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Fatal einseitig

Es fiel im erst nach einer guten Weile auf. Der Tag war schön, die Sonne schien, seine Laune war gut. Nachdem er im Schwimmbad ein paar Züge geschwommen, getaucht und das Sprudelbecken genutzt hatte, fühlte er sich frisch und motiviert, steckte sich eine Fluppe zwischen die Lippen und stieg aufs Rad. Den direkten Weg nach Hause wollte er nicht fahren, er ließ sich treiben. Im Kreisverkehr merkte er, dass etwas mit dem Fahrrad nicht stimmte. Er konnte damit nur noch links abbiegen …

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Leseprobe # 2

In unserer Autorengruppe Sem;kolon stellen wir uns für den nächsten Abend immer eine „Hausaugabe“. Der Grund ist, falls jemand partout nichts einfallen will, hat er ein Stichwort, welches ihm Ideen liefern kann. All das ist freiwillig.
Um ein Stichwort zu finden, haben wir schon die Bedienung unseres Trefflokals gefragt, den Finger auf eine Seite einer herumliegenden Süddeutschen getippt oder neue Sem;kolon-Interessenten in die Pflicht genommen. Dieses Mal haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen.
Jeder brachte ein Jugendfoto von sich mit, Altersbegrenzung zwischen 13 und 17 Jahren. Im geheimen Losverfahren bekam jeder von uns ein Foto eines anderen. Und was uns dazu einfällt, darüber sollten wir schreiben. Hier meine Lösung der „Hausaufgabe“.

 

Ein Schuss entfernt

 

Klick! Ob das Foto etwas geworden ist? Sie legt die Leica neben sich auf das Handtuch, das sie im Schatten nicht weit vom Schwimmbecken ausgebreitet hat.
Ihr Opa hat sie beiseite genommen, als sie in die 11. Klasse gekommen ist.
„Jetzt, wo du in die Obersekunda gekommen bist, sollst du etwas haben, was dir viel Freude machen wird!“ hat er zu ihr gesagt. Dann hat er ihr die Leica gezeigt und erklärt.
Sie wusste, ihr Großvater ist viel gereist und hat interessante Fotos für Zeitungen und Illustrierte geschossen. Als er in Korea war, hat er damit aufgehört. Warum, das wusste sie nicht.
„Wenn du sorgfältig damit umgehst und gut auf sie aufpasst, hast du dein ganzes Leben was davon“, sagte er ihr noch mit leuchtendem Blick.
Als 15-jährige fand sie sein Geschenk überhaupt nicht spannend. Viel lieber hätte sie einen Walkman gehabt, wie einige Mädchen in ihrer Stufe. Und die ersten Aufnahmen waren nach der Entwicklung mehr als bescheiden. Opa ließ nicht locker. Er zeigte ihr seine Fotos, erzählte, wie sie entstanden sind, und was die Kamera dabei leisten konnte. Dabei ist wohl was übergesprungen, denn die Leica war nun immer dabei und geladen.
So auch an diesem ungeheuer trägen Sommertag. Sehr warm. Das Abitur bestanden ist es höchste Zeit, an die Zukunft zu denken. Nur nicht heute! Der einzige Ort des Überlebens ist das Schwimmbad bei ihnen, nur ein paar Minuten mit dem Rad entfernt.
Allein ist sie gekommen, ihre beiden Freundinnen haben abgesagt. Sie haben ihre Tage. Gleichzeitig? Es ist so heiß, dass sie nicht nachrechnen kann. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ihre beiden besten Freundinnen sie belügen.
Das Foto, das sie gerade gemacht hat, ist ein Auftragsfoto. Seitdem sie hier ist, wird sie Horst nicht los. Ausgerechnet der! Der schmale Bursche mit der großen Klappe. Sein gewinnendes Grinsen hat auf sie keine Wirkung. Sie kennen sich von der Schule. Zuerst will er ihr ein Eis spendieren. Dankend lehnt sie ab. Er sieht ihren Fotoapparat und prahlt damit, dass er schon mit einer Ritschratsch Agfa-Pocket fantastische Aufnahmen gemacht hat. Wer’s glaubt. Dann soll sie seinen tollen Hechtsprung ins Becken aufnehmen. Meinetwegen. Da hat sie ihn wenigstens von der Backe.
Sie würde zur Abkühlung auch gerne ins Wasser gehen, doch Horst ist schon wieder da und quasselt ohne Punkt und Komma. Ihr wird es schließlich zu bunt wie ein Foto mit Farbstich, legt die kleine Leica in ihre Tasche, steht auf und geht zum Schwimmbecken. Horst natürlich hinterher. Als er schnallt, dass sie ins Wasser will, springt er noch mal cool ins H₂O. Sie lächelt. So lange er unter Wasser ist, beeilt sie sich, an eine andere Stelle des Beckens zu kommen, um dann langsam ins kühle Nass zu steigen. Voll geil! Sie schaut in die Richtung, wo Horst auftauchen muss und nach ihr Ausschau halten wird. Dabei merkt sie nicht, wie in ihrer Nähe ein paar Jungs damit anfangen, einfach alle, die sich nicht wehren können, zu döppen. So wird auch sie von hinten unter Wasser gedrückt. Schreck und Atemnot bringt sie in Panik. Sie weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, es ist nur mit einem Mal vorbei, sie schießt über den Wasserspiegel, prustet und ringt nach Luft.
Horst brüllt die feigen Jugendlichen an.
„Ihr Penner! Macht das ja nicht noch mal! Der Bademeister ist mein Onkel, ein Wort von mir, und ihr habt hier Platzverweis!“
„War ja nur Spaß“, meint einer von ihnen, schon ziemlich kleinlaut.
„Spaß?“ Horst läuft zur Höchstform auf. „Auf diese Weise ist letztes Jahr ein Kind umgekommen! Und jetzt will ich euch nicht mehr sehen, ihr ätzenden Idioten!“
Eine Weile starren sich die Assis und Horst noch an, dann geben die Typen nach und steigen aus dem Becken.
„Danke Horst“, sagt sie. Sie lässt sich von ihm aus dem Becken helfen.
Noch etwas benommen setzt sie sich auf ihr Handtuch.
„Ich wusste nicht, dass dein Onkel hier Bademeister ist.“
„Ich auch nicht“, sagt er. Sie lacht laut und bekommt sich fast nicht mehr ein. Sie findet, er hat ein gewinnendes Grinsen.

