon erfuhr, dass dort eine Stelle als Volontär frei wurde, habe ich mich beworben. Beim Radio zu arbeiten, wäre die Erfüllung eines Traums gewesen. Eigene Sendungen, davon bestimmt auch eine Musiksendung, Studiogäste und immer Top Themen. Meine Bewerbung wurde abgelehnt. Aus der Traum.

Ob ich selbst die Kurve genommen habe oder andere darüber entschieden haben, dass ich heute der bin, der ich bin – es ist ok. Ich bin kein berühmter Rockgitarrist, kein Facharbeiter in einer Fabrik, kein Geistlicher und keine Stimme aus dem Radio geworden. Und das ist schon ok. Damit kann ich leben.

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[Beitrag Nr. 350]

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