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Perspektivwechsel

Da stand sie nun an der Bushaltestelle. Im graumatschigen Schnee. Hielt die Arme verschränkt vor ihrer Brust. Im Bus fand ich einen Sitzplatz und wollte ihr zum Abschied winken. Doch sie schenkte mir keinen Blick mehr, sie schaute die Straße hoch.
Drei Stunden Zugfahrt. Umsteigen in Hamburg. Die Bushaltestelle bei ihr war nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt. Und dass sie mich begleitete, war schon ein großes Entgegenkommen. Es war so was von aus! Weihnachten, Silvester. Da waren wir bereits Fremde.
Was zu Hölle hatte sie sich von mir versprochen? Den Ersatzmann für sich und ihre Kinder zu finden? Ich? Absurd! Irgendwas war über anderthalb Jahre tragfähig. Und irgendwas beendete ihre Hoffnung. Vermutlich gab es zwei Konstanten in ihrem Leben. Einmal eine gute Mutter für ihre beiden Töchter zu sein. Und dann nicht versauern zu wollen. Meine Rolle sollte idealerweise beide Bereiche abdecken. Ihr weiteren Nachwuchs bescheren und Farbe in ihr Leben bringen. Als ich ihr einen Strich durch diese Rechnung machte, war ich gestorben.
Zwei Wochen nach der Rückkehr von meinem letzten Besuch erhielt ich einen Anruf. Sie machte Schluss.

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Simply Red, selbst gebrannt

Beim Wühlen in meinen Beständen finde ich diese CD wieder. „Der BH bleibt an!“, fällt mir dazu ein. In ihrer Handschrift steht „Simply Red best of“ drauf.
R. An sie erinnere ich mich gut. Ein paar Mal habe ich sie besucht. Weiter draußen, in ländlicher Gegend. Wo der Mietpreis günstiger ist und man mehr Wohnraum dafür bekommt. Das war in 2004, denn ich vermerke auf allen gebrannten CDs – ob sie von mir selbst sind oder anderen – die Jahreszahl.
R. war nicht von hier. Irgendwoher aus dem süddeutschen Raum, wohin sie dann auch wieder zurückgezogen ist. Sie arbeitete für die Forschung in einem Labor. Dann taten ihr die Labormäuse Leid …
R. hatte eine Conga Trommel in ihrem Wohnzimmer. Ihre 70er Jahre Folkmusik, die bei ihr lief, hat mich einmal genervt. Vielleicht hat sie mir deshalb die CD gebrannt? Um zu zeigen, dass sie auch andere Musik mochte? Oder dass sie technisch in der Lage war, eine CD zu brennen? Bei R. war ich mir als Mann nie sicher. Sollte ich sie stehen lassen oder die Initiative ergreifen? Sie schien sich immer eine Tür offen zu halten. Und zwar auch im wörtlichen Sinn. R. litt an Klaustrophobie. Sie wurde schon nervös, wenn ich aus Gewohnheit alle Türen hinter mir zuzog. Einmal hatte sie sich im Flur zwischen Wohnungs- und Haustür ausgeschlossen. Das war für sie das Schlimmste.
Das war mir nicht egal und ich mochte sie sehr. Sie war allein, ich war allein. Aber letztlich wurde sie auf der Couch zum Stopp!-Schild.
Einmal habe ich sie noch gesehen, nach ein paar Jahren. Sie rief mich an. Sie war hier auf einer Hochzeit. Bevor sie in den Zug stieg, tranken wir noch irgendwo einen Kaffee. Die Stimmung war eher wie auf einer Beerdigung. Ach, kleine R., ich hoffe, es geht dir heute gut!
Ich ordne R.s CD zu den anderen Sachen von Simply Red. Titel 16 hat einen Aussetzer.

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