Ihr ist bei den Umzugsvorbereitungen wieder das Foto in die Hände gefallen. Von ihrem Mann, der in das Schwimmbecken springt. Als er noch nicht ihr Mann war. Aber da hat alles angefangen. Übrigens hat Horst damals ihre beiden Freundinnen mit viel Eis mit Sahne bestochen. Alles geplant, nur nicht das mit den fiesen Jungs … Es war ihr erstes Auftragsfoto, erinnert sie sich. Bis zur Geburt der ersten Tochter hat sie mit der Fotografie Geld verdient. Danke Opa, wenn Du gerade vom Himmel runterschaust! Jetzt zieht die Familie in ein Haus, wo dann endlich mehr Platz für alle ist – die gute, handliche Leica kommt selbstredend mit – und wo Horst dann hoffentlich wieder öfter sein gewinnendes Grinsen zeigt. Sie seufzt, sucht einen Bleistift, dreht das Foto um und schreibt: Auftrags-Nr.: 1, Kunde: Horst Köhlers, Bezahlung: erfülltes Eheleben und die drei liebsten Kinder, die sich eine Mutter wünschen kann.

 

©hristoph Aschenbrenner; © Christoph Aschenbrenner

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Foto: Privatbesitz mit freundlicher Genehmigung

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Randnotiz zum neuen Buch

Über Herkunft, Interpretation und Bedeutung einer Textstelle

In der Straße, in der ich wohne, kommt eine Buslinie durch. Früher war es so, dass ab einer bestimmten Zeit, bevor der Busverkehr für die Nacht eingestellt wurde, der Bus hier bei mir vorbei kam, oben am Schwimmbad drehte und wieder zurück fuhr.
Wenn ich also in der warmen Jahreszeit bei geöffneten Fenstern abends am Schreibtisch saß, nahm ich wahr, wie der Bus ankam und nach einer kurzen Zeit hier wieder vorbei rollte. Innerlich habe ich immer darauf gewartet, dass er aus der Kehre zurückkommt.
Heute haben sie das geändert. Es gibt andere Fahrpläne, Streckenführungen und zusätzliche Linien, die nachts verkehren. Und das alte Schwimmbad mit dem Parkplatz wurde auch abgerissen.

Im Text „Städtestorys“ aus dem neuen Buch kommen auch Busse vor, die nebenbei am Ort des Geschehens vorbei fahren. Vielleicht dachte ich beim Schreiben, das ist einfach ein nettes atmosphärisches Beiwerk, Leute die in Städten wohnen, kennen dieses Geräusch einfach. Denn diese öffentlichen Verkehrsmittel haben keine Bedeutung für den Fortgang der Geschichte. Wirklich nicht?

Tatsächlich fährt der Protagonist von „Städtestorys“ ausschließlich Fahrrad. Ihn und somit auch dem Leser fallen nur Busse in der Straße auf, wenn er bei einer Frau ist, in der er sich verliebt, und am Ende sind sie fest zusammen. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg …

Also warum habe ich als Autor dort die Busse eingebaut? Fragt man sich, wozu man Busse benutzt, wird es vielleicht klarer. Oft, um zur Arbeit und zurück zu pendeln. Aber auch, um mit dem Bus zum Bahnhof zu kommen, sein Gepäck mitnehmen zu können, und eine Reise zu starten. Also meist weg vom Gewohntem, Vertrautem, aus Neugier oder Notwendigkeit, weil einem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Eben dort, wo es nicht so ist, wie es immer ist. Doch der „Held“ in meiner Geschichte kann dies nicht. Er ist wie gefesselt an ein und denselben Ort, er schleppt eine traumatische Erfahrung mit sich herum, und bevor er damit nicht ins Reine kommt, würde es ihn auch nichts nützen, den Bus zu nehmen und abzuhauen. Und so wird aus einer Andeutung am Rande eine facettenreiche Geschichte, ohne dass ich mich groß darum bemühen musste.

Erscheinungstermin des Buches soll im August oder September dieses Jahr sein.

http://www.c-aschenbrenner.de/

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