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Ein Tag auf der Arbeit

Dieser Beitrag ist überflüssig. Er will von meinem ersten Arbeitstag nach Krankheitsausfall berichten, doch bitte nur lesen, falls Ihr gerade nichts anderes zu tun habt. Das Laber-Gen, welches ich habe, erfüllt auch puren Selbstzweck. Bisous Vorschlag, mich „berufstätiger Autor“ zu nennen, gefällt mir immer mehr.
Heute Morgen habe ich um 7:30 Uhr das Haus verlassen, was ich als sehr gutes Zeichen werte, denn so habe ich wenigstens nicht verschlafen … Ich muss drei unterschiedliche Buslinien erwischen. Ich arbeite in einem Stadtteil weit draußen. Wenn die Linie 9 zu spät an einer bestimmten Haltestelle ankommt, kann es vorkommen, dass ich die Linie 6 knapp verpasse. Das ist eingeplant – aber bei diesem Frost äußerst unangenehm! Heute Morgen hat alles geklappt, dennoch hätte man mich zum Zaunpfähle einschlagen benutzen können, so verfroren war ich …
Es muss schon etwas mit mir nicht stimmen, wenn ich nicht wie folgendermaßen den üblichen Auftritt hinlege. Ich setzte mein liebstes Guten-Morgen-hier-ist-der-Chef-Lächeln auf, grüßte unten jeden, der mir vor die Flinte kam, und rauschte die Treppe hinauf. Die meisten grüßten zurück. Die wenigen waren so in ihre Aufgaben vertieft, dass sie lediglich meinen Luftzug spürten. Als sie aufschauten, war ich schon oben, wo mein deutliches „Morgen, Jungs!“ die Abteilung erfreute.
Hier eine kleine Erklärung. Oben in der Abteilung werden Computer, Laptops und Handys repariert. Ein reiner Männerjob, das hat sich eben so ergeben. Und Chef von irgendetwas bin ich natürlich nicht. Ich tue so, weil es kaum ältere Personen in dem Laden gibt als ich, auch mein direkter Gruppenleiter ist viel jünger.
Ich durchschritt die Computerwerkstatt und kam ins Allerheiligste. Dem etwas kleineren Raum für Programmierungen. Heute Morgen war ich der erste. In aller Ruhe schälte ich mich aus meinen Winterklamotten und hing den Mantel weg. Mein Rechner. Mein heiliger Rechner schien so auszusehen, wie ich ihn verlassen hatte. Mein Rechner ist in Wirklichkeit der meines Teamkollegen, der viel mehr Arbeitserfahrung und Programmierkenntnisse hat als ich. Allerdings ist er ein Jahr jünger, was heißt, er darf mir ruhig alles beibringen, muss sich aber auch mein Laber-Gen gefallen lassen. Doch da kann er gut mithalten …
Mir fällt gerade auf, dass ich ziemlich auf mein Alter herumreite. Die Späßchen, die ich treibe, konnte ich jedoch schon in jüngeren Jahren …
Da war ich nun allein, hatte Ruhe, draußen versteckte sich die aufgehende Sonne hinter Nebel und Kälte und ich fuhr „meinen“ Rechner hoch. Das machte er brav bis er eine Password-Eingabe forderte. Na super! Kaum war man hier zwei Wochen weg, sicherten sie mir „meinen“ Rechner mit einem Password vor mir ab. Es war vorher jedenfalls nicht da. Ich wusste sofort, wer’s eingerichtet hatte, und versuchte es zu knacken.
In dem Moment kam mein Teamkollege und erlöste mich und nannte mir das Zauberwort. Da sagte ich mir, läuft doch alles rund heute. Für private Sachen war wenig Zeit, denn ich sollte SQL-Datenbanken installieren. Es blieb trotzdem genug Zeit, den anderen dabei zu zuhören, welche Keyboards und Synthesizer für welche Zwecke geeignet wären, und wie man nach den Ursprungsmodellen googelte und nach den besten der besten heutzutage mit astronomischen Preisen. „88 Tasten!“ habe ich mir gemerkt … Am Ende kam die Idee auf, eine Band zu gründen, die Pink Floyd Musik spielen sollte. Mein Teamkollege am Schlagzeug, ein anderer am Keyboard und ich an der Gitarre. Bevor wir die Welttournee planen konnten, war leider meine Arbeitszeit um und ich trat den Heimweg an.
Ich arbeite vier Stunden. Vielleicht würde manche einer sagen, dass es sich dafür nicht lohnt, aufzustehen. Aber besser so als garnix!
War es Erschöpfung, die Kälte oder eine total langsam arbeitende Behörde, von der immer noch keine Post kam, zu Hause fehlte jeder Funke Leben in mir. Dennoch musste dies raus. Vom berufstätigen Autor. Es gäbe so viel mehr zu sagen, doch der Beitrag ist hier zu Ende.

