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Ein Drabble

100 Wörter exakt und folgende Wörter müssen vorkommen: Zwetschgenkern, Messingsägespäne und Hostie. So wurde es mir von simonsegur aufgetragen. Hier ist das Ergebnis.
Man kann auch ein Event daraus machen! Indem ich das Konzept meiner real existierenden Autorengruppe Sem;kolon vorstellte und wir es alle nun bis zum nächsten Mal als Hausaufgabe zu lösen haben. ;-)
Vielleicht meine heimliche Rache dafür, dass sie mir verboten haben, einen meiner Texte auf Lesungen zu verwenden. Der, indem ein Autor sein Publikum arg verachtet … :-)

Im Oberland ist heuer der Herbst mild. Der Bub pflückt heimlich im Garten. In der Werkstatt noch Licht. Da kommt der Onkel hinaus und ruft ihn. Sein Onkel ist Metallbauer. „Hier, halt das!“ Der Alte hat ein großes Rohr in den Schraubstock gespannt und fängt an zu sägen. Der Junge hält eine Dose darunter, um die Messingsägespäne aufzufangen. Zwar kein Gold, aber man kann es einschmelzen und wieder verwenden. Vielleicht macht der Onkel aus dem Rohrstück einen Kelch oder eine Schale für die Hostie in der Kirche. „Geh! Gute Nacht!“ Der Junge antwortet nicht. Draußen spuckt er den Zwetschgenkern aus.

Foto: R. Plöger

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Leseprobe # 7

Dieser Text wurde in einer Zeitschrift und für eine Weile auf der Facebook-Seite der Autorengruppe Sem;kolon zusammen mit dem Bild „Fernlicht“ veröffentlicht. Ich erhielt dafür die Erlaubnis von Hanno Karlhuber selbst, dem Maler des Bildes. Er ist Vertreter des magischen Realismus und wohnt in Wien. Auf dem Ölgemälde ist eine nächtliche Landstraße zu sehen, die vom Fernlicht eines Autos ausgeleuchtet wird und zwar aus der Sicht des Autofahrers.
Mein Text kam dann in mein erstes Buch beim sonderpunkt Verlag, in „Ultraviolett – 14 Momentaufnahmen aus unbestimmten Tiefen“.

Übrigens nehme ich gerne wieder Vorbestellungen für mein neues, viertes Buch entgegen!
(4,90 €, portofreier Versand in Deutschland.)

Schlaflosigkeit

Kasernenton in der Fabrik. Am Schweißtisch kriecht die Zeit zwischen Beschimpf des Meisters und derben Scherzen der Kollegen.
Er wird einfach nicht zu Stahl und Hydraulik nicht sein Inneres.
Essen wartet immer im Kühlschrank, von der Mutter gemacht. Zuhause fremd und groß gemusterte Tapeten. Er geht seinem Vater aus dem Weg.
Wieder in den Wagen rein und fahren. Die Freundin lernt für das Abitur. Er hat keine Ahnung von Kurvendiskussion. Er will ihre Kurven spüren. Sie haut ihm auf die Finger.
In die Kneipe. Ein Bier mit ’nem Kumpel. Er will nicht nach Haus. Er ist noch nicht müde.
Morgen früh ruft die Werksirene. Unwichtig. Leben will er jetzt. Hat keine Ahnung, was das ist – Leben. Es gehört ihm nicht.
Auf der Flucht vor dem Schlaf, im aufgemotzten Käfer durch die Nacht über Landstraßen. Mit Fernlicht Kilometer um Kilometer. Allein. Die Cassette wieder umgedreht.

