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Erlebnis beim Konsumieren

Kurz was einkaufen. Ende August. Die Luft noch warm. Nach sieben. Abends noch hell, fast wolkenlos. Schnell den kurzen Weg zurückgelegt.
Im Supermarkt drei Kassen auf. Stelle mich an die mittlere hinter ein Pärchen. Sie legen Chips und Bier aufs Band. Können die vertragen. Schlanke, junge Körper, kommen gerade vom Laufen (früher hieß das Joggen). In Sportkleidung, die so exklusiv ist, dass mir die dezenten Werbeschriften auf den Stoffen nichts sagen. Sie leicht gebräunt und ihr Top lässt Sommersprossen sehen.
An der Kasse außen nun ein ebenso junger Typ, doch wohl bis jetzt noch gearbeitet, weil er das Bürohemd mit einem mir unbekannten Logo am Kragen trägt. Im Licht blitzt ein Ehering auf, als er die sportive Frau vor mir erkennt.
Sie fragt rüber: „Läuft es mit der Firma?“
Der andere: „Ja, läuft gut!“
Sie: „Ah, doch nicht kaputt gegangen?“
Er: „Nein, läuft nun wieder voll!“
„Ja, was man so auch alles von anderen hört! Ja, super. Aber Triathlon machst du nicht mehr?“
„Keine Zeit.“
Ich schaue auf die Schuhspitzen meiner alten, braunen Schuhe, die mir für so einen Kurz-Einkauf vollkommen ausreichen. Bewährt und bequem.
Ihr „ja, super“ ist eine ihrer Lieblingsredewendungen, und es ist kein Hauch einer Betonung darin.
Sie berichtet noch, dass ihre Kollegin aus der Elternzeit – ja, super – nächste Woche zurückkommt, doch nicht mehr zu ihr in ihren VIP Bereich.
Ihr Partner, der wohl ihren Geschäftsfreund nicht kennt und die ganze Zeit schweigt, bezahlt den Einkauf.
Ich bin dran. Schokolade und Tabak wechseln den Besitzer.
Vor der Tür des Supermarkts stehen die drei jetzt zusammen. So jung, dynamisch, von makelloser Höflichkeit, erfolgreich in Jobs, die ich mir noch nicht mal vorstellen kann, und ich bin froh, dass das nicht meine Welt ist.
Stellt man sich die Milchstraße nicht als Ansammlung von Milliarden Sternen in einer scheibenförmigen Anordnung mit Spiralarmen vor sondern als einen kugelförmigen Megahaufen, so sind diese Neo-Yuppies und ich am weitesten voneinander entfernt. Nicht mal ihr Studium mit ausgezeichnetem Abschluss kann so lange gedauert haben, wie die Zeit, die meine Schuhe brauchten, um zu altern … ;-)

oldshoes

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Ruhelos

Einer meiner Freunde prägte mal den Spruch: „Melancholie ist die einzige Art zu sein.“
Ein ziemlich poetisch formuliertes Statement für einen meist prosaischen Autor und Physiker. Aber was heißt das?
Ist es ein Gefühl, das dich befällt, wenn du alles gemacht hast, was du tun konntest, aber es ist doch nicht genug?
Wenn du alles erreicht hast, was du erreichen konntest, dich aber leer fühlst?
Dein ganzer enormer Zorn nicht reicht, um es auch wirklich allen zu zeigen, zu beweisen, vom Gegenteil zu überzeugen, was immer es auch sei?
Unfähig, so tief zu stapeln, um eine Sendung bei RTL II auch nur bis zur nächsten Werbeunterbrechung zu verfolgen.
Und Schokolade mit Verachtung auf sich selbst verdrücken, den Aschenbecher absichtlich nicht leeren, zufällig vergessen, sich zu rasieren.
Ist Melancholie denen vorbehalten, die als die Macher gelten? Die plötzlich starr werden und die Sinnfragen stellen: Warum? Wofür? Und vor allem für wen?
Abends nach einer Lesung. Ich kann nicht schlafen. Adrenalin peitscht in den Venen. Eben noch im Licht der Scheinwerfer. Dem Publikum etwas für sein Eintrittsgeld, für seine Aufmerksamkeit geboten. Applaus, Trubel, Bücher signieren. Ich war Zentrum für zwei Stunden. Doch war ich bei mir?
Und nun Dunkelheit. Niemand bei mir, um es zu feiern. Oder aufzuarbeiten, wie es heißt. Schon an den nächsten Termin denkend, bevor dieser schon verdaut. Die Verzweiflung nach dem Hochgefühl. Eigentlich bin ich mir bloß peinlich. Was treibt mich an, dort oben zu stehen und mein Zeug vorzutragen?
Und so horche ich in mich, denn rufen kann ich nicht mehr. Gnädig ist, wenn die Müdigkeit siegt. Sich der Schlaf ausbreitet bis ins äußerste Glied. Sonst muss ich dem bis 24 Uhr geöffneten Supermarkt gegenüber danken für seine sortierte Schokoladenabteilung …

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