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Foto: Tim T.

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Aus einem Milieu

Mit 18 rannte ich in Krefeld rum.
War Sänger in ’ner Luftgitarrenband.
Mein Vater nahm mir das immer krumm,
ich sollt ’s doch besser ham als er.

Wir malochten in der Fabrik bis vier.
Und der Meister schimpfte von früh bis spät.
Für meinen Wagen habe ich Breitreifen bestellt.
In uns’rer Kneipe ging drauf die letzte Mark für Altbier.

Es gab so viele Mädchen zu küssen.
So schöne hast du noch nicht gesehen.
Man legte den Gang rein
und schon fing an die Motorhaube zu vibrier’n.

Jetzt sitz‘ ich hier, bin etabliert,
und schreib mit Pentium 4,
ein Lamento über meine Vergangenheit,
damit ich den Frust verlier‘.

Ich hab ’nen Vetrag mit ’nem Verlag
und man nennt mich intellektuell.
Mein Vater wär‘ tierisch stolz auf mich,
hätt‘ er ’s noch mit erlebt.

Doch ich will zurück in den Dschungel,
wo die Aufrechten und Tapferen überleben.
Als Asphaltjunkie fahr’n bis die Sonne aufgeht.
Und wiederfinden, was ich einst verlor.

Ich will zurück in den Dschungel,
ich will zurück in den Dschungel,
ich will zurück in den Dschungel,
denn Liebe geht nicht ohne Verlust.

(©hristoph Aschenbrenner frei nach M. M.-W.)

Das ist mir so ‚raus geruscht‘ als mir simonsegur „Auf eine fett-fröhlich-baggerlose-kreativstarke 17!“ wünschte … ich habe erst gar nicht geschnallt, was er meinte.

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Berge und Meer

Am Meer war ich mehrmals. Unverbauter Horizont. Kann schnell öde werden. Ich habe die Berge noch nicht gesehen. Weder die Alpen über- noch durchquert. Ich muss da auch nicht daran rumklettern. Nein.
Was ich schon immer liebte, war die Tiefebene. Ganze Landstriche auf einem Niveau. Wo ein Findling im ordentlich gepflegten Vorgarten Aufsehen erregt.
Ich wuchs auf dem flachen Land auf, später wechselte ich ein paar Breitengrade weiter nördlich und hatte Aussicht satt. Sofern nicht verbaut.
Früher konnte ich bei uns im oberen Stockwerk am Fenster stehen und sehen, wann mein Vater Feierabend hatte. Hinterm Fabriktor stieg er aufs Rad und radelte heim. Das waren gut sechs bis sieben Kilometer. Natürlich nur, wenn kein Nebel war. Oder die Bauern nicht ihre Felder düngten, wobei sich die Sonne weigerte, bis zum Boden zu scheinen.
Während ich auf meinen Vater sehnsüchtig wartete, konnte man große Industriewerke weit entfernt an ihren Schornsteinen und den Wolken erkennen, die sie ausstießen. Schwermetall.
Klar, Kirchturm bei uns mit Uhr. Und schräg gegenüber der kleine Zeitungs- und Kurzwarenladen, von dem ich wusste, dass das neue YPS-Heft angekommen war.
Unser Stadtteil war ein wenig isoliert. Vom Stadtzentrum durch einen Gürtel Felder getrennt. Aber die Trasse der Straßenbahn führte schnurgerade in unseren Ortskern. Und mein Papa radelte daran entlang. Auf einer breiten Straße mit Radwegen. Jeden Tag. Manchmal auch samstags. Als ich ihn mal fragte, warum er nicht die Straßenbahn nehmen möchte, sagte er mir: „An der Haltestelle warten ist langweilig. Da weiß ich nicht, was ich machen soll außer rauchen.“
Es gab nur eine Ausnahme, bei der mein Vater in die Straßenbahn stieg. Im Winter, wenn es morgens noch lange dunkel, und es aussah als falle der Schnee aus den Straßenlaternen. Wenn er als kräftiger und zäher Mann nicht mehr durch die Schneewehen fahren konnte. Oder bei spiegelnder Glätte und es genauso gefährlich war, die Glätte nicht zu sehen.
Ich überlege mir heute, dass mein Vater, der sein Fahrrad pflegte und liebte, sein Geld vielleicht lieber sparte, als jeden Tag ein Ticket zu lösen.
Als er da war, wir Kinder und meine Mutter ihn herzlich begrüßten, als wäre er für Monate weg gewesen, hat er mir die zweimarkfünzig für das YPS-Heft spendiert.