©hristoph Aschenbrenner

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Ein Einsprecher

Gestern habe ich im Studio meinen Text Zwischen einem Mann und einer Frau (hier am Montag, 21. November 2016, als Beitrag veröffentlicht) eingesprochen. Oder aufgesprochen. Na, jedenfalls ins Mikro gepustet.
Für mich war das eine spontane Angelegenheit. Ich hatte nur vor, der weltbesten Tontechnikerin Christine einen USB-Stick zu geben. Und dabei ist sie nicht bloß eine Reglerschieberin und Cutterin, sie ist Medienpädagogin.
„Hast du den Text dabei?“ fragt sie.
Ja. Zufällig. Ich wollte ihn für die Autorengruppe kopieren. Dann fällt mir ein, dass sie ihn haben wollte, weil sie einen Beitrag über unsere Weihnachtsmärkte hier macht. Hat sie ihn überhaupt zu Ende gelesen?
Ok, dann wird der Besuch bei Christine eben länger.
Ich bitte um eine Flasche Mineralwasser. Richtige Postion vor dem Mikrofon einnehmen. Vorlesen üben. Sie stellt den Aufnahmepegel ein. Und los!
Schön, sich selbst wieder über die Kopfhörer zu hören. Tief und laut. Aufnahme beendet. Job getan? Nein.
Sie findet das Ende des Textes ok. Inhaltlich passt alles. Aber wo ist der Christoph, den sie kennt? Ich schleppe mich ja gerade zu durch. Als seien die Gesichtsmuskeln paralysiert, gelähmt.
Ich höre mir das alles ruhig an. Dann gehe ich auf dem verkackten Weihnachtsmarkt draußen ein paar Zigaretten durchziehen.
Ich gehe wieder nach oben und Christine und ich machen ernst. Nach einem zweiten Durchgang ist sie zufrieden.
So wird am nächsten Freitag in der Bürgerfunkzeit des Lokalradios eine Sendung sein, in der man mich dann hören wird. Ich weiß nicht mal, welche Sendung das ist, aber meine Stimme hört man aus tausend heraus …

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Leseprobe # 6

Mancherlei Stichworte unserer Autorengruppe sind eine Herausforderung. Stichworte nehmen wir, um in irgendeiner Form beim nächsten Treffen einen selbstgeschriebenen, literarischen Text mit zu bringen. Das nennen wir Hausaufgaben, sie sind natürlich freiwillig. Sinn des Ganzen ist, im Schreibfluss zu bleiben, so wie Musiker ihre Fingerübungen praktizieren.
Die Hausaufgabe, die ich heute vorstelle, entstand durch das Stichwort „Banane“. Wir haben einfach die Kellnerin überfallen, als sie zu uns an den Tisch kam. Sie sollte das erste Wort nennen, das ihr ohne Nachzudenken in den Sinn kommt.
Ich werde es vielleicht auf der nächsten Lesung verwenden.

Möchten Sie diese Datei wirklich unwiderruflich löschen?

Banane? Banane! Banane. Da zündet nichts. Kein Funke springt über. Vollständig ideenlos.
„Banana Republic“ – einer von zwei Hits, den die Boomtown Rats hatten. Hört sich heute so an, als hätten sie den Gesang in normaler Tonbandgeschwindigkeit aufgenommen, jedoch beim finalen Mix schneller laufen lassen … Zu Beginn der 80er Jahre die Bundesrepublik als Bananenrepublik zu bezeichnen, hat Birne ganz schön sauer gemacht. Obstsalat. Helmut die Birne. Es konnte einen vor Gericht bringen, wenn man auf sein Auto kleben hatte: „Soldaten sind Mörder.“ Hatte ich je etwas auf meinem Auto kleben? Ich glaube nur die Passierplakette für den Campingplatz in Westkapelle. Und tote Tierchen.
Ein Anruf bei einer Freundin in Sachsen. „Sag, was fällt dir zu Banane ein?“ Sie meint: „So was hatten wir nicht. Höchstens als Bückware.“
1946 oder 1947. Von einem der alliierten Soldaten bekommt ein neunjähriges deutsches Mädchen eine Banane geschenkt. Sie probiert sie. Der Geschmack ist furchtbar und viel zu süß! Heimlich versteckt sie die Gabe unter Trümmern und lässt sie liegen. Dieses Mädchen wurde meine Mutter und mag inzwischen Bananen …
Gehen wir noch weiter zurück. Was war die Bananenschale in alten Slapstick-Filmen ein beliebtes Requisit! In den schwarzweiß Stummfilmen, die noch mit der Hand gekurbelt werden mussten. Da kommt ein angeberischer Erwachsener an und schimpft die kleinen Strolche aus – eine Bananenschale bringt die Welt in Ordnung und den Mann zu Fall.
Nun, ich hatte heute nur einen Apfel. Bananen hab ich grad nicht da. Es kostet einige Tage, sie genießen zu können, im Supermarkt sind sie in der Regel noch grün. Wir können eine Raumsonde ins All schicken und davon ein Landegerät auf einen Kometen abwerfen, doch dass Bananen reif zu kaufen sind, vermögen wir nicht.
Übrigens, ich habe Bedenken, einen Text darüber zu schreiben, wie schwer es ist, einen Text zu schreiben. So erwähne ich nicht die berühmte Banane von Andy Warhol auf einem Plattencover, und ich spare mir den Kalauer, warum eine Banane krumm ist … und … und …
Ich werde den Text jetzt löschen …!

©hristoph Aschenbrenner

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Leseprobe # 5

Dies hier gehört zu meinen ersten Veröffentlichungen. Es war in einer Anthologie. Es wurden Texte von Autoren gesucht, die noch nicht bekannt waren. Ich finde es frappierend, wie ich mich immer noch darin wiederfinde. Nach all den Jahren …

(ohne Titel)

Ich liebe es, wenn die Uhren zeitlos ticken,
sich die Wirklichkeit an Wänden plattdrückt,
wie an Schaufensterscheiben,
Wänden aus meterdicker Sinnlichkeit.
So bette ich mein Haupt auf Träume,
bedecke mich mit Sanftmut,
lausche dem Plätschern der Heiterkeit.

Fliehe vor der Melancholie,
die abends von der Decke tropft.
Süß-sauer schmeckt die Einsamkeit. Nach
Trostlosigkeit bei Qualm
und schalem Bier in billigen Kneipen,
steigst du die Stufen in engen Treppenhäusern,
wo der Putz von den Wänden fällt, auf der
Suche nach irgendwo.

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Der Wunschtext

Hallo! Nun ist er mir in die Tastatur geflossen, der „Wunschtext“! Statt bloß ein Wort zu nehmen, habe ich alle vier Vorschläge eingearbeitet, die mir in die Kommentare geschrieben wurden, als ich nach einem Stichwort fragte, als ich nicht wusste, worüber ich schreiben soll. Ich hoffe, jede und jeder, die oder der einen Vorschlag gemacht haben, fühlen sich ausreichend repräsentiert! ;-) Einzig, einen Titel habe ich dafür noch nicht …

Wunschtext aus „Katze“, „Diskriminierung“, „Single“, „ein Vegie-Vampir im Dunkeln“:

Am Montag war die Vollmondnacht. Heute Morgen an der Bushaltestelle auf dem Weg zum Job war am einen Straßenende die Sonne aufgegangen und am anderen stand groß, klar und noch fast rund der Mond am Himmel. Er hoffte, dass sich mit dem abnehmenden Mond einige Probleme von selbst erledigen. Wie Schlaflosigkeit, Gereiztheit, verstärktes Rauchen und Putzwut.
Die Praktikantin bei der Arbeit, die leider diese Woche ihren letzten Tag hat, hatte ihn auf das Thema überhaupt gebracht. Mondphasen und Befindlichkeit. Sie schien sich auszukennen. Es soll ja so weit gehen, sich beim Fenster putzen nach dem Mondkalender zu richten.
Was ihn angeht, hatte er sich vor dem Scheibenwaschen erfolgreich drücken können und wie voll der Mond war, war ihm auch entgangen. Er sah weder Nachrichten im TV noch hörte sie im Radio, hatte keine Zeitung abonniert oder surfte im Internet danach. Er hat ja Kollegen.
Alles, was er wissen muss, hört er nebenbei in ihren Gesprächen. Er ist nicht unbeliebt. Und er ist der Älteste. Sein Wort zählt. Dabei schätzt ihn jeder nicht älter als 40 …
Nur allerengste Freunde wissen, er hatte ein langes, hartes Leben, in dem er sich oft wie 110 gefühlt hat. Doch das reibt er niemandem unter die Nase. Das nützt keinen, am wenigsten ihm selbst.
Heute ist aber Vorabend von etwas Neuem. Er hatte sich für morgen extra Urlaub genommen. Der Tag gehört ihm. Der ganze Tag. Als Single kann er in seiner Freizeit sowieso machen, was er will. Warum er in seinem Alter nicht wenigstens schon geschieden war, war entweder eine lange Kette von Pech oder einfach schlau. Zumindest vereinfachte es manche Dinge, und sein Vorhaben kann exakt geplant und nach seinem Gusto ausgeführt werden. Da redet ihm niemand rein.
Das „Frauenthema“ ist eine hochsensible und ebenso hochexplosive Angelegenheit. Auch er hatte sich oft unsterblich verliebt und an die „große Liebe“ geglaubt. Das war jedoch alles nichts weiter als eine Illusion. Genauso, als könnte ein Vegie-Vampir im Dunkeln stehen und darauf warten, dass er seinen Blutdurst besiegt und übertags einem geregelten Bürojob nachgeht. Das funktioniert nicht. Aus. Und so war es eben bei ihm und der Liebe. Simple Beweisführung: Welche Beziehung hatte bis heute zu ihm gehalten? Keine. Quod erat demonstrandum.
Die Fehler bei sich zu suchen oder beim Partner, oder bei beiden zusammen, das hatte er ausgiebig in einer Therapie gemacht. Schluss damit, was zählte, war das Heute. Und heute eben das Morgen. Denn morgen will er mit etwas beginnen, wozu er endlich die Mittel bekommt. Und dann mal sehen …
Auslöser für diese Geschichte war eine erst schleichende dann immer drängender werdende Diskriminierung durch seine Umwelt. All die gesetzlichen Verbote. Leute an der Bushaltestelle. Klar, man konnte sich darüber hinwegsetzen, wo es noch ging. Vielleicht war manch missbilligender Blick oder gekünsteltes Husten auch nur eine paranoide Wahrnehmung? Wenn die Unterscheidung nicht mehr gelingt zwischen offene Missbilligung in seine Richtung oder ein Problem, dass die anderen mit sich selbst haben. Ähnlich wie bei Aberglauben. Vor einem kreuzt eine schwarze Katze den Weg. Von links nach rechts. Das bringt Unglück. Aber Moment, hatte man es richtig behalten? War es nicht von rechts nach links? Eine Richtung bringt nämlich Glück. Aber welche? Das kann einen so konfus machen, dass man auf dem Absatz kehrt macht und einen anderen Weg nach Hause geht!
Der Abend, an dem ihm klar wurde, wenn er sich nicht änderte, stünde er allein da, auch wenn es immer Leute geben wird, die ihr Verhalten niemals ändern, war vor genau einer Woche. Er traf sich in geselliger Runde in einer Rock- und Blueskneipe wie jeden Monat mit einer festen Gruppe netter Leute aus der Szene. Die Abende gehen stets sehr lang. Tja, und da musste er feststellen, nun war er der letzte Idiot, der draußen Nachschub brauchte. Wenigstens einer hatte ihn immer begleitet. Und der war nun umgestiegen. Saß nun feist die ganze Zeit mit am Tisch, während es draußen rattenkalt und das hohle Gelaber der Kellnerin, die sich auch den schnellen Kick reinpfiff, unerträglich war.
Nein, das wollte er nicht mehr. Er wollte es wenigstens versuchen. Abgesehen davon, wieviel Geld er sparen würde, es soll auch viel gesünder sein.
Morgen würde seine E-Zigarette ankommen. Eine ganze Ausrüstung. Er, der starke Tabakraucher, würde Dampfer werden.

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Grund zu feiern

Manche Mails können meine Laune von Null auf 100 verbessern. So gestern die von meinem Verlag. Nach exakt einem Monat „Funkstille“, schließlich bin ich ja nicht der einzige Autor, den er betreut, konnte ich die Satzfahnen als PDF-Dateien in Augenschein nehmen. Buchcover und Textteil (Innenteil). Wow! Meine Vorschläge zum Buchumschlag sind genial umgesetzt!
Wenn jetzt im Textteil noch allerletzte Korrekturen umgesetzt werden, Peanuts eigentlich, leider aber notwendig, erkläre ich alles für druckreif. Denn es heißt ja auch „Druckreifeerklärung“.
Die Dateien gehen an die Druckerei und ich habe alles für mein drittes Buch getan, was ich konnte. Mein Part als Autor ist beendet. Und dann heißt es warten. Vielleicht schaffe ich es ja beim dritten Mal, den Verlag nicht mit überflüssigen Mails zu nerven, wie „Ist die Druckerei abgebrannt?“ … ;-)

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Leseprobe # 3

Ich liebe Science Fiction! Schon als Kind durfte ich all das in mich einsaugen, was mein Vater abends nach Feierabend im Fernsehen sah. Bei drei Programmen ohne Werbeunterbrechungen … Nie werde ich die Enttäuschung vergessen, als mir meine Eltern nicht erlaubten, mir 1978 den ersten „Krieg der Sterne“-Film im Kino anzuschauen! (Heute heißt es dazu: „Wir wussten ja nicht, was das war.“) Ich war noch 11 und es wäre noch nicht ohne Elternbegleitung gegangen. Dieser Text entstand wieder zu einer Hausaufgabe unserer Autorengruppe Sem;kolon. Wir haben den ganzen Abend neben der Kritik an unseren Texten über alles Mögliche diskutiert. Als es darum ging, ein Stichwort festzulegen, nahmen wir einfach einen Begriff aus unserem letzten Meinungsaustausch: Fremdbestimmung. Es handelt sich dabei um ein Preview.

Durst

„Guten Morgen, F-X307. Bitte nehmen Sie von den blauen Tabletten heute zwei mehr!“
Als sie geweckt wurde, indem das Licht in ihrem fensterlosen Raum anging, hat sie sich ordnungsgemäß auf den Feuchtigkeitssammler gesetzt und uriniert, um die Analyse machen zu lassen, die ihre heutige Dosis optimiert.
Zahlenwerte huschen über den Spiegel, der zugleich Display ist und Überwachungseinheit. Sie sieht ihr bleiches Gesicht, fünf Millimeter kurze, blonde Haare und große blaue Augen.
„Bitte denken Sie daran, Wasser ist unsere kostbarste Ressource. Bitte verschwenden Sie unter keinen Umständen Wasser! Sie können sich nun pudern, F-X307.“
Leicht zögert sie.
„Ist etwas, F-X307? Brauchen Sie einen psychologischen Berater?“
Sie erledigt hastig das Pudern. Zieht ihren weißen Overall und ein Paar weiße Sneakers an, die wie jeden Morgen neu in ihrer Größe in der Schublade unter dem Spiegel liegen.
Ein Blick auf ihr Spiegelbild und sie will gehen, doch sie wird noch aufgehalten: „F-X307, Ihr Termin beim psychologischen Berater ist heute um fünfzehn null null, bitte versäumen Sie ihn nicht!“
Ihr Gesicht bleibt ausdruckslos, wie auch das all der anderen, denen sie auf ihrem Weg durch die Gänge begegnet.
Menschen, weiß gekleidet, wie sie auf dem Weg. Ab und zu Ms in orangen Overalls. Sie hat mal gehört, dass Fs nicht den angemessenen Respekt erhalten, um die Ordnung wieder herzustellen. Doch Unordnung gibt es so gut wie kaum. Oder ist das nicht das richtige Wort? Unordnung? Sie hat keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.
„Willkommen, F-X307, Ihre Schicht beginnt jetzt. Bitte kontrollieren Sie …“
Es ist dieselbe Stimme, die sie gerade in ihrem kleinen Appartement gehört hat. Und sie wird sie den ganzen Tag bis zur Schlafempfehlung begleiten. Es ist eine F-Stimme.
Mittagessen. Später Ende der Schicht. Sie weiß, nun wird es schwer, und hastet schon durch die weißen, gleichmäßig ausgeleuchteten Gänge. Ein Oranger spricht sie freundlich an.
„Bitte vermeiden Sie schnelles Gehen, es könnte auf andere provokant wirken!“
„Ja, danke. Wasser ist kostbar.“
Obwohl sie korrekt geantwortet hat, und auch ihr Tempo verlangsamt, schaut ihr der M lange nach.
„Guten Tag, F-X307, M-504 erwartet Sie im hinteren Praxiszimmer.“
„So viel Platz!“ schießt es ihr jedes Mal durch den Kopf. Das macht der fehlende Buchstabe vor der Code-Nummer, weiß sie.
M-504 deutet ihr an, sich zu setzen, an seinem transparenten Schreibtisch liest er noch im Display.
Das ist normal. Ihre aktuellen Daten und Werte.
Nun lehnt er sich zurück. Lächelt.
„Sie sind heute wieder nervös.“
„Ja.“ Es hat keinen Zweck es zu leugnen.
„Wissen Sie, ich habe hier viele Beratungsfälle, die kommen sehr gerne zu mir.“
Sie hält die Luft an.
„Bei Ihnen ist es mir ein Rätsel, warum Sie Angst vor mir zu haben scheinen.“ Er lächelt wieder.
Sie weiß nicht, was „Rätsel“ und „Angst“ ist, aber sie sagt: „Ja.“
„Bitte beantworten Sie mir kurz folgende Fragen.“
Das ist Routine.
„Medikamente?“
„Ja.“
„Von 1 bis 10, wobei 10 das höchste ist: Arbeitsmotivation?“
„8 bis 9.“
„Wasser verschwendet?“
„Nein!“ Sie ist entrüstet.
„Schlaf?“
„Zu der vorgegebenen Zeit.“
„Träumen Sie?“
Keine Antwort.
„Träumen Sie?“
Sie fühlt sich überfordert, zeigt Unruhe.
„Es ist nicht schlimm, wenn Sie nicht wissen, was Träumen ist.“
„Danke. Wasser ist kostbar.“
Der psychologische Berater scheint etwas abzuwägen. Er lächelt sie an.
„In den Zeiten, als Wasser unbegrenzt zur Verfügung stand, wurde noch geträumt. Träume sind Gehirnaktivitäten, die im Schlaf Reize auslösen können. Sie sind nicht real“, erklärt er ihr.
„Wir haben mit der Medikation auch das Träumen abgeschafft, es ist verwirrend und unproduktiv.“
Ruhig ist sie geworden, sie weiß nicht warum.
„Ich lese in Ihrem Dossier, dass Sie Ihre Freizeit nicht mehr mit M-K444 verbringen?“
„Nein. Es steht mir die Wahl für einen neuen Mann zu.“
„Ja, das ist richtig. Doch hätten Sie gerne länger Zeit mit M-K444 verbracht?“
Sie überlegt.
„Nein. Wir haben einander unsere Pflicht erfüllt.“
M-504 tippt auf das Display vor ihm.
„Das ist die richtige Einstellung! Wasser ist kostbar!“
„Wasser ist kostbar.“
Sie steht auf und geht.
Sehr langsam geht sie zurück zu ihrem Appartement. Während sie nachdenkt, wird sie angesprochen.
„Bitte halten Sie durch Ihr verzögertes Gehen nicht andere auf!“
Sie beschleunigt ihre Schritte.
Als sie in ihrem Appartement ist, fällt ihr auf, den Gruß versäumt zu haben …
Sieben Arbeitsschichten später. Sie und M-V340 beginnen sich kennenzulernen. Die gewöhnlichen Fragen und Antworten mit einem gewissen Spielraum. Die kostbaren Getränke bei dieser Gelegenheit.
Am folgenden Morgen ist etwas anders. Sie wacht vor dem Einschalten des Lichts auf. Sie fühlt etwas Schweres. Trotzdem schönes. Aber unbekannt. Von der Schlafempfehlung bis jetzt war etwas. Wie Bilder ohne Kontrolle. Und in dem Moment, als das Licht angeht, weiß sie es. Es waren ihre eigenen Bilder.

 

©hristoph Aschenbrenner; © Christoph Aschenbrenner

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