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Gequält

Die Hände zittern. Mein Magen brüllt mich an. Ich habe diese Nacht gelitten – an Schlaflosigkeit. Früh morgens, dann wird es erst kalt. Als ich doch noch schlafen wollte. Als ich da lag, mit Wirrnis in den Gedanken, mich umdrehte zum Fernseher, ob ich ihn nicht ausgeschaltet hätte, und dabei feststellen musste, dass durch die Ritzen der Rollladen schon der Tag anbrach.
Gestern war draußen Halloween. Ich habe mir ein wenig Musik aufgelegt. Dann rüber zum Netbook. Endlich war es möglich, einige Programme zu installieren. Bei einem davon hatte der Virenscanner sein Veto eingelegt. Als ich bei Facebook nicht mehr in der Lage war, neue Bilder aufzunehmen, wieder aufs Bett gelegt und Musik an. Doch die war zu laut zur vorgerückter Stunde. Statt dessen ins Bad. Mindestens fünf Tage habe ich mich nicht mehr rasiert. Um 3 Uhr morgens war der richtige Zeitpunkt …
Ich schickte eine SMS an einen Nachtvogel. Die Antwort war kryptisch. Vors TV. Bei 3Sat etwas abgefahrenes aus Österreich. Eine charmante Show um einen „österreichischen Kaiser“ mit viel Schmäh. Entweder man ekelt sich dabei oder fühlt sich unterhalten. Als ich damals Wien besuchte, hätte ich da bleiben sollen …
Ich habe gelesen, Heinrich Bölls Rauschmittel wäre viel schwarzer Tee gewesen. Während der Tee zog, leerte ich ein paar Aschenbecher. Eine weitere SMS blieb unbeantwortet. Ich war vollkommen sorglos. Morgen würde Feiertag sein. Ich wusste noch, wie es einmal an einem 1. November war. Draußen waren 20 Grad. 20!
Nun scheint die Sonne hier rein. In der Straße Feiertagsruhe. Ich bin nicht müde.

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Silvester (Er 2)

Hochsommer. Er sitzt an der Bushaltestelle auf dem Platz zwischen dem Museum und dem germanistischen Institut. 100 Jahre fühlt er sich alt. Gegenüber ein Café, darunter Tiefgarage und die Haltestelle, wo er eigentlich in seinen Bus steigen könnte, um nach Hause zu fahren. Aber er will nicht. Gestern hat ihn jemand auf 39 geschätzt. Ha! Schulkinder kommen vorbei, unterdrücken ihr Kichern. Er setzt die Sonnenbrille auf. Glupschaugen. Heute macht der Regen Pause und die Hitze drückt sich an die Wände der Gebäude. In ihm ist es leer. Zu Hause ist es leer. Morgen hat er Geburtstag. Es wird ein leerer Tag. Mit starrer Miene zündet er sich eine Zigarette an. Ein Bus hält, Leute steigen aus und Leute steigen ein. Der Fahrer gibt Gas und das Fahrzeug verschwindet. Er fühlt sich wie in der Mitte von irgendwas. Zwischen Gut und Böse. Zwischen Trauer und Hoffnung. Morgen gibt es kein Zurück mehr, dann ist er ein alter Sack. Wenn es stimmt, dass man so alt ist, wie man sich fühlt, dann ist er heute schon uralt. Er steht auf. Schnippt die Kippe weg. Klopft die Asche von seiner Hose. Geht rüber, um nach Hause zu fahren. „Dann gehe ich es an“, denkt er. Auch den morgigen Tag wird er überleben.

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Unberührt

Ich stehe am Fenster. Die Radfahrer, die Fußgänger, die Autofahrer. Sie könnten meine Freunde sein. Sie sind es nicht.
Die Namen vor den Zahlen im Telefonbuch. Jemand könnte meine Liebste sein. Aber es ist nicht so.
Den Tag verbracht als Fremder. Und wenn die Sonne hintern den Dächern sinkt, allein ins Bett.
Manchmal ist es schwer, sich selbst auszuhalten. Und das Spiegelbild unerreichbar fern.

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Clouds high as mountains

SAMSUNG

Ich bin kein Meteorologe. Ich konnte mich heute bei knapp über 20 Grad an den Wolken nicht satt sehen. Sie schienen leicht und wie Schleier zu sein. Ich fand es ungewöhnlich, dass sie unerreichbar hoch hingen und daher die Sonne ungehindert durch ließen. Anscheinend fällt so was wieder nur mir auf.

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Fatal einseitig

Es fiel im erst nach einer guten Weile auf. Der Tag war schön, die Sonne schien, seine Laune war gut. Nachdem er im Schwimmbad ein paar Züge geschwommen, getaucht und das Sprudelbecken genutzt hatte, fühlte er sich frisch und motiviert, steckte sich eine Fluppe zwischen die Lippen und stieg aufs Rad. Den direkten Weg nach Hause wollte er nicht fahren, er ließ sich treiben. Im Kreisverkehr merkte er, dass etwas mit dem Fahrrad nicht stimmte. Er konnte damit nur noch links abbiegen